Autor Ingo Schulze"Es waren so viele, die etwas riskierten"

Autor Ingo Schulze über den Zusammenhalt bei den Montagsdemonstrationen und über seinen Wunsch nach einer Revolution. von Herlinde Koelbl

Ingo Schulze (Archivbild)

Ingo Schulze (Archivbild)  |  © Sean Gallup/Getty Images

ZEITmagazin: Herr Schulze, Sie waren bei der Nationalen Volksarmee der DDR, als in Polen 1981 das Kriegsrecht ausgerufen wurde. Hätten Sie den Mut aufgebracht, nicht zu schießen? Eine Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten war ja nicht unwahrscheinlich.

Ingo Schulze: Ich hoffe es, aber wer will das von sich mit Sicherheit behaupten? Wenn man in so einem Schützenpanzerwagen sitzt und nichts von der Welt sieht, und dann kommt ein Befehl. Alles, was vorher theoretisch, prinzipiell, vielleicht auch etwas weltfremd klang, war plötzlich aktuell, und die Angst war groß.

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ZEITmagazin: Was hat Sie acht Jahre später angetrieben, bei den Montagsdemonstrationen mitzumachen?

Ingo Schulze

49, geboren in Dresden, ist ein deutscher Schriftsteller. Nach dem Philologie-Studium in Jena arbeitete er zur Zeit der Wende als Dramaturg am Landestheater Altenburg, später war er Herausgeber des Altenburger Wochenblatts. 1995 veröffentlichte er seinen ersten Erzählband 33 Augenblicke des Glücks. Schulze hat zahlreiche Literaturpreise gewonnen.

Schulze: Als es Ende September in Leipzig hieß: »Wir bleiben hier!«, da dachte ich, dass ich jetzt keine Wahl mehr habe, ich wäre vor mir selbst unglaubwürdig geworden. Ich war ja geblieben, weil ich an Veränderung glaubte. Am Anfang hatte ich Angst und dachte, wenn sie dich schnappen, dann sagst du halt, du willst einkaufen. Aber ab sechs hatten die meisten Geschäfte geschlossen. Leipzig war euphorisch, großartig, für mich auch anonym. In Altenburg, einer Kleinstadt, bedeutete es etwas ganz anderes, in die Kirche zu gehen und zu sagen: »Ich, Ingo Schulze, wohnhaft in der Georg-Schumann-Straße 104, gründe jetzt die Mediengruppe des Neuen Forums, und wer will, kann kommen.« Man gefährdet natürlich auch die, die mit einem leben.

ZEITmagazin: Wie haben Sie sich über Ihre Angst hinweggerettet?

Schulze: Durch das Wissen, dass andere es vor mir taten und es in gewisser Weise vorbereitet hatten, und dass es so viele waren, die etwas riskierten. Als Jugendlicher und Student hatte ich immer geträumt, es müsste so was wie eine Revolution geben. Ich erinnere noch dieses merkwürdige Gefühl am 2. Oktober 1989 in Leipzig. Ich tat nichts anderes als sonst, setzte einen Fuß vor den anderen, aber das bedeutete plötzlich etwas ganz anderes, eine illegale Demonstration. Trotz der Anspannung war es eine nahezu heitere Atmosphäre. Ich war froh über all die anderen, die mich schützten und die ich selbst durch meine Anwesenheit schützte. Bei den Sprechchören dachte ich anfangs, jetzt öffnet sich gleich der Himmel und ein Blitz wird herniederfahren. Und zugleich war das Außerordentliche auch alltäglich: Am 9. Oktober standen wir plötzlich an der Fußgängerampel vor der Post, es war Rot. Erst als es Grün wurde, sind wir auf die Straße. Warum sollte man heldenhaft vor ein Auto laufen?

ZEITmagazin: Denken Sie immer noch, es müsste eine Revolution geben?

Schulze: Ja, wenn man das nicht romantisiert oder sich einen Barrikadenkampf vorstellt. Denn würde das, wovon jeder Politiker spricht, nämlich das Primat des Politischen gegenüber der Ökonomie, wirklich ernst genommen, käme das einer Revolution gleich. Ich bin Angela Merkel für den von ihr verwendeten Begriff der »marktkonformen Demokratie« dankbar. Das bringt unsere Verhältnisse auf den Punkt. Es geht um den Gegenentwurf, um »demokratiekonforme Märkte«. Statt das Vertrauen der Märkte zu gewinnen, müssen wir als Gemeinwesen genau formulieren, was wir unter demokratiekonformen Märkten verstehen, und es einfordern.

Herlinde Koelbl

gehört neben dem Coach und Buchautor Louis Lewitan und dem ZEIT-Redakteur Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe »Das war meine Rettung«. Die renommierte Fotografin wurde in Deutschland auch durch ihre Interviews berühmt

ZEITmagazin: Woher kommt diese kritische Haltung?

Schulze: Es geht nicht um irgendeine Utopie, sondern darum, wie wir als Gemeinwesen, auch als Weltbürger mit Würde überleben – sozial, ökonomisch, ökologisch. Unser Alltag ist von einer mörderischen Doppelbödigkeit. Was bei uns zu Verarmung, Unfreiheit, Krankheit, Benachteiligung, Ausgrenzung führt, kostet anderswo Menschenleben, und das millionenfach. Heute und hier ist es vergleichsweise einfach zu widersprechen, man riskiert nicht so viel, auch wenn es nicht selbstverständlich ist. Die Angst ist auch hier groß. Seit dem notwendigen Fall der Mauer scheint alles Denken über einen anderen Entwurf, der nicht von Privatisierung und Rendite bestimmt ist, diskreditiert. Fragen wie »Wer verdient daran?«, »Wem nutzt es?« sind seitdem unfein geworden.

ZEITmagazin: Sie sind ein wachsamer Gesellschaftskritiker. Wann sind Sie wie die Hanni, Ihre Protagonistin aus »Simple Storys«: »ganz eins mit mir, ganz ruhig, eins wie noch nie«?

Schulze: Oje, da hat sich wohl der Autor etwas erträumt, was er selbst vermisst. Aber es gibt so eine Leichtigkeit, wenn ich ohne Wenn und Aber liebe und geliebt werde. Trotzdem bleibt Glück auch immer eine Differenz. Es ist selten ein Zustand, also etwas länger Währendes. Das Gute und das Schreckliche sind sehr endlich, das tröstet, wenn es nicht gut geht, und das ist das Traurige, wenn es gut geht.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

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