LiberalismusDreimal China

Warum das Land sich liberalisieren muss, bevor es reich wird von 

Fischer in Sanya, China

Fischer in Sanya, China  |  © Reuters

Manchmal ist der Umweg schneller, in diesem Fall der nach China über Mexiko-Stadt, wohin Nicolas Berggruen, in Deutschland als Karstadt-Käufer und Kunst-Mäzen bekannt, sein »21st Century Council« einberufen hatte. Es ging um G20 und »Global Governance«; die faszinierendsten Gespräche aber entfalteten sich jenseits der Tagesordnung – zwischen Hauptgang und Kaffee.

Es treten auf: drei Chinesen; nennen wir sie Ping, Ling und Wei. Ping, der Älteste, der noch die Kulturrevolution erlebt hat, gibt den Orthodoxen, eine Mischung aus Konfuzius und KP. Der Professor glaubt nicht an Demokratie, er hält es mit dem »chinesischen Weg«. Schon Konfuzius habe der Mehrheit den Wahrheitsbesitz abgesprochen; das Volk müsse von seinen Herrschern und Denkern geführt werden. Deshalb sei das »Einparteien-Regime gut und vernünftig«; es wisse, was das Volk will und braucht. Privatbesitz? »Wir Chinesen haben schon immer alles geteilt.«

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Ling, der Sozialforscher, ist der Liberale; er kommt vom anderen Ende des Spektrums. Das »chinesische Modell« – autoritäre Modernisierung – sei am Ende. Der neue Reichtum habe allein die überkommene Machtstruktur gestärkt; wer glaubt, dass der freie Markt obsiege, erkenne nicht, dass die Staatsunternehmen immer fetter und mächtiger geworden und in die feinsten Verästelungen der Gesellschaft vorgedrungen sind. Die werde immer schärfer »polarisiert« – zwischen Reich und Arm, Küste und Inland. Entstanden sei eine neue »Machtelite«, die sich selbst fortpflanzt und kontrolliert; »Verantwortlichkeit« und »Gewaltenteilung« seien ihr Schreckgespenst. »Ich will ein Gesetz für alle; ich will den Rechtsstaat, der im Westen lange vor der Demokratie entstanden ist.«

Wei, der Jüngste, ist ein Investor, der sein Geld in Shanghai und San Francisco mehrt; selbstverständlich hat er BWL in Stanford studiert. Die Partei interessiere ihn nicht, der Rechtsstaat auch nicht. Stattdessen macht sich der Realpolitiker lustig über den Westen, der sich seit Wochen mit diesem »blinden Burschen« – gemeint ist der Menschenrechtler Chen – beschäftigt. »Washington hätte Peking keinen größeren Gefallen tun können, als ihn zum Studieren nach Amerika einzuladen. Jetzt ist das Regime schon wieder einen Kritiker los; bald wird ihn in China niemand mehr kennen.« Ergo: »Kümmert euch lieber um eure eigenen Probleme – um die nachlassende Wirtschaftskraft und steigende Arbeitslosigkeit.«

Wer hat recht? Wer wird recht behalten? Das Klügste dazu hat ein Vierter, ein Inder, gesagt, der Chicago-Professor Raghuram Rajan: »Chinas Existenzfrage ist es, ob das Land sich liberalisiert, bevor es reich wird.« Etwa: Wenn nicht, wird es so verkrusten wie die Qing-Dynastie, die letzte, die Anfang des 20. Jahrhunderts an ihrer Dekadenz zugrunde gegangen ist.

Ling, der Liberale, soll das letzte Wort haben. »Anders als unter den Kaisern und unter Mao blühen bei uns 100 Denkschulen. Ich bin auf der richtigen Seite der Geschichte.« Vielleicht lässt sich das in Mexiko leichter sagen als in Peking, wo das Regime selbst Weibo, eine chinesische Version von Twitter, kontrolliert.

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Leserkommentare
    • reven
    • 13. Mai 2012 17:25 Uhr

    Der Durchschnittliche Deutsche hat keinen Schimmer von dem politischen System und von der Geschichte in China, trotzdem meinen manche, trotz mangelende Kenntnisse beurteilen zu können, dass China wegen der "Kultur" demokratieuntauglich ist.
    Etwa das hier:

    Zitat:"Dabei haben sich die Philosophenschulen zwar regelmäßig abgewechselt aber das Ziel war immer..."

    Seit Kaiser Wudi der Han-Dynastie vor mehr als zweitausend jahren wurde der Konfuzianismus als einzige akzeptierten Philosophieschule von den nachfolgenden Dynastie angesehen.Das weiss jedes Grundschulkind in China.

    "Das gegenwärtig bestehende Herrschaftssystem in China scheint sich am Legalismus "

    Das gegenwärtige chinesische Herrschaftssystem hat ihren Wurzeln in dem System der UdSSR.Mag sein, dass einige Struktuern Parallen zu dem Kaiserreich aufweist, aber das politische System des Alten Chinas war seit 1912 tot, wurde verworfen und mit Füssen getreten von den Chinesen selber.
    Ich weiss zwar nicht, woher Ihre Phantasien um den Vergleich mit dem Legalismus kommt, aber die Philosophie des Legalismus im alten China war schon seit dem Ende des 3.Jh. v.Chr verpönt in china un geriet in Vergessenheit.Es gibt keinerlei Hinweise, dass sich der KPCh-Staat an dem Legalismus orientiert, jedenfalls habe ich noch nie von irgendwelchen KPCh-Leuten gehört, die dies behaupten.Woher also diese Behauptung? Der Durchschnittschinese kann nicht mal mit dem Begriff des Legalismus anfangen.

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    Was früher der Feudalherr war ist heute der Parteisekretär.

    • Patze
    • 13. Mai 2012 17:28 Uhr

    ...und weiß, dass die Besitzer der westlichen Welt, XXXXL-Banken und Quasi-Monopolkonzerne hier gerne "reinwollen" und "übernehmen" möchten.

    Allerdings wissen die Chinesen (ebenso wie Russen) auch, dass sie "Oligarchie" auch ganz gut alleine und selbst betreiben können, und sind größen- und machttechnisch auch in der Position dazu, dass mit gesponsorten Farbenrevolutionen da nicht viel zu machen sein wird.

    Und ich weiss nicht, was der chinesische Bevölkerungsdurchschnitt an "Westfernsehen" zu sehen bekommt und die Fortentwicklung der "gedemokratisierten" arabischen Länder zu Tage bringen wird....,
    ....aber noch ein bisschen die Armutsspirale hinunter in den USA und den südeuropäischen Ländern, und die Leute werden dort auch checken, dass ein "Sich liberalisieren muss, bevor es reich wird" wohlmöglich und nicht sehr unwahrscheinlich dazu führen und drauf rauslaufen könnte, dass der erste Teil des Satzes, das Eintreten des zweiten Teil des Satzes versagen wird.

    Und dem "Liberalismus" die Tür zu öffnen, meistens nur zum Einfallen einfallen eines ausländischen Heuschreckenschwarmes führt, der meistens nur sehr wenigen und sehr kurze Zeit Spass macht.

    Die BRICS haben sich ja nicht aus purer Langeweile und Quatsch vor knapp zwei Monaten getroffen und die Auf-den-Weg-Bringung eines eigenen Finanzsystems beschlossen, und es hat auch seinen Grund, warum die BRICs längst auch schon untereinander mit ihren eigenen Währungen Handel betreiben, und dem US-Dollar 'ne Abfuhr erteilen.

  1. uns schauen sich mal zum Beispiel die Motorradbekleidung an. Da war ich der Meinung, das muß qualitativ hochwertige Ware sein bei diesen Preisen. Was im Nachherein bei der ersten richtigen Regenfahrt nicht mehr so zutraf, weil ich wurde von oben bis unten naß wie eine Katze. Nachdem ich mich den ausgekleidet habe und die sachen auf Links waren sah ich zu meiner sehr großen Verwunderung: Made in China!!!
    Ich war erst mal stumm vor Glück. Da geht so eine renomierte Firma, wie BMW her und bietet zu höchstpreisen Motoradkleidung an und lässt sie fürn appel und en Ei in China fertigen!!! Ich habe bei BMW zweimal gekauft, das Erste und Letzte mal!!!

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    Das ist doch mal ein Beitrag der in den Kommentarbereich gehört. Schön, dass die Redaktion sich nach längerer Diskussion dafür entschieden hat, diesen doch nicht zu löschen.

    Danke!!!

  2. Was früher der Feudalherr war ist heute der Parteisekretär.

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    • reven
    • 13. Mai 2012 17:58 Uhr

    "Was früher der Feudalherr war ist heute der Parteisekretär."
    Noch ein Hinweis:
    Feundalherren gab es im Kaiserreich China nicht.Denn das Reich wurde von konfuzianischen Beamten verwaltet, nicht von Feudalherren.Zwar gab es Adlige, aber sie hatten keinerlei Verwaltungsbefugnisse, sondern erhielten, wenn überhaupt, lediglich Steuern von bestimnter Anzahl von Haushalten(Hu)als Einnahmen.Oft war es so, dass Adlige nur Titeln besaßen, und nicht mal Steuerneinnahmen.
    Was Feudalherren jetzt mit den Grundsätzen des Legalismus zu tun haben, frage ich mich sowieso, weil der Legalismus die Erbschaft der Adligen ablehnte, sondern ein System von Rangordnung aufgrund der Leistungen einführen wollte, was ihnen auch gelang im Reich von Qin.Dort wurden Titeln und Land nach anzahl abgeschlagener Köpfe des Feindes vergeben, je mehr abgeschlagene Köpfe, desto höher die Titel und größer der Landbesitz.

    • reven
    • 13. Mai 2012 17:47 Uhr
    29. China

    "Der Legalismus hat sich mit dem 1. Kaiser von China durchgesetzt und steht für einen starken Zentralstaat."

    Genau gesagt war dies der erste Kaiser des Kaiserreiches Qin, denn den Begriff China (Zhongguo) als Staat gab es damals freilich nicht in China.

    Der Legalismus ging mit dem Untergang des Qin Kaiserreiches, das nur wenige Jahrzehnte währte, unter.In der nachfolgende Han-Dynastie war zunächst der Taoismus leitende Staatsphilosophie, dann aber der Konfuzianusmus, und das mehr als zweitausend jahre lang, bis 1912.

    "China hat so eine reiche Kultur und Tradition und wird sich ohne Hilfe des Westens weiterentwickeln."

    Noch mal für Leute, die sich mit der Geschichte der KPCh nicht auskennen.Fast sämtliche Strukturen des politischen Systems der Volksrepublik China haben die KPCh-ler von der damaligen UdSSR kopiert:Parteikomittes, Kaderpartei, Generealsekretär, Parteivorsitzender, Parteibüro, Parteisekretäre, Polit-Komissare, Staatssicherheit, Umerziehungslager, alles Begriffe, die auch in anderen kommunistischen Staaten zu finden sind. Der KPCh-Staat war also ein Kind des "Westens", die KPCh sowieso, übrigens hieß der erste Staat, die die KPCh gegründet hat, die chinesische Sowjetrepublik, in ihrem Geldpapier stand kein Chinese, sondern ein Russe, zwar Lenin. Der Haupt-Mitgründer der KPCh, Li Dazhao, war übrigens Miglied der KPdSU.

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  3. 30. Bravo!

    Das ist doch mal ein Beitrag der in den Kommentarbereich gehört. Schön, dass die Redaktion sich nach längerer Diskussion dafür entschieden hat, diesen doch nicht zu löschen.

    Danke!!!

    • reven
    • 13. Mai 2012 17:58 Uhr

    "Was früher der Feudalherr war ist heute der Parteisekretär."
    Noch ein Hinweis:
    Feundalherren gab es im Kaiserreich China nicht.Denn das Reich wurde von konfuzianischen Beamten verwaltet, nicht von Feudalherren.Zwar gab es Adlige, aber sie hatten keinerlei Verwaltungsbefugnisse, sondern erhielten, wenn überhaupt, lediglich Steuern von bestimnter Anzahl von Haushalten(Hu)als Einnahmen.Oft war es so, dass Adlige nur Titeln besaßen, und nicht mal Steuerneinnahmen.
    Was Feudalherren jetzt mit den Grundsätzen des Legalismus zu tun haben, frage ich mich sowieso, weil der Legalismus die Erbschaft der Adligen ablehnte, sondern ein System von Rangordnung aufgrund der Leistungen einführen wollte, was ihnen auch gelang im Reich von Qin.Dort wurden Titeln und Land nach anzahl abgeschlagener Köpfe des Feindes vergeben, je mehr abgeschlagene Köpfe, desto höher die Titel und größer der Landbesitz.

  4. Beschäftigen Sie sich mit dem Leben in der DDR. Ich helfe Ihnen dabei auch gern. Ein Parteisekretär wird in einer Perteiversammlung gewählt und muss dann natürlich der Parteidisziplin folgen. Entscheiden darf dieser- im Gegensatz zu einem Feudalherren - gar nichts.

    Übrigens erinnere ich mich gern an diese Art der Parteiversammlungen, weil sie mir den Unterschied zur heutigen "Demokratie" deutlich machen.

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  • Serie Zeitgeist
  • Schlagworte China | Liberalismus | Ökonomie
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