Bei der Eröffnung der Hamburger Abercrombie-Filiale Ende April standen gestählte Männermodels Spalier. © dpa

Schwarz ist das Haar dieses Angestellten, rasiert seine Brust, weich seine Haut. Routiniert legt sich sein Arm um jede weibliche Taille neben ihm, sodann macht seine Kollegin eine Polaroid-Aufnahme. Der Jüngling greift langsam in die rechte Gesäßtasche seines einzigen Kleidungsstückes, zieht eine kleine Pappschachtel heraus, fügt das Polaroid ein und übergibt es lächelnd der mit ihm fotografierten Besucherin: Willkommen bei Abercrombie & Fitch, der Marke, die so sexy ist, dass man im kühlen Hamburg schon schwitzt, wenn man das düstere Geschäft betritt und in die Arme des jungen Mannes getrieben wird.

Nun gibt es also zwei Filialen dieser Lieblingsmarke aller Teenager in Deutschland, eine in Düsseldorf und eine hier. Sie sind mit großem Pomp eröffnet worden – weitere sollen folgen. Auch von Hollister, der Tochtermarke.

Die Schlange junger Menschen vor dem Eingang ist lang. Es gibt Türsteher. Angeblich weil wegen Feuerschutzbestimmungen nicht so viele Leute in den Laden dürfen. Andererseits macht so eine Schlange einfach was her.

Mit dem Polaroid in der eigenen Gesäßtasche geht es durch holzvertäfelte Gänge weiter, vorbei am überlebensgroßen Foto eines sehr jungen Mannes, der sich in knapp gehaltene Shorts greift, hinein in ein Treppenhaus mit mächtigem Kronleuchter. An den Wänden Gemälde: hemdsärmelige Jünglinge an Flussläufen, die mit bloßen Fersen die Flanken ihrer Pferde schlagen.

Prüde Jogginghosen und Button-down-Hemden

»Seduce me«, seufzt es aus den Lautsprechern, »verführe mich«, und es tanzen Jungs in roten Slips vorbei. Sie sehen sich ähnlich, und sie sind überall, wie Agent Smith in Matrix. Sie sagen: »Hey, guys.« Spätestens jetzt fragt man sich, welches geheime Passwort man wohl versehentlich in Hamburgs teuerstem Einkaufsviertel gemurmelt hat, um hier Einlass zu finden.

Die Decke des sonderbaren, fensterlosen Gebäudes ist eingewölbt wie in einer gotischen Kirche, schwarze Spitzbögen zieren die Türstürze. In dieser Kathedrale des Konsums wird das einkaufende Ich in eine quer gestreifte Sweatshirtjacke gesteckt, die es für viel Geld erwerben kann. Auf der Jacke steht »Property of Abercrombie & Fitch«; auf den Hemden, welche die Bedienungs-Boys aus Vitrinen holen, prangt ein »A&F« an genau der Stelle, an der sonst Monogramme eingestickt werden. Zu Abercrombie geht man als Individuum und kommt als so eine Art sportlich gekleideter Infanterist wieder raus.

Sollte man später verloren gehen, kann man jederzeit zu Abercrombie & Fitch zurückgeschickt werden.

In den Vereinigten Staaten sind die Kunden der Marke überdrüssig, in Europa fängt der Hype um den heiß verkauften College-Stil gerade erst an. Dabei sind Querstreifen, Jogginghosen und Button-down-Hemden ziemlich prüde, und tragen kann so was jeder.

Immerhin das kann man dieser überdrehten Firma zugutehalten: Der Körper unter der Marke muss nicht so makellos sein, wie es die Model-Verkäufer suggerieren. Deren wohldefinierte Brust- und Bauchmuskulatur lenkt von den spießigen Leibchen ziemlich gut ab.