Pianist Igor Levit: Vielfraß am Klavier
Igor Levit ist der neue Shootingstar unter den Pianisten. Er spielt Sachen, an die sich kaum ein anderer wagt.
Hitzacker ist nicht das Ende der Welt, obwohl der Bahnhof so aussieht. Ein exquisites Musikleben und sogar zwei Festivals gibt es in dem 5.000-Einwohner-Städtchen an der Elbe. Das Publikum ist anspruchsvoll und, wenn Künstler zwischen den einzelnen Sätzen ihres Programms innehalten, überaus leise. Die Johanniskirche verleiht dem Kunstakt Intimität – bei Klavierabenden sitzen alle um den Pianisten und bestaunen andächtig seine Finger.
Igor Levit – 1987 im russischen Gorki geboren, seit 1995 in Hannover lebend – wird momentan wie ein junger Joseph Brodsky des Klaviers gehandelt. Als Überflieger gilt er, als genialer Hund, dem man keinen Schliff mehr beibringen muss. Wo er spielt, hinterlässt er Verblüffte. Aberwitzig ist die Simultaneität, mit der er sein Repertoire erweitert. In Hitzacker ist er um 16 Uhr mit dem Zug angekommen und müsste seine Generalprobe jetzt effektiv nutzen; in vier Stunden wird er bei der »Musikwoche« Schuberts Moments musicaux spielen und Beethovens Waldstein-Sonate, dazwischen die sperrige 4. Sonate von Sergej Prokofjew. Doch der Künstler packt die Noten gar nicht erst aus.
Seinem Zuhörer, dem einzigen im Raum, spielt er stattdessen etwas Besonderes vor, eine Rarität mit Sprengkraft. Sie beginnt mit einer Melodie in d-Moll, deren Pathos auf der Watte der Melancholie gebettet ist. 36 Variationen lang verliert sich diese Tristesse nicht, doch wird in dieser Zeit die Klavierkunst aus den Angeln gehoben. Levit spielt tatsächlich Frederic Rzewskis unerhörte Variationen über das chilenische Volkslied The People United Will Never Be Defeated. Diese Noten, die den Geist der Revolution atmen, dürften in Deutschland vier, fünf Leute kennen, und wer Levit mit diesem wundervoll-zyklopischen Zyklus neulich in Heidelberg oder in Berlin hörte, wird sie sich kaum besorgt haben: Alles erscheint undurchschaubar darin und an der Schwelle zur Unspielbarkeit.
Levit liebt solche Gewaltakte. Sie wirken bei ihm wie maßlose Grenzübertritte, er ist ja ein diabolisches Spielkind, das im Interview plappert wie ein Pennäler, der ein 1,0-Abitur hinlegt, sich aber bei der ersten Zigarette in die Hosen macht. Levit weiß sehr viel über Musik, jeden Interviewer textet er zu, sogar bei den Barockmeistern Kerll und Muffat kennt er sich aus, doch nie will er dozieren, denn heimlich fürchtet er, von einem Weisen des Halbwissens überführt zu werden. Sein Lerneifer hat jedenfalls etwas Gefräßiges. Das macht ihn liebenswert. Und dass er der Mannschaft von Hannover 96 mal zu einem Fußballspiel nach Kopenhagen nachgereist ist, macht ihn richtig nett. Ein Sonderling ist Levit nicht.
Im Konzert altert und reift Levit allerdings sekündlich. Zwar glückt Schuberts kostbare Schlichtheit nicht ganz, es ist da viel Diskretion, aber es fehlt die Stimmung von Miniaturen, die schon mit großen dunklen Augen schauen. Bei Prokofjew donnert sich Levit die Seele aus dem Leib, als sei nun der Durchbruch für Größeres zu stemmen – und tatsächlich wirkt er nach der Pause bei Beethoven befreit, wie angekommen. Die Waldstein-Sonate nimmt er gar nicht sonderlich sportlich oder gar nassforsch, sie klirrt nicht, sondern hat etwas von frühem Schumann, von einem ritterlichen Gefecht, dessen Kombattanten sich zwischendurch zum fast verträumten Picknick auf dem Rasen niederlassen.
Ein paar Tage später ist Levit abermals mit Beethoven zu hören, diesmal ist es in der Düsseldorfer Tonhalle das 5. Klavierkonzert Es-Dur . Nun wird der Komponist von ihm mit Euer Majestät angeredet, von den ersten Akkordbrechungen an erweist Levit einer Musik die Ehre, die gleichsam über eine ganze Epoche blickt. Jeder Klang hat Panorama und Erinnerung, weitet sich ins Große und Erhabene. Brillanz riecht bei Levit kaum je nach Allüre, es herrscht ein abgeklärter Geist, der den langsamen Satz vor jeglichem Kitsch bewahrt. Das ist wirklich großes Klavierspiel.
In Hitzacker hatte Levit gewitzelt, für jene Furcht einflößenden Rzewski-Variationen benötige er nur noch ein paar Wochen, er lerne sie gerade auswendig, wie er ja auch die Douze Études von Debussy lernen muss, die er am 11. Mai, neben den Douze études d’exécution transcendante von Liszt beim Klavierfestival Ruhr in Essen spielen wird. Indes, Levit kann nicht an Noten vorbeigucken, die auf einem Flügel liegen und die er noch nicht kennt. So trat er am vergangenen Wochenende mit Beethovens 3. Klavierkonzert c-Moll in Saarbrücken auf, kaute sich am Klavier eines dortigen Kapellmeisters aber stundenlang durch Prokofjews Ballettmusik Cinderella. So etwas gelingt Levit, weil ihm ein Gen hilft: das Pianisten-Gen. Musik fliegt ihm zu. Selbst hässliches Zeug bekommt er in wenigen Tagen in die Finger.
Obwohl Levit derzeit überaus präsent ist, auch in den großen Sälen, umdüstert ihn das Image eines Phantoms. Man kann sich nicht dauerhaft von seiner Kunst ernähren, denn weder steht er bei einer Schallplattenfirma unter Vertrag, noch gibt es irgendeine käufliche Levit-CD. Abermals sind es nur vier, fünf Leute, die im Besitz eines Weißbandes sind, einer Vorab-Kopie seiner Aufnahme von Beethovens Diabelli-Variationen. Die spielt er am Sonntag, den 13. Mai, live in Ludwigsburg, und zwar gleich vor dem Rzewski-Monster.
Wissensvielfraß Levit hat herausgefunden, dass Rzewski seine Variationen einer amerikanischen Pianistin zueignete, die für einen Klavierabend ein fulminantes zweites Stück neben den Diabelli-Variationen brauchte. Und wenn Levit in Ludwigsburg nur halb so gut in Form ist wie auf diesem Spezialband, wird es einer dieser denkwürdigen Abende werden, an denen man völlig irritiert nach Hause geht – weil dieser wahnsinnige Kerl mit seinem Pianisten-Gen wieder kein Maß kannte.










Da wir mittlerweile im 21.Jahrhundert leben und die Internet-Zensur noch etwas hinterher hinkt, wäre es doch eine schöne Sache, wenn man - Bildungsauftrag! Gemeinwohl!- solchen Beiträgen ein paar informative Links hinzufügen würde. Zum Beispiel solche:
Igor Levit beim Arthur Rubinstein Wettbewerb 2005:
Paul Hindemith: Suite "1922" Op. 26
1
http://www.youtube.com/wa...
2
http://www.youtube.com/wa...
Max Reger: Fuge aus Variationen und Fuge über ein Thema von Telemann op 134
http://www.youtube.com/wa...
Oder Levit bei der BBC:
Igor Levit plays Bach's Chaconne from Partita n.2 D minor BWV 1004 in the arrangement for left hand by Brahms
http://www.youtube.com/wa...
Interview dortselbst:
http://www.youtube.com/wa...
Oder Levit mit Liszt beim SWR:
Aus: Etudes d'exécution transcendante für Klavier, R 2b S 139: Nr. 1: Prélude. Presto, Nr. 2: Molto vivace, Nr. 3: Paysage. Poco adagio, Nr. 4: Mazeppa. Allegro, Nr. 5: Feux follets. Allegretto, Nr. 6: Vision. Lento, Nr. 12: Chasse neige. Andante con moto
http://www.swr.de/swr2/mu...
Ich weiß nicht, was neuerdings in Frau Büning und Herrn Goertz gefahren ist. Die hysterische Ergriffenheit, mit der sie sich über Rzewskis kruden Brocken und Igor Levits altklug streberhaftes Klavierspiel in die Arme fallen, gibt mir große Rätsel auf.
Ich habe ein Konzert von Levit mit Schubert und Liszt Etüden gehört und war enttäuscht. Wie viele andere spielt er blendend Klavier, doch man spürt permanent den Drang zu beeindrucken, was bei mir eher allergische Reaktionen auslöst. Dass er im Interview altklug daherplappert entspricht so ziehmlich dem Eindruck, den ich von seinem Spiel hatte.
Und auch, dass er ausgerechnet die Diabelli Variationen als erste Einspielung ausgewählt hat, passt ins Bild, schmeckt es doch zu sehr nach einer renommistischen Geste. Ich bezweifle, dass er wirklich etwas mit dem Stück anfangen kann, ein Stück, das einem 20jährigen eigentlich ziemlich unbegreiflich bleiben muss. Denn die Schwierigkeit diesem Stück zu begegnen besteht weniger darin die kompositorischen Struktur zu verstehen (was schon schwer genug ist), als, ähnlich wie im zweiten Teil des Faust, die Abschreitung des persönlichen und kulturellen Erfahrungs- und Erlebnishorizonts, die hier vollzogen wird, nachzuvollziehen. Dazu muss man einfach einen gewissen eigenen Horizont aufgebaut haben.
....Vielleicht ist es ja der Mensch, der die beiden beeindruckt und nicht so sehr das pianistische Ergebnis.....
Igor Levit wurde 1987 geboren.. (siehe Originaltext DIE ZEIT)- wie alt ist dieser begabte Pianist also tatsächlich? Was sollen also die unqualifizierten Bemerkungen über den "altklug daherplappernden" 20jährigen, dem anscheinend ein "gewisser eigener Horizont" fehlen soll?
Außerdem will ich noch auf eine Beethoveneinspielung hinweisen, auf der Igor Levit zu hören ist:
Beethoven, Sämtliche Klavierkonzerte 1-5 [Box-Set]
u.a.mit Igor Levit (Künstler),Helmut Müller-Brühl (Dirigent), Kölner Kammerorchester - NAXOS
ER spielt hier das Piano Concerto No. 1 in C major, Op. 15
....Vielleicht ist es ja der Mensch, der die beiden beeindruckt und nicht so sehr das pianistische Ergebnis.....
Igor Levit wurde 1987 geboren.. (siehe Originaltext DIE ZEIT)- wie alt ist dieser begabte Pianist also tatsächlich? Was sollen also die unqualifizierten Bemerkungen über den "altklug daherplappernden" 20jährigen, dem anscheinend ein "gewisser eigener Horizont" fehlen soll?
Außerdem will ich noch auf eine Beethoveneinspielung hinweisen, auf der Igor Levit zu hören ist:
Beethoven, Sämtliche Klavierkonzerte 1-5 [Box-Set]
u.a.mit Igor Levit (Künstler),Helmut Müller-Brühl (Dirigent), Kölner Kammerorchester - NAXOS
ER spielt hier das Piano Concerto No. 1 in C major, Op. 15
....Vielleicht ist es ja der Mensch, der die beiden beeindruckt und nicht so sehr das pianistische Ergebnis.....
Igor Levit wurde 1987 geboren.. (siehe Originaltext DIE ZEIT)- wie alt ist dieser begabte Pianist also tatsächlich? Was sollen also die unqualifizierten Bemerkungen über den "altklug daherplappernden" 20jährigen, dem anscheinend ein "gewisser eigener Horizont" fehlen soll?
Außerdem will ich noch auf eine Beethoveneinspielung hinweisen, auf der Igor Levit zu hören ist:
Beethoven, Sämtliche Klavierkonzerte 1-5 [Box-Set]
u.a.mit Igor Levit (Künstler),Helmut Müller-Brühl (Dirigent), Kölner Kammerorchester - NAXOS
ER spielt hier das Piano Concerto No. 1 in C major, Op. 15
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