SchwedenSchären bringen Glück

Die Inselwelt vor der schwedischen Küste war August Strindbergs liebste Landschaft. Eine Bootstour zum 100. Todestag von Bernadette Conrad

Die Schären vor Stockholm waren liebster Rückzugsort des Autors August Strindberg.

Die Schären vor Stockholm waren liebster Rückzugsort des Autors August Strindberg.  |  © CC BY 2.0 Bengt Nyman/flickr

Stockholms schönste Straße führt hinaus ins offene Meer. In gemächlichem Tempo zuckelt das Fährschiff Cinderella I durch die Bucht, so als sollte den Passagieren Zeit gegeben werden, die prunkvollen Bauwerke an beiden Uferseiten zu bewundern. Mir gegenüber sitzt ein älterer Herr, der diese Fahrt von Stockholm hinaus in die Inselwelt der Schären offenbar nicht zum ersten Mal unternimmt. »Grosshandlarsvillors, im späten 19. Jahrhundert erbaut«, sagt Bengt Larsson freundlich, mit Blick auf die Unternehmervillen und schlossartigen Anlagen. Dann weist er auf ein lang gestrecktes Gebäude mit Türmen und Erkern. »Als ich noch ein Kind war, feuerte einmal ein ausländisches Marineboot Salutschüsse ab, weil der Kapitän dachte, das da sei das Königsschloss. Dabei war es nur ein Sanatorium.«

Zweimal macht das Boot noch fest, in Lidingö, in Vaxholm. »Jetzt beginnt der skärgård«, sagt Bengt, »das Schärenmeer.« Das Schiff nimmt Fahrt auf und sucht sich seinen Weg auf der nun breiter werdenden Meeresstraße, vorbei an kleinen und größeren Inseln, die felsig aus der See ragen, mit Wäldern bestanden, manch Ufer von Häusern gesäumt. So viele Inseln sind es, dass die Umrisse der entfernteren einen einzigen, den Horizont begrenzenden Rand bilden. Knapp zwei Stunden noch werden wir sie durchqueren, diese »Landschaft, gemischt aus Land und Wasser, die sich östlich der Hauptstadt etwa sieben Meilen ins Meer hinaus erstreckt«.

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Die Beschreibung stammt von einem der ersten Stockholmer, der sich in die Schären verliebte – dem Dichter August Strindberg. Im Sommer 1868 reiste der 19-Jährige mit ein paar Freunden nach Sandhamn ganz am Rand der Inselgruppe – erst drei Jahre zuvor hatte die Dampfschifffahrt bis in die äußeren Schären begonnen. Man stellt sich die jungen Leute als eine Gruppe voll Elan vor, Freunde auf Pioniertour, und unter ihnen Strindberg, dessen Mutter schon gestorben war und der zum Vater ein schwieriges Verhältnis hatte. Ein empfindsamer junger Mann voll Lebenshunger.

»Sandhamn ist die schönste Insel«, sagt mein Mitreisender Bengt. Zumal eine der wenigen, die das ganze Jahr über bewohnt seien. Er selbst fahre hinaus, sobald er einen freien Tag habe. »Noch ein paar Wochen, dann ist alles voll mit uns Nullachtern.« So nennt man hier die Stockholmer – nach ihrer Telefonvorwahl. Erst in der letzten halben Stunde der Fahrt erahne ich das offene Meer: Der Riegel aus unzähligen, sich fast überlappenden Inselumrissen löst sich auf, die See wird wilder, das kleine Schiff schaukelt. »Noch weiter draußen gibt es dann nur noch Robben«, sagt Bengt.

Dann fahren wir in den kleinen Hafen von Sandhamn ein: Auf der rechten Seite überragt das alte Zollamt, ein wuchtiges gelbes Steinhaus, das ehemalige Telegrafenamt und das Värdshus, den Gasthof. Diese wichtigsten drei Gebäude des Ortes sah auch der junge Strindberg, als er hierherkam, um den pensionierten Zollinspekteur Elias Sehlstedt kennenzulernen, der als amüsanter Plauderer bekannt war und als Erster Gedichte und Artikel über die Schären schrieb. Strindberg versuchte seinen Stil zu imitieren, und bald mündete seine eigene Begeisterung über die Eilande und die See, Lotsenschiffer und Inselbauern, in einen Schreibfluss, der ein Leben lang nicht enden würde. Die Schären wurden seine liebste Landschaft und finden sich als Handlungsort überall im Werk – wie in dem Roman Die Hemsöer, der noch immer sein populärster Text in Schweden ist.

Auch andere Dichter, Maler und Künstler entdeckten Sandhamn und Umgebung für sich. Bis heute ist es so geblieben: Der Krimiautor Stieg Larsson ließ eine Szene im Sandhamner Värdshus spielen, der Lyriker und Nobelpreisträger Tomas Tranströmer hat auf der Nachbarinsel Runmarö sein Haus.

Frühjahrshell, lieblich und sandig – Sandhamn ist so, wie sein Name klingt

Hinter Zollhaus und Värdshus ist das Dorf auszumachen; dunkelrote und gelbe Holzhäuser mit breit heruntergezogenen Dächern, kreuz und quer und so nah beieinanderstehend, als wären sie eine Herde Vieh, die sich an einem Ende der Weide zusammendrängt. Sandige Pfade verlaufen zwischen mit Steinen eingefassten Miniaturgärten. An einigen Stellen ragen Felsblöcke zwischen den Häusern auf, kleine Aussichtsposten mit Blick auf das Meer oder den Friedhof, der erbaut wurde, als die Cholera bis auf die Insel kam. Dahinter ein Wald aus knorrigen Eichen und Kiefern. »Genießen Sie Sandhamn jetzt, solange nur die 100 Einheimischen und wir paar Nullachter da sind«, sagt Bengt zum Abschied. »Im Sommer wohnen dann 3.000 Leute hier, und noch mal so viele kommen als Tagesgäste dazu.«

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