Werbeträger für Umweltschützer: Orangutans, hier in einem Nationalpark in Sumatra © Sutanta Aditya/AFP/Getty Images

Benji spricht fast jeden an, der an ihm vorübergeht: »Mal kurz stehen geblieben!« Bloß keine Frage stellen, die mit Nein beantwortet werden könnte.

Benji verkauft Mitgliedschaften bei Hilfsorganisationen. Die setzen sich mal für Menschenrechte und mal für Umweltschutz ein. Heute bringt Benji Kinderpatenschaften für World Vision an den Mann. Sein Arbeitsplatz: Die S-Bahn-Haltestelle Warschauer Straße in Berlin-Friedrichshain.

Benji arbeitet aber nicht bei World Vision, sondern im Auftrag der Fundraising-Agentur Voices. Auch das Werben für die gute Sache wird mittlerweile an externe Dienstleister ausgelagert. Benji ist einer von etwa 5.000 hauptberuflichen Dialogern, so werden die Straßenarbeiter genannt. Zu viert stehen sie heute am Stand in Friedrichshain, Männer zwischen 22 und 35 Jahren. Man spricht sich in der Szene ausschließlich mit dem Vornamen an. Die Dialoger verdienen entweder 30 Euro fix am Tag und erhalten pro angeworbenem Förderer eine Provision von bis zu 36 Euro, oder sie bekommen eine monatliche Pauschale.

Benji, blonde Locken, blaue Augen, ist Anfang zwanzig, fast fertig mit dem Bachelor in Philosophie, Geschichte und Germanistik, aber seit einigen Monaten Dialoger in Vollzeit. Er habe keine Lust, »im System« zu arbeiten, sagt er, vieles in Politik und Wirtschaft sei verlogen. Lieber engagiere er sich gegen das Übel in der Welt. Hundertprozentig, sagt er, stehe er hinter den Anliegen der Hilfsorganisationen, für die er wirbt.

Pro Stunde spricht Benji 40 bis 50 Passanten an. Die meisten gehen an ihm vorbei. Dennoch unterschreiben durchschnittlich fünf Menschen pro Tag bei ihm eine Mitgliedschaft, vertrauen jemandem, den sie gerade erst getroffen haben, ihre Bankdaten an und unterschreiben eine Einzugsermächtigung. Er macht einen Fünferschnitt, heißt das im Jargon der Dialoger. Und das ist in der Branche gar nicht mal schlecht.

Wie genau funktioniert das?

»Es liegt an der Persönlichkeit des Dialogers«, sagt Benjis Kollege Jörg Neuhold. Der 24-Jährige ist seit vier Jahren Fundraiser und so erfolgreich, dass er mittlerweile bei Voices das Personal für die Straße trainiert. Jörg hat einen Zehnerschnitt. »Man muss wirklich begeistert sein von der Sache«, sagt er. Als Backpacker sei er ein Jahr lang durch Brasilien gereist, erzählt er. Dort habe er »einige Geschichten aufgeschnappt, was mit der Bevölkerung passiert, wenn wir aus Profitgier unseren Planeten zerstören« – und habe sich im Amazonasgebiet an Bäume gekettet. Jörg ist fast zwei Meter groß, seine Dreadlocks reichen ihm bis zum Hintern. Durch die Ohrlöcher hat er handtellergroße dunkle Holzspiralen gesteckt, die seine Ohrläppchen bereits beträchtlich geweitet haben.

Über seinen Job spricht Jörg wie über eine Arkanwissenschaft: überall Geheimnisse! Die zwei, drei anderen großen Agenturen, die auch in diesem Bereich arbeiten, können gar keinen Ansprechpartner vermitteln. Wenn man die Fragen vorher schicke, könne man möglicherweise in zwei Monaten einen Termin vereinbaren. Es ist schon erstaunlich: Auf der Straße geben sich alle redselig, doch sobald es ums eigene Geschäft geht, beginnt das große Schweigen.