Als Jan Haß den Kühlschrank anschließt, weiß er schon, dass er übers Ohr gehauen werden soll. Er öffnet die Tür. Schimmelgeruch schlägt ihm entgegen. Er rüttelt an der Ablage, haut gegen das Licht, aber da tut sich nichts.

»Der is kaputt«, stellt er fest. Jan Haß, 59, ist ein großer Mann mit Vollbart und norddeutschem Dialekt. Seit zehn Jahren kämpft er bei der Wasserschutzpolizei gegen illegale Müllentsorgung. Heute sollen wieder mal verdächtige Container verschifft werden, nach Ghana und Nigeria. Aber das hat Jan Haß morgens um 8 Uhr gestoppt. Vorläufig zumindest. »Alles ausladen«, hat er die teilnahmslos dreinblickenden Mitarbeiter des Exporteurs angewiesen.

Und nun findet am Hamburger Hafen eine Aufführung statt, die sich jede Woche mehrmals wiederholt: Die Arbeiter schleppen 72 Kubikmeter Kühl- und Gefrierschränke, Monitore, Faxgeräte, Fernseher aus dem Container. Zwei Drucker. Ein Ministepper, Telefone und Bügeleisen. Auf dem Dock türmt sich der Abfall einer Industriegesellschaft.

Alles Gebrauchtgeräte, hat der Exporteur behauptet, der den Container in sein Heimatland verschiffen möchte. Das sagt er jedes Mal. In Afrika würden sie weiterbenutzt. Unsinn, hat sich Jan Haß nach einem Blick auf die Packliste gedacht. Er weiß doch, wie es läuft: Auf Müllhalden in Ghana und Nigeria werden die Geräte von Hand auseinandergebrochen, meistens von Kindern. Die Schadstoffe, die dabei austreten, vergiften Menschen, Luft und Erde.

Kupfer, Stahl, Aluminium, Eisen und ein Teil des Goldes aus diesen Geräten werden nach Asien weiterverkauft. Aber einige besonders wichtige Rohstoffe gehen verloren, Technologiemetalle wie Seltene Erden oder Palladium zum Beispiel. Dabei kann man sie zurückgewinnen, wenn man Hightech einsetzt, moderne Recyclinganlagen. Die gibt es in Afrika nicht. Deswegen bleiben die Rohstoffe für immer auf Kippen. Hierzulande fehlen sie dann.

Es gibt Gesetze gegen diese illegalen Ausfuhren. Es gibt Kontrollen, wie die des Polizisten Jan Haß. Der schreibt jetzt ins Protokoll: 70 Kühlschränke geprüft. 30 funktionieren nicht. Bei neun von ihnen fehlt das Kabel. Von 200 Fernsehern ist die Hälfte kaputt.

Nun ist die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt dran und hakt beim Exporteur nach. Dieser sagt, dass die Geräte alle in Afrika repariert werden sollen. Die Behörde muss den Container zur Verschiffung freigeben.

Jan Haß sagt, das Stück gehe nie anders aus. Und er hat es satt, Statist der immergleichen Inszenierung zu sein. Er wünscht sich endlich einmal einen anderen Ausgang.

»Der deutschen Industrie fehlen perspektivisch die Rohstoffe«, sagt Ulrich Grillo, der Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). »Ohne Rohstoffe können wir nichts mehr herstellen.« An diesem Dienstagvormittag in Berlin Ende April gibt es Orangensaft und Croissants, der BDI hat zum Pressefrühstück geladen.

Die Männer am Kopf der Tafel machen besorgte Gesichter. Am besorgtesten guckt hinter seiner schwarzen Hornbrille Ulrich Grillo hervor. Er hat grau melierte Haare, trägt einen Maßanzug, Manschettenknöpfe und eine hellblaue Krawatte. Grillo kennt sich gut aus im Rohstoffgeschäft, er leitet die Grillo-Werke, eines der wichtigsten Zinkverarbeitungsunternehmen der Welt. Gemeinsam mit anderen großen deutschen Unternehmern hat er eine Vereinigung namens Rohstoffallianz gegründet. Bosch, BASF und BMW sind dabei, Daimler und evonic. Zusammen wollen sie ausziehen und sich Deutschlands Zugang zu Rohstoffen auf der ganzen Welt sichern.

Keiner gibt zu, dass die gesuchten Rohstoffe im Abfall liegen

15 Stoffe hat das Institut für Wirtschaft in Köln ganz oben auf seinem Rohstoff-Risiko-Index gelistet, die über lang oder kurz in Deutschland zu knapp werden: Seltene Erdmetalle, Wolfram, Kobalt und Lithium sind darunter.