Also: Entwickeln wir mit! Halten wir die Sprache lebendig! Treten wir ihrer Verarmung und Verschandelung entgegen, und hören wir auf, vor jedem modischen Unfug in die Knie zu gehen.

Die zweite Entwicklung, die allen Freunden der Sprache Sorgen machen muss, ist mit dem Internet über uns hereingebrochen: Mail, Blog, Tweet, Chat haben die Zahl der geschriebenen Wörter dramatisch vermehrt und die Sorgfalt im Umgang mit ihnen dramatisch vermindert. Die Mailer und die Seriösen unter den Bloggern (die gibt es ja) können zwei Nachteile kaum bestreiten: Man huscht über die Tasten eines Geräts, das immer auf dem Schreibtisch steht – kein Papier mehr zurechtlegen, vom Kuvert zu schweigen; dazu mit dem schönen Gefühl: Und beim Empfänger kommt das Geschriebene sofort an, so wie die gesprochene Sprache. Der hat sich die geschriebene damit angenähert – mit allen Vorzügen der Spontaneität und allen Nachteilen der Schwatzhaftigkeit, des Nicht-mehr-Zögerns, Nicht-mehr-Feilens, Nicht-mehr-Korrigierens.

Das Blog hat anstelle des Adressaten ein diffuses Publikum, und der Absender muss sich nicht identifizieren. Das verbinde sich oft mit »einer zunehmenden Enthemmung im Schutze einer tapfer verteidigten Anonymität«, spottete Bundestagspräsident Lammert (am 18. März im Rückblick auf den Sturz des Bundespräsidenten Wulff). Aus beiden Nachteilen folgt millionenfach die Versuchung, loszupoltern, ja herumzupöbeln; die Sprache also in Tiefen zu zerren, die früher allenfalls dem Ohr zugemutet wurden – dem Auge nie.

Die dritte Entwicklung, die der Freund der Sprache nicht begrüßen kann, ist der immer noch anhaltende Siegeszug der unsinnigen unter den Anglizismen. Ein großes Unternehmen bereicherte das Deutsche vor Kurzem um das kostbare Wortgebilde Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten; und was seit 1954 Eurovision hieß, deutsch ausgesprochen wie der Euro noch heute, geht neuerdings als »Jurowischn« über die Sender. Als ob man sich des Deutschen schämen müsste! Es war und ist eine der großen Kultursprachen auf Erden. Nur auf Englisch und Chinesisch erscheinen noch mehr Bücher als in deutscher Sprache, nur aus dem Englischen und dem Französischen werden noch mehr Bücher als aus dem Deutschen in andere Sprachen übersetzt.

Die vierte Entwicklung: das »Kiezdeutsch«, die Sprache mit Migrationshintergrund, vorzugsweise von unter Zwanzigjährigen gesprochen: »Ich mach dich Messer.« Dass sie so reden, ist nicht das Problem – sondern dass in solcher Stummelsprache schon geworben wird (»Soo! muss Technik«, Saturn 2012), ja dass es Sprachwissenschaftler gibt, die diesen Slang loben: Er sei kein Kauderwelsch, sondern ein »innovativer Dialekt« des Deutschen, geradezu ein Vorbild für die überfällige Vereinfachung der deutschen Grammatik. Die Kiezdeutsch-Sprecher werden also ermutigt, sich ums Hochdeutsche gar nicht zu bemühen – statt dass man das Mögliche tut, sich der Chancengleichheit dadurch zu nähern, dass man alle, die in Deutschland wohnen, ermuntert und darin fördert, in die große Sprache »Deutsch« hineinzuwachsen!

Zwei Beiträge dazu leistet dieses Heft. Der eine: Es stellt einige der großartigsten Meister des Deutschen vor, als Aperitif und Ermutigung. Der andere: Alle, die unsere Sprache lieben (und zugleich kein Problem mit korrekten Genitiven haben), versucht es für eine Einsicht zu gewinnen, die an unseren Schulen und Universitäten ein Kümmerdasein fristet: dass jeder, der nicht nur von seinem Lehrer oder Professor, sondern von anderen, vielleicht sogar von vielen gelesen werden möchte, um die Leser werben muss – und dass es dafür nicht genügt, den Wortschatz zu pflegen und die Grammatik zu beherrschen. Journalisten wissen: Wenn ihre Texte zu 20 Prozent gelesen werden, müssen sie schon zufrieden sein; das Nichtlesen, jedenfalls das Nicht-zu-Ende-Lesen war schon im 20. Jahrhundert das statistische Normalverhalten, und mit der elektronischen Wortexplosion hat das Missverhältnis zwischen Geschriebenhaben und Gelesenwerden sich drastisch verstärkt. Werben also: um Aufmerksamkeit, um Zuwendung, idealerweise um Sympathie!

Aber wie macht man das? Dafür werden in dieser Beilage 20 praktikable, ziemlich bewährte Rezepte angeboten. Den hier vorgestellten sieben »Großmeistern« nähert sich natürlich noch keiner, der sie befolgt. Wie schön aber, dass man ein paar dieser Lektionen aus jedem der Meister destillieren könnte. Und zwei – Heine und Kafka – haben sogar durchweg so geschrieben, dass wir sie uns beim Werben um Leser zum Vorbild nehmen können: glasklar verständlich, mit Farbe, mit Feuer und mit Kraft. Machen wir davon Gebrauch!

»Die Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf!«, mahnte Tucholsky.