Es gibt unterschiedliche Mittel, Bären zu töten. Am besten geht es wohl mit einer passenden Flinte, es kann aber auch mit einem Speer, mit Pfeil und Bogen geschehen, mit einem Bärenmesser könnte es auch gelingen, doch das erfordert viel Geschick und Mut. Mehr als der moderne Mensch wahrscheinlich aufbringen kann. Spätestens seit dem 22. April 2012 können wir dem reichen Arsenal zur Bärentötung ein weiteres Instrument hinzufügen: das Automobil.

An diesem Tag überfuhr ein Mercedes bei Waidbruck in Südtirol einen Bären, der nachts eine Straße queren wollte. Ein Unfall, gewiss. Bestimmt auch ist dieser Bär nicht der allererste der modernen Geschichte, der von einen Auto überfahren wurde. Doch wer am nächsten Tag das Foto von Vater und Sohn Kainzwaldner in einer lokalen Tageszeitung abgedruckt sah, der mochte von Unfall nicht mehr reden. Vater Johann Kainzwaldner hat am Steuer gesessen, als ihm der Bär vor den Kühlergrill lief. Auf dem Foto sind die Kainzwaldners zu sehen, wie sie zu beiden Seiten ihres Mercedes SUV hocken und mit dem Finger auf den Schaden zeigen, den der Bär an ihrem Wagen angerichtet hat. Eine ordentliche Beule am prächtigen Blech. Die Kainzwaldners strahlten. Es war unverkennbar Jägerstolz, der ihre Gesichter zum Glühen brachte. Als Hinweis auf die wahre Natur der Tat mag die Aussage von Vater Kainzwaldner dienen, der sagte, er habe zuerst gedacht, er hätte einen Fuchs erwischt. Nein, die Kainzwaldners hatten den Bären nicht überfahren. Sie hatten ihn erlegt. Der Bär übrigens hieß M14 – was so viel heißt wie »Mann 14«.

Nach dem Streit um seinen Pelz wird nach einem besseren Namen gesucht

Der Tod von M14 markiert nicht das Ende, sondern die Fortsetzung einer Bärengeschichte, die Bände spricht über unser Verhältnis zu diesem Tier. Die Vorfahren von M14 waren zwischen 1999 und 2002 in der Gegend angesiedelt worden, importiert im Rahmen des Life-Ursus-Projekts. Zehn Bären aus Slowenien sind damals im Naturpark Adamello-Brenta mit den drei Bären vor Ort zusammengeführt worden.

Die Neuen sollten helfen, den Alpenbären zu retten. Das Schicksal ihrer Nachkommen jedoch zeigt, wie es um unser Verhältnis zur wilden Natur wirklich steht. Denn als M14 tot im Straßengraben lag, tauchte als Erstes die Frage auf: Wem gehört der tote Bär, wer kriegt ihn?

M14 hat zwar einen Bruder, über den hier noch zu reden sein wird, aber Tiere haben kein Anrecht auf die Leiche ihrer Anverwandten, ganz zu schweigen davon, dass sie mit einem solchen Recht nicht einmal etwas anzufangen wüssten. In der freien, wilden Natur würde ein Bär verwesen. Andere Tiere würden ihn wieder in den ewigen Kreislauf des Lebens zurückführen. Doch die freie Natur gibt es schon lange nicht mehr. Die Tatsache, dass M14 im Straßengraben lag, ist dafür Beweis genug.

Also galt es, den toten Bären einer anderen, menschlichen Verwendung zuzuführen. Dazu musste er erst einmal jemandem zugesprochen werden. Der Landeshauptmann ließ unmissverständlich verlauten, die Bärenleiche gehöre dem Land Südtirol. Dann kam die Entscheidung, die den menschlichen Bedürfnissen am ehesten entspricht: Ausstopfen! Woraufhin sofort ein Streit ausbrach, welches der vielen Naturmuseen dieses Prachtexemplar der wilden Natur für sich beanspruchen konnte. Das Bozener Naturmuseum bekam den Zuschlag. Kaum war die Freude über den Zuschlag verklungen, befand dieses, dass M14 kein passender Name sei. Wer, bitte schön, könnte seine Kinder mit den Worten in ein Museum locken: »Kommt, lasst uns M14 sehen!«? Die Kinder würden verständnislos den Kopf schütteln. Darum soll nun posthum ein geeigneter Namen für den Bären gefunden werden.