In Spremberg ist jetzt Rummel, der Ort hat es so gewollt. Autoscooter, Losbude! Erwartet wird zudem das "echte Helene-Fischer-Double". Das Maifest hat begonnen auf dem Marktplatz dieser Stadt. Die Sonne scheint, die Leute lachen, ein Freitag im herrlichen Frühling. Das ist die schöne Kirmes von Spremberg.

Doch gibt es auch Rummel hier zurzeit, der den Menschen nicht gefallen kann: Journalisten ziehen vom Bahnhof zum Markt, mit Mikrofon und Schreibblock. Die Presse, das Radio, die Fernsehsender: Sie alle stellen drängende Fragen. Wie ist das mit den Nazis im Ort? Ist dies hier ein braunes Kaff? Wohnt in Spremberg, diesem Schmuckstück, hinterm frischen Putz die rechte Brut?

Dies wird glauben, wer gerade die Nachrichten verfolgt: Neonazis attackieren Lokalzeitung , das titelte jüngst ein Blatt. Angriff auf die Meinungsfreiheit , schrieb ein anderes. In Spremberg sind die Dinge offensichtlich aus den Fugen geraten. Dies sollte wissen, wer die Badergasse besucht, das Regionalbüro der Lausitzer Rundschau . Wo René Wappler auf einem Drehstuhl sitzt und Mut beweist.

Wappler, 40 Jahre alt, ist Sprembergs emsiger Lokalreporter. Im ganzen Land interessiert man sich plötzlich für ihn, und manche nennen ihn schon "Held". "Zu viel der Ehre", sagt er gleich und dass er so mutig gar nicht sei. Wappler ist ein höflicher Mensch, mit Pulli und Jeans und mit Gel im Haar. Er stammt aus Cottbus , ein Kind der Region. Berühmt werden wollte er nicht. Nun ist er es, ein bisschen. Gilt plötzlich sehr vielen als Kämpfer gegen Rechtsextreme. "Dabei interessieren mich bloß gute Geschichten", sagt er. "Ein Vorkämpfer gegen rechts bin ich weniger."

Ende April schrieb Wappler jedoch zum wiederholten Male sehr kritisch über Sprembergs Radikale – und damit beginnt seine Heldengeschichte: Vermummte Neonazis am Bismarckturm , das war die Überschrift. Zum Text druckte er ein Beweisbild; ein Gruppenfoto von Sturmhaubenträgern: zwei Dutzend finstere Brüder, vorm Wahrzeichen ihrer Stadt posierend. Ein Bild wie von einer Klassenfahrt, jedoch mit Fackeln, Sturmhauben, großem Banner. Das Bild soll wohl sagen: Wir sind die gruseligen Gesellen. Fürchtet uns! "Deutsche Jugend voran!", steht auf dem Transparent. Und: "Nationalisten Spremberg". Das Bild, sagt Wappler, sei ihm zugespielt worden – von informierter Stelle. "Der Verfassungsschutz", so begann sein Text, "dürfte sich in nächster Zeit besonders für die Spremberger Naziszene interessieren."

Wie wahr: Tatsächlich interessiert sich nun der Verfassungsschutz sehr für Spremberg, diese Stadt von 25.000 Menschen zwischen Cottbus und Hoyerswerda, an Brandenburgs Grenze zu Sachsen . Den Geburtsort Erwin Strittmatters, ein Städtchen an der Spree, das sich "Perle der Lausitz" nennt, und zwar zu Recht: Jeden Ausflug wert, so schön soli-saniert. Wo sich aber die Kameradschaften ausbreiten wie ein fieser Ausschlag, wo die NPD sehr schwach ist, jedoch die freien Kräfte gerade deshalb Platz haben, ihr Unwesen zu treiben. Was Spremberg schmerzt.

Die Nazis rächten sich bald an Wappler, an ihm und an der ganzen Presse. Zwei Tage nach Erscheinen seines Textes schändeten Unbekannte das Redaktionsgebäude des Blattes, das zur Verlagsgruppe Holtzbrinck gehört, die ihrerseits auch 50 Prozent an der ZEIT hält. Es war die Nacht zum vorvergangenen Montag, die Badergasse war längst verwaist. Die Täter besprühten die Scheiben: "Lügenpresse halt die Fresse". Sie hängten Plakate daneben; mit dem Motiv, das Wappler schon in der Zeitung gedruckt hatte – vermummte Faschisten vor dem Bismarckturm. Am nächsten Tag kamen die Kriminellen wieder, diesmal hängten sie Schweinsgedärme an Schild und Tür. Sie besudelten die Straße mit Tierblut, sie kamen wie die braune Mafia und setzten ein Zeichen des Hasses. Dass es Nazis waren, da ist die Polizei sich ziemlich sicher. Ein Anschlag auf die Pressefreiheit! Das war Wapplers erster Gedanke, als er von der Rache der Rechtsextremen erfuhr. "Denen gefällt nicht", glaubt er nun, "dass wir hier unserem Job nachgehen."