Nach Angela Merkel und Joachim Gauck nun auch Philipp Lahm und Mario Gomez: Deutschland setzt sich ein für die Menschenrechte in der Ukraine . Die ersten beiden fahren demonstrativ nicht zur Europameisterschaft, die Letzteren wollen unbedingt hin. Darum geben sie vorher zu Protokoll, die Lage dort habe »mit Demokratie nichts zu tun« (Lahm) beziehungsweise sei ganz generell »nicht gut« (Gomez). Das ist eine erstaunliche und erfreuliche Entwicklung: deutsche Kicker, die ihr politisches Bewusstsein nicht beim Kleiderwart abgeben – vollwertige Bürger in kurzen Hosen und Stutzen.

Und siehe da, es wirkt. Der deutsche Arzt Lutz Harms von der Berliner Charité darf nun Julija Timoschenko besuchen , die inhaftierte frühere Ministerpräsidentin, die unter einem Bandscheibenvorfall leidet. Und Timoschenko hat ihren Hungerstreik beendet. Gelänge es, sie zur Behandlung nach Deutschland zu bringen, wäre es ein Erfolg für die Regierung, die seit Wochen Druck gemacht hat.

Unverhoffterweise auch für den DFB. Das erblühende politische Bewusstsein im Profifußball ist ein zartes Pflänzchen. Der neue Verbandschef Wolfgang Niersbach und Teamchef Jogi Löw, immerhin, gießen es bereitwillig, indem sie Spieler ermuntern, ihre Meinung zu sagen.

Welch ein Kulturbruch im Vergleich zu früheren Zeiten! Bei der WM in Argentinien 1978, wo die Diktatur Zehntausende Oppositionelle verschwinden ließ, bissen sich Politik und Fußballverantwortliche lieber noch auf die Zunge, und die Spiele gingen gnadenlos fröhlich weiter. Das wäre heute undenkbar, zum Glück. Dass hinter dem Wandel auch wirtschaftliche Interessen der Sponsoren stehen, geschenkt; wenn es denn einmal aufgeht, was die Funktionäre reklamieren – dass die Milliardenmaschine Sport mit der Aufmerksamkeit der Massen auch Druck zu Veränderungen bringt – dann darf man sich freuen.

Allerdings scheint unser Protest Ikonen zu brauchen, und darin liegt eine Schwäche, vielleicht sogar eine Falle. Ohne Frau Timoschenko mit ihrem goldenen Haarkranz und dem Nimbus der Orangenen Revolutionärin – wäre der Protest überhaupt je laut geworden? Ohne jene Fotos von Hämatomen, die mutmaßlich von Misshandlungen stammen?

Von Amnesty International und HumanRights Watch wissen wir nämlich, dass es viele Blutergüsse in ukrainischen Gefängnissen geben muss, die nie fotografiert werden. Regelmäßig werden dort Oppositionelle zusammengeschlagen, um Geständnisse zu erpressen. Wer sich dagegen wehrt, indem er an die Öffentlichkeit geht, sieht sich mit Prozessen und konstruierten Anschuldigungen überzogen. Das Licht, das auf eine Promi-Gefangene wie Julija Timoschenko fällt, kann schlimmstenfalls die Lage der namenlosen Gefangenen zusätzlich verschatten. Ist der Fall Timoschenko gelöst, verdämmern sie womöglich weiter in den Kerkern. Man hat ja etwas erreicht, und die Ukraine hat sich bewegt: Es droht sich wechselweise bestätigende Selbstzufriedenheit.