Deutsch-StilkundeDie Sprache ist eine Waffe

Aber sie lässt uns auch träumen, sie erklärt uns die Welt. Seien wir gut zu ihr! von Wolf Schneider

"Halten wir die Sprache lebendig!", fordert Wolf Schneider.

"Halten wir die Sprache lebendig!", fordert Wolf Schneider.  |  © knallgrün/photocase.com

Was wir hören, was wir lesen, wie wir sprechen, wie wir schreiben: Nichts formt uns und bewegt uns, nichts bereichert uns mehr, nichts prägt unsere Rolle unter den Menschen stärker als unser Umgang mit der Sprache. Sie ist das gewaltige Erbe, in das wir hineingeboren worden sind – in tausend Generationen aufgehäuft und fortentwickelt, beladen mit allen Irrtümern und Vorurteilen unserer Ahnen, beflügelt von ihren Träumen, Visionen, Ideen.

Begriffe bilden, Ideale aufstellen und mit ihnen die Wirklichkeit verändern: Das ist, weit über die Verständigung hinaus, die wichtigste Leistung der Sprache. Gerechtigkeit! Finden wir sie etwa in der Natur? Sind wir uns auch nur einig darüber, was sie im konkreten Fall bedeuten soll? Aber das große Wort ist da, als Banner steht es über uns, und so trägt es dazu bei, dem Ideal, das da kühn und unscharf ins Wort gehoben worden ist, ein wenig näher zu kommen, als wenn wir es in unserem Wortschatz nicht vorgefunden hätten. Es gehört zu jenem »ungeheure[n] Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet«, sagt Nietzsche.

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Oft gehen wir so weit, der Wirklichkeit mit unseren Wörtern Eigenschaften vorzuschreiben, die sie nicht hat: Ist die Natur denn bereit, am 1. Juni (meteorologisch) oder am 21. Juni (astronomisch, kurios genug) mit dem »Sommer« zu beginnen – bloß weil wir das Wort in die Welt gesetzt haben und es noch dazu mit der Erwartung von ständiger Sonne und Wärme verknüpfen, aller deutschen Wahrscheinlichkeit zuwider? Wir können wetten: Irgendwann im Juli werden Journalisten und Fernsehmeteorologen tadelnd fragen, wo »der Sommer« bleibt.

Nichts zeigt die Macht der Sprache eklatanter: Wie wir etwas nennen, ist uns wichtiger, als wie es ist. Mit unseren Wörtern etikettieren wir die Fülle der Erscheinungen und erwarten dafür Gehorsam von ihnen. Wörter sind heilig. Sie tragen unsere Hoffnungen und unsere Ängste, unsere Wünsche und Gebete und unseren Trost; mit ihnen erschaffen wir die Philosophie und die Utopie, die Poesie und den Witz. Dieses schillernde, grandiose Erbe zu vergeuden oder gar zu verhunzen ist die größte Torheit, die wir begehen können. Aber begangen wird sie.

Vier Entwicklungen vor allem müssen jedem Freund der Sprache Sorgen machen. Die erste Entwicklung: Auch dort, wo die Schreiber die Sprache noch pfleglich behandeln wie in der Mehrzahl der Druck-Erzeugnisse, findet seit Jahrzehnten ein Wortschwund oder eine Wortverfälschung statt. Dass »scheinbar« »dem falschen Anschein nach« bedeutet und folglich nie mit »anscheinend« verwechselt werden darf, ist immer weniger Deutschen geläufig. »Wähnen« liest man im Dutzend in der Zeitung, wo »glauben« gemeint ist – und es heißt doch: »fälschlich glauben«, »sich einer Wahnvorstellung hingeben«! Hören solche Schreiber sich selber nicht mehr zu? »Die Passagiere der Titanic wähnten sich in Sicherheit« – wie viel Kraft, wie viel Information in nur zwei Silben!

Ähnlich schlimm: »Vermeintlich« findet man mit »vermutlich« verwechselt, und es besagt doch das Gegenteil – der vermutliche Täter war es wahrscheinlich, der vermeintliche war es gerade nicht. Woher solcher Absturz? Immer mehr junge Leute (fast die Hälfte, wird geschätzt) lesen keine Bücher mehr, und an deutschen Schulen regiere, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, jene »Spaßpädagogik«, die den Schülern jegliche Mühe ersparen wolle.

Man komme nicht mit der beliebten Redensart: »Die Sprache entwickelt sich eben.« Wo die Entwicklung eine Verarmung wäre, da sollten bei allen Deutschen die Alarmglocken läuten. Vor allem aber: Das »sich« in dieser Schutzbehauptung ist einfach falsch – als ob die Sprache ein abgehobenes Medium wäre, das sich Entwicklungen leistet! Sie wird entwickelt mit allem, was wir sagen oder nicht sagen, schreiben oder nicht schreiben – manchmal sogar von einer einzelnen Person: Bismarck hat der Deutschen Reichspost nicht weniger als 760 Eindeutschungen aufgenötigt – und noch heute hat niemand etwas dagegen, dass wir nicht mehr »rekommandieren«, sondern »einschreiben« sagen und nicht mehr »poste restante«, sondern »postlagernd«. Alice Schwarzer hat an der Spitze einer kleinen Gruppe von Feministinnen erzwingen können, dass jede deutsche Behörde und die meisten Unternehmen den Mitarbeitern heute bei jeder Nennung die Mitarbeiterinnen ausdrücklich zur Seite stellen.

Leserkommentare
  1. Ich finde es schön, dass Sprache eine Entwicklung durchmacht. Wenn der Kiezdeutsche kiezdeutsch spricht, der Angestellte im Personalbüro von Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten und der Bildungsbürger deutsch, dann ist für mich die Welt in Ordnung.

    Ich will gar nicht von jedem verstanden werden, noch will ich alles verstehen können. Bin ich Dolmetscher? Mit dem Auseinanderdriften der Jargons entwickeln sich à la longue ganz eigene Sprachen, die über das gegenseitige Verständnis Gleichgesinnter Zusammenhalt und Geborgenheit bildet.

  2. 10. Ja und?

    Wähnt sich der Autor allein auf weiter Flur, als letzter edler Recke mit der Mission „Verteidigung der deutschen Sprache“?

    Das ist wohl eher falsch.

    Durch Mobiltelefone im Besonderen und durch das Internet im Allgemeinen wird die deutsche Sprache eher förderlich behandelt. So können Sie ja mal versuchen, per SMS eine Kurznachricht zu verfassen - ohne ausreichende Rechtschreibkenntnisse, aber eingeschalteter Wortergänzung. Das wird nichts.

    Sicher, im Internet wird sehr viel Unsinn geschrieben - aber es wird geschrieben, und zwar viel! Das bedeutet, dass auch Menschen, welche in früheren Zeiten praktisch gar nichts gelesen oder geschrieben haben, sich nun auch mit der Sprache beschäftigen.

    Nun zu erwarten, dass jeder Internet User nur noch sprachlich hochwertige Literatur konsumiert oder verzapft - welch eine törichte Vorstellung!

    Ich halte das Internet für einen Segen, für einen sehr großen Gewinn, ganz besonders für die deutsche Sprache.

    Und diese „Kiezdialekte“ - nun, die hat's schon immer gegeben. Nur wurden diese nicht so weit bekannt, da alles viel „lokaler“ war. Die Medien verbreiten jede noch so kleine Nachricht bis in den letzten, vom Internet erreichbaren Winkel dieses Planeten. Ja, sogar darüber hinaus.

    Es gibt überhaupt keinen Grund zum Greinen – die Sprache lebt, entwickelt sich und wird immer weiter verbreitet. Und die Ansprüche werden steigen, sobald wir aus dem Bildungstal mit seinen Niederungen „BILD“, „RTL“, „SAT1“, ARD“, „ZDF“ usw. heraus sind.

  3. Mal wieder. Diese Debatte ist älter als die meisten Autoren, die sich daran beteiligen. Die Sprache ist kein starres Gebilde, sondern wird von uns Menschen stetig weiterentwickelt, eben an die entsprechenden Umstände angepasst.

    Internationale Konzerne, Firmen mit globalen Partnern müssen natürlich wissen, was die Abteilungen in Übersee oder jenseits des Ärmelkanals anstellen, also brauchen sie "Business"-Deutsch. Jugendliche wollen sich abgrenzen, bekommen hunderte Einflüsse aus den Medien und auch oft einfach nur kurz eine Aussage machen; der "Kiezdialekt" entsteht und wird gepflegt. Auch die Internetcommunity hat ihren eigenen Slang, der sich oft aus dem Tippen direkt ableitet; oftmals sollen schnell Informationen ausgetauscht werden, auf begrenztem Raum. Also kamen Smileys und Abkürzungen a la "lol" in Mode.

    Die Sprache wird von den Menschen an den Kontext angepasst, in dem sie benutzt wird. Sie ist ein Werkzeug der Verständigung und Manipulation. Nicht einmal Schriftsteller müssen sich einem Goethe-Deutsch hingeben, denn auch hier gilt; die Sprache wird durch den Kontext definiert. Lässt man den Menschen in einem postmodernen Stück Schachtelsätze wie die Manns aufsagen, wirkt es wohl kaum glaubwürdig. Aber natürlich ist für Denjenigen, der mit der Sprache möglichst prägnant, subtil manipulieren will, das längere Nachdenken, das Schöpfen aus poetischen Mitteln Pflicht.

    Der Großteil der Bevölkerung jedoch will sich einfach unterhalten. Sollen sie, wie sie wollen.

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    "Internationale Konzerne, Firmen mit globalen Partnern müssen natürlich wissen, was die Abteilungen in Übersee oder jenseits des Ärmelkanals anstellen, also brauchen sie "Business"-Deutsch. Jugendliche wollen sich abgrenzen, bekommen hunderte Einflüsse aus den Medien und auch oft einfach nur kurz eine Aussage machen; der "Kiezdialekt" entsteht und wird gepflegt. Auch die Internetcommunity hat ihren eigenen Slang ..."

    Im grossen Stimmengewirr ist es wichtig, zu erkennen, wer mir etwas zu sagen hat. Und das ist nur der, der meine Sprache spricht. Unschön ist es, wenn eine Frau Wiese oder ein Herr Schneider die Separationsintention des Jargons ignorieren und daran herumschrauben wollen.

  4. "Internationale Konzerne, Firmen mit globalen Partnern müssen natürlich wissen, was die Abteilungen in Übersee oder jenseits des Ärmelkanals anstellen, also brauchen sie "Business"-Deutsch. Jugendliche wollen sich abgrenzen, bekommen hunderte Einflüsse aus den Medien und auch oft einfach nur kurz eine Aussage machen; der "Kiezdialekt" entsteht und wird gepflegt. Auch die Internetcommunity hat ihren eigenen Slang ..."

    Im grossen Stimmengewirr ist es wichtig, zu erkennen, wer mir etwas zu sagen hat. Und das ist nur der, der meine Sprache spricht. Unschön ist es, wenn eine Frau Wiese oder ein Herr Schneider die Separationsintention des Jargons ignorieren und daran herumschrauben wollen.

    Antwort auf "Armageddon"
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    "Im grossen Stimmengewirr ist es wichtig, zu erkennen, wer mir etwas zu sagen hat. Und das ist nur der, der meine Sprache spricht."

    Sie haben mein Mitgefühl.

  5. Treibling ist neu für mich. Ich beantworte übrigens Ihren Beitrag auf einem Klapprechner.

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    „Ich beantworte übrigens Ihren Beitrag auf einem Klapprechner“.

    auf so einem ?
    http://homepage3.nifty.com/KESL/photo/P1010856_fx-5800P-s.jpg

    oder so einem ?
    http://www.rettinger.ag/mediac/400_0/media/Taschenrechner.JPG

    doch wohl eher auf einem Ding namens Laptop
    http://www.martin-schule.de/images/FoeVer/laptop.jpg

    Auf Teufel komm raus alle Anglizismen zu verteufeln ist abwegig, denn wie im konkreten Fall bereichern sie unserer Sprache um Fachbegriffe zu denen es in der deutschen Sprache keine entsprechend kompakte und präzise Entsprechungen gibt.

    Manche Fremdworte machen Sinn, manche aber auch nicht und haben dann auch noch so einen schicki-micki-Beigeschmack.
    Ein Fahrrad z.B. nun „Bike“ zu nennen, oder Kinder nun „Kids“, oder Beruf nun „Job“ usw., muss nicht sein. Und statt gefühlvoll und verbindlich zu schwören, „ich liebe dich“ dafür das etwas grob und unverbindlich dahergesagt wirkende „i love you“ doch wohl auch nicht.

    Offenbar haben viele eine zunehmende Hemmung über Gefühle zu sprechen, da sind so manche Fremdworte, vor allem Amerikanismen ihrer Lockerheit und Unverbindlichkeit wegen offenbar willkommen.

    Hier scheint die Veränderung der Sprache auch eine Änderung kollektiver Befindlichkeiten widerzuspiegeln.
    Wenn sich bereits deutsche Schüler diese deutschtürkische Aussprache aneignen („sch“ statt „ch“ usw.) deutet das wohl auf eine Befindlichkeit, eine Furcht hin, ohne diese Sprachanpassung als Minderheit in einer Klasse aufzufallen bzw. abseits zu stehen.

  6. Nicht nur, das mein komischer Nachbar als Markenzeichen der eigenen Kuriosität verschiedenfarbige Socken trägt. Viel schlimmer!(!) Das wollt ich mal sagen dürfen.
    Neulich, als mir dieser Papagei wieder über den Weg lief, rutschte mir doch so ein aufreizend frecher, kaum zu bändiger Gedanke über die Lippen. Ich wollte ihn gerade noch so abfangen und wegsperren, aber da suchte sich doch dieses Luder einen Schleichweg durchs Mittelhirn (diesem anthropologisch eigentlich längst stillgelegten Hirnareal) und gelangte über mein unbewusstes Sprachzentrum nach draußen direkt ins rechte Ohr meines muskelbepackten Nachbarn.
    Die Reaktion brauche ich nicht näher erläutern.
    Aber danach hatten diese bunten Partystrohhalme, die bei Mama schon ewig im Küchenschrank rumlagen endlich mal eine vernünftige Verwendung.
    Schluck auf.

    • Packal
    • 11. Mai 2012 16:36 Uhr

    "Die Sprache wird heute so schnell umgebildet, dass sie verkommen und verlottert ist. Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit, Schwulst, Ziererei und grammatische Fehlerhaftigkeit nehmen zu." Gustav Wustmann, Philologe, 1891.
    Hätte der gute Mann Recht gehabt, so würden wir uns heute gegenseitig angrunzen. Selbsternannte Sprachpfleger kann man getrost ignorieren.

  7. Der Autor erhebt die Sprache auf ein Level, auf dem ... ja, was eigentlich?

    Sprache dient dem Zweck des Umgangs miteinander. Das wichtigste dabei ist, dass sich die Menschen verstehen, dass sie tatsächlich "die gleiche Sprache" sprechen.

    Wenn der Autor nun einen Hort der Sprachgeborgenheit fordert, dann will er im Grunde nur einen Elfenbeinturm errichten und auf die vielen blogs und SMS herabblicken.

    Dabei sind es genau diese Kommentare und Twitter-Nachrichten, welche die Sprache darstellen.

    Kurz: so sprechen wir, so sieht schriftliche Sprache in der Verwendung durch die Mehrheit aus.

    Im übrigen sollte man es nicht unerwähnt lassen, dass ein Großteil der Bevölkerung Umgangssprache spricht, meist dazu noch in der Aussprache eines Dialekts.

    Das vom Autor beschworene Hochdeutsch ist eine Kunstsprache, die den Umgang der Menschen miteinander nicht widerspiegelt. Die Hochsprache wird vielen erst in im Laufe der Schulzeit beigebracht, ähnlich wie Fremdsprachen.

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    "Wenn der Autor nun einen Hort der Sprachgeborgenheit fordert, dann will er im Grunde nur einen Elfenbeinturm errichten und auf die vielen blogs und SMS herabblicken."

    So habe ich Wolf Schneider nicht verstanden. Von "herabblicken" ist nirgends die Rede und er beklagt doch offensichtlich das Divergieren der Sprache. Dass dies eine Realität ist, steht ausser Frage, ich denke aber sogar, dass es wünschenswert ist, s. o.

    Ein Elfenbeinturm ist eine Insel der Seligen. Glücklich, wer ihn nicht verlassen muss.

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