Eine Zecke wandert über einen Finger.

Was haben Kinder, Katzen und aktive Senioren gemeinsam? Sie sind gern draußen, besonders jetzt im Frühling. Das fördert gute Laune, hat aber Nebenwirkungen: Zeckenbisse. Die Parasiten übertragen die Hirnhautentzündung FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) oder, wesentlich häufiger, Bakterien aus der Gruppe der Borrelien. Diese können fast überall im Körper Entzündungen hervorrufen, insbesondere in Haut, Herz, Nerven und Gelenken. Borreliose heißt das variationsreiche Leiden, das viele chronisch krank und manche sogar zu Schwerinvaliden gemacht hat.

Während es für die FSME eine Impfung gibt, fehlt diese für die Borreliose. Hier hilft nur Wachsamkeit, wenn es trotz abwehrendem Zeckenspray zum Biss kommt. Ein Arztbesuch ist spätestens nach typischen Symptomen wie wachsender Rötung um die Stichstelle fällig. Denn eine frühe Borreliose lässt sich wirksam mit Antibiotika bekämpfen.

Doch so rasch und gut klappt es häufig nicht – weil die typische Wanderrötung oft ausbleibt, leichte Grippesymptome unerkannt bleiben, man ungern wegen jedes Zeckenstichs zum Arzt rennt. Dieses Grundsatzproblem soll nun eine vorbeugende Behandlung beheben, die die Schweizer Pharmafirma Ixodes zusammen mit deutschen Forschern entwickelt hat: Einfach nach dem Zeckenstich ein Gel auf die betroffene Stelle auftragen. »Es enthält das Antibiotikum Azithromyzin, das sehr effektiv die Borrelien lokal in der Haut abtötet«, sagt Jörg Lehmann vom Leipziger Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie. Das Institut hat gemeinsam mit dem Infektionsmediziner Reinhard Straubinger von der Universität München den Wirkmechanismus ausgetüftelt. In Tierversuchen und ersten klinischen Tests am Menschen hat sich das Gel als effektiv und nebenwirkungsarm erwiesen. Der klare Wirksamkeitsbeweis für die versprochene Prophylaxe steht aber noch aus. Den soll eine seit Sommer 2011 laufende Studie (klinische Phase III) erbringen – und die benötigt noch weitere Teilnehmer.

Jeder Erwachsene, der frisch von einer Zecke gestochen wurde, kann sich unentgeltlich an einem von 20 teilnehmenden Instituten behandeln lassen. Diese sind über Deutschland und Österreich verteilt, das nächstliegende ist im Internet zu finden. Wichtig ist, die Zecke, ob noch in der Haut oder bereits entfernt, mitzubringen und die Einstichstelle klar zu kennen. Reisekosten werden ersetzt.

»Wir brauchen die mitgebrachte Zecke, um nachzuweisen, dass sie mit Borrelien infiziert war«, sagt Jakob Cramer vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut, das norddeutsche Studienteilnehmer betreut. Die von der Ethik-Kommission genehmigte Untersuchung erfordere noch sehr viele Teilnehmer, um aussagekräftig zu sein: »Nur etwa jede zehnte Zecke hier im Norden ist infiziert«, erklärt er den Bedarf. Und längst nicht jeder Biss einer infizierten Zecke löst die Krankheit aus. Ein Impfstoff wäre zwar optimal, wird aber noch Jahre auf sich warten lassen.

Das Robert-Koch-Institut hat im April Neues zur Borreliose im Epidemiologischen Bulletin veröffentlicht. Danach sind drei Gruppen besonders gefährdet: fünf- bis neunjährige Kinder, 60- bis 64-jährige Erwachsene und die Halter von Katzen. Die älteren Herrschaften streifen gerne durch die Natur und fangen sich dort ebenso leicht Zecken ein wie die Haustiere. Spielen die Kleinen im Waldkindergarten statt im üblichen Hort, dann verdreifacht sich ihr Zeckenbissrisiko. Da könnte das simple Rezept »Zecke raus, Gel drauf« viele Sorgen lösen.