Demografie Mehr Kinder = früher in Rente. Stimmt das?

Nicht immer haben Länder mit viel Nachwuchs auch frühe und hohe Renten. Welche Renten gezahlt werden können, hängt davon ab, wie viel Geld verdient wird.

Sigmar Gabriel hat vergangene Woche im ZEIT- Interview behauptet, Franzosen könnten früher in Rente gehen als Deutsche, weil in Frankreich mehr Kinder geboren werden als hier. Ganz ähnlich hatte Anfang Mai die Bundeskanzlerin vor dem Deutschen Seniorentag argumentiert: Die Rente ab 67 dürfe nicht wieder abgeschafft werden, sagte sie, weil der spätere Ruhestand die Folgen der sinkenden Geburtenraten ausgleiche und so die Renten sichere. Stimmt es, dass die Zahl der Babys in einem Land über Zeitpunkt und Höhe der Rente entscheidet? Haben fruchtbare Nationen wohlhabendere Rentner, die sich früher zur Ruhe setzen dürfen?

Nein, beide Parteichefs irren. Welche Renten in einem Land gezahlt werden können, ab wann und für wen, hängt davon ab, wie viel Geld dort verdient wird. Entscheidend ist die Zahl der Beschäftigten und ihrer Einkommen. Oft haben zwar Länder mit viel Nachwuchs auch viele gut bezahlte Beschäftigte, aber zwingend ist das nicht.

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Es gibt arme Länder mit hohen Geburtenraten, in denen Geld für die Alten fehlt. Umgekehrt sind Konstellationen vorstellbar, in denen sich die Zahl der Babys halbiert und es den Rentnern über Jahre hinweg trotzdem immer besser geht. Das wäre beispielsweise der Fall, wenn die Gewerkschaften hohe Lohnzuwächse durchsetzen, wenn die Erwerbstätigkeit von Frauen deutlich steigt, mehr qualifizierte Zuwanderer kommen und eingestellt werden oder wenn die Arbeitslosigkeit dank besserer Konjunkturdaten zurückgeht. Die deutsche Geburtenrate stagniert gerade auf dem Niveau von 1,39, sie ist niedriger als in den meisten anderen europäischen Ländern. Die deutschen Rentner werden Anfang Juli trotzdem eine satte Rentenerhöhung bekommen.

Wenn es einen Zusammenhang zwischen Renten und Babys gibt, dann den: Rentenprobleme von heute entstehen durch fehlende Babys von gestern und vorgestern. Das werden die Deutschen in etwa fünfzehn Jahren erleben – dann wird es weniger Beschäftigte und mehr Rentner geben, weil die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen und die Jahrgänge nach ihnen viel kleiner sind. In dieser Zeit wird die Rente ab 67 tatsächlich helfen.

Steigende Geburtenzahlen allerdings würden daran zunächst nur wenig ändern. Zumindest aus Sicht der Alten von morgen würde es zu lange dauern, bis aus den Neugeborenen Berufstätige werden. Stattdessen müssten sich Gabriel und Merkel eigentlich mehr für die Schüler von heute interessieren, Zwölfjährige müssten mindestens so wichtig wie Zweijährige sein. Tatsächlich werden aber in vielen Kommunen die Programme für Jugendliche gerade zusammengestrichen, weil nur so der aus Berlin vorgeschriebene Kita-Ausbau klappen kann.

Immerhin, viele Demografie-Experten glauben, dass eine leicht steigende Geburtenzahl andere positive Effekte hat: In jungen Gesellschaften setzen sich beispielsweise neue Technologien oft schneller durch. Auch ist die Unterstützung für Zukunftsinvestitionen möglicherweise größer. Insofern kann eine steigende Kinderzahl langfristig mehr positive Folgen haben, als Rentenexperten messen können. Aber solche Effekte haben Gabriel und Merkel vermutlich nicht gemeint.

 
Leser-Kommentare
    • hadebe
    • 22.05.2012 um 12:31 Uhr

    Wenn man das Beispiel mit der Insel weiterdenkt, dann kommt mathematisch gesehen in absehbarem Zeitrahmen der Zeitpunkt, wo der letzte Insulaner - dem Tode nahe - über den Fehler im Inselsystem nachdenken kann.
    Ausserdem kann er sich darauf einstellen, daß ihn (oder sie) niemand beerdigt und somit Vögel, Krebse usw über ihn herfallen.
    Hadebe

  1. herrscht ungerechtigkeit.
    das beste ist wirklich sich selbständig zu machen und sich dem rentenpool zu entziehen, und selbst für sich vorzusorgen.

    und das gleiche bringen wir auch unsen kindern bei.
    dann können kinderlose einzahlen soviel sie wollen, es kommt am schluss nicht mehr viel bei raus ;-)

    • Logeg
    • 22.05.2012 um 13:45 Uhr
  2. "All die Dinge, wie Urlaube, Restaurantbesuche, Neuwagen, etc. sind für kinderlose Menschen leicht zu realisieren, weil sie sich die Kosten für Kinder sparen, auf welche sie aber später in jeder Hinsicht (Rentenzahler, Konsumgüterproduzenten, Ärzte, Pflegepersonal, etc.) gerne zurück greifen."

    Das ist in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und Niedriglohn gelinde gesagt Blödsinn.

    "Erziehungsarbeit muss endlich entlohnt werden, um Gerechtigkeit zu schaffen. Erst wenn wir uns gesamtgesellschaftlich um unsere Kinder kümmern, durch Zahlungen aller Erwerbstätigen und nicht durch Ausbeutung der Familien, wäre einsehbar, warum wir auch "Alte" gesamtgesellschaftlich stützen müssen."

    Ich denke nicht, dass man durch die Entlohnung von Erziehungsarbeit die Geburtenrate steigert. Mir persönlich wäre es völlig wurscht, ob der Staat mir eine "Gebärprämie" zahlt oder nicht. Und können wir Eltern dann auch feuern, weil sie ihre Kinder verziehen, verhätscheln, misshandeln? Was, wenn die tollen "Karrierebabys" danach nicht einzahlen?
    Im Übrigen finde ich es immer wieder erstaunlich, dass Familie und Erwerbsarbeit als Gegensätze begriffen werden. Das ist mitnichten der Fall. Das lässt sich vereinbaren. Benachteiligt werden ohnehin vor allem berufstätige Eltern, die ja eigentlich die einzigen sind, die den Generationenvertrag voll erfüllen. Die profitieren von diversen Steuervergünstigungen im Moment jedoch kaum.

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    Dass Kinderlose sich Kosten für Kinder sparen, ist kein Blödsinn, sondern Fakt. Bitte konkretisieren, was daran für sie Blödsinn ist.

    Ich kenne Menschen, die aus finanziellen Gründen abgetrieben haben und wegen dieser Entscheidung Jahre danach noch leiden. Seien Sie froh, wenn Sie in der privilegierten Position sind, dass es Ihnen "wurscht" sein kann, ob Sie finanzielle Unterstützung oder wie Sie es abwertend "Gebärprämie" nennen, erhalten oder nicht. Bei der Mehrheit der Mütter sieht das anders aus.

    Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit ist für mich nicht möglich solange die Kinder klein und pflegebedürftig sind und ihre Mutter brauchen. In meinem Weltbild ist die Mutter nicht beliebig austauschbar. Sie können nicht einen Säugling oder ein Kleinkind betreuen und so ganz nebenbei auch noch Erwerbsarbeit verrichten. Oftmals müssen die Kinder dann in die Krippe, die teuer ist und den Kindern erwiesenermaßen schadet.

    Familienarbeit ist auch ohne "Zweitjob" anstrengend. Ihre Ausdruckswahl gibt mir zu denken, fehlen da vielleicht Lebenserfahrung und Lebensweisheit? "Eltern feuern" - die Mehrheit der Eltern sind wunderbare Eltern. Bitte nicht Minderheiten zum Maßstab nehmen.

    Ob sich Familien- und Erwerbsarbeit vereinbaren lässt, wenn die Kinder größer geworden sind, ist von ganz vielen Faktoren abhängig ist. Da ist Ihr Pauschalurteil des Machbaren überflüssig. Wenn es bei Ihnen funktioniert - gut so - aber bitte nicht den anderen Familien Ihr Lebensmodell aufzwingen.

    Dass Kinderlose sich Kosten für Kinder sparen, ist kein Blödsinn, sondern Fakt. Bitte konkretisieren, was daran für sie Blödsinn ist.

    Ich kenne Menschen, die aus finanziellen Gründen abgetrieben haben und wegen dieser Entscheidung Jahre danach noch leiden. Seien Sie froh, wenn Sie in der privilegierten Position sind, dass es Ihnen "wurscht" sein kann, ob Sie finanzielle Unterstützung oder wie Sie es abwertend "Gebärprämie" nennen, erhalten oder nicht. Bei der Mehrheit der Mütter sieht das anders aus.

    Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit ist für mich nicht möglich solange die Kinder klein und pflegebedürftig sind und ihre Mutter brauchen. In meinem Weltbild ist die Mutter nicht beliebig austauschbar. Sie können nicht einen Säugling oder ein Kleinkind betreuen und so ganz nebenbei auch noch Erwerbsarbeit verrichten. Oftmals müssen die Kinder dann in die Krippe, die teuer ist und den Kindern erwiesenermaßen schadet.

    Familienarbeit ist auch ohne "Zweitjob" anstrengend. Ihre Ausdruckswahl gibt mir zu denken, fehlen da vielleicht Lebenserfahrung und Lebensweisheit? "Eltern feuern" - die Mehrheit der Eltern sind wunderbare Eltern. Bitte nicht Minderheiten zum Maßstab nehmen.

    Ob sich Familien- und Erwerbsarbeit vereinbaren lässt, wenn die Kinder größer geworden sind, ist von ganz vielen Faktoren abhängig ist. Da ist Ihr Pauschalurteil des Machbaren überflüssig. Wenn es bei Ihnen funktioniert - gut so - aber bitte nicht den anderen Familien Ihr Lebensmodell aufzwingen.

  3. Dass Kinderlose sich Kosten für Kinder sparen, ist kein Blödsinn, sondern Fakt. Bitte konkretisieren, was daran für sie Blödsinn ist.

    Ich kenne Menschen, die aus finanziellen Gründen abgetrieben haben und wegen dieser Entscheidung Jahre danach noch leiden. Seien Sie froh, wenn Sie in der privilegierten Position sind, dass es Ihnen "wurscht" sein kann, ob Sie finanzielle Unterstützung oder wie Sie es abwertend "Gebärprämie" nennen, erhalten oder nicht. Bei der Mehrheit der Mütter sieht das anders aus.

    Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit ist für mich nicht möglich solange die Kinder klein und pflegebedürftig sind und ihre Mutter brauchen. In meinem Weltbild ist die Mutter nicht beliebig austauschbar. Sie können nicht einen Säugling oder ein Kleinkind betreuen und so ganz nebenbei auch noch Erwerbsarbeit verrichten. Oftmals müssen die Kinder dann in die Krippe, die teuer ist und den Kindern erwiesenermaßen schadet.

    Familienarbeit ist auch ohne "Zweitjob" anstrengend. Ihre Ausdruckswahl gibt mir zu denken, fehlen da vielleicht Lebenserfahrung und Lebensweisheit? "Eltern feuern" - die Mehrheit der Eltern sind wunderbare Eltern. Bitte nicht Minderheiten zum Maßstab nehmen.

    Ob sich Familien- und Erwerbsarbeit vereinbaren lässt, wenn die Kinder größer geworden sind, ist von ganz vielen Faktoren abhängig ist. Da ist Ihr Pauschalurteil des Machbaren überflüssig. Wenn es bei Ihnen funktioniert - gut so - aber bitte nicht den anderen Familien Ihr Lebensmodell aufzwingen.

  4. "Bitte konkretisieren, was daran für sie Blödsinn ist."

    Blödsinn ist die Annahme, dass Kinderlose automatisch mehr Geld zur Verfügung haben. Die kinderlose Kassiererin kann am Existenzminimum leben, während die Anwalts-Ehefrau als Hausfrau mit Einzelkind möglicherweise 3x im Jahr Urlaub macht.

    "Ich kenne Menschen, die aus finanziellen Gründen abgetrieben haben und wegen dieser Entscheidung Jahre danach noch leiden."

    Ich kenne Menschen, die ohne Geld Kinder bekommen haben und gut damit klarkommen. Die Geburtenrate ist auch in solchen Ländern, die Familien so gut wie nichts zahlen, häufig wesentlich höher als hier. Menschen kriegen Kinder in den meisten Fällen nicht, weil sie dafür bezahlt werden.

    "Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit ist für mich nicht möglich solange die Kinder klein und pflegebedürftig sind und ihre Mutter brauchen."

    Ja, das ist in Deutschland immer so ein großes Thema. Fakt ist, dass die Menschheit es nicht "aus dem Ozean" geschafft hätte, wenn Frauen nicht gearbeitet hätten. Es sei ja auch allen 1-2 Jahre Baby-Pause gegönnt. Ich finde das gut. Aber daraus nun abzuleiten, dass sich Familie und Beruf nicht vereinbaren lassen, finde ich sehr schwierig. Mir scheint das eher ein Relikt des Luxusdenkens in den 50er und 60er-Jahre (bei Wirtschaftsboom und Vollbeschäftigung) zu sein.

  5. ""Eltern feuern" - die Mehrheit der Eltern sind wunderbare Eltern."

    Wer vom Staat einen Lohn für seine Erziehungsarbeit verlangt, sollte zeigen, dass er oder sie auch die entsprechende Leistung erbringt. Das ist ja in anderen Jobs schließlich auch so.

    Außerdem finde ich die Unterscheidung zwischen "guten" nicht berufstätigen Eltern und "nicht so guten" berufstätigen Eltern bei solchen Forderungen nach Entlohnung immer sehr fragwürdig. Berufstätige Eltern erziehen ihre Kinder nämlich genauso gut wie nicht berufstätige. Nach meinem Empfinden ist es denkbar ungerecht, nicht berufstätige Eltern für ihre Erziehungsarbeit zu entlohnen, während berufstätige Eltern, die natürlich diese Arbeit auch leisten, die anderen noch mitfinanzieren dürfen.

    "...aber bitte nicht den anderen Familien Ihr Lebensmodell aufzwingen."

    Ich zwinge niemandem mein Lebensmodell auf und von mir aus kann jeder machen, was er für richtig hält. Aber ich bin dafür, dass man für sein Modell Verantwortung übernimmt. Unser Rentensystem funktioniert eben nur, wenn die jetzige Elterngeneration Kinder bekommt UND einzahlt. Wer nur die Hälfte davon tut - sei es durch Nichtberufstätigkeit oder Kinderlosigkeit - sollte meiner Meinung nach auch nachher weniger bekommen und muss sich damit abfinden. Am besten müssten die dastehen, die beides für die Gesellschaft leisten.

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  6. Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Sie müssten beide Berufssparten mit und ohne Kinder vergleichen und dann hätten wir sie wieder die strukturelle Ungerechtigkeit. Die kinderlose Kassiererin hat erheblich mehr Geld zur Verfügung als die Kassiererin mit Kind. Wenn auch, was ich anzweifle, Menschen mit Kind/ohne Geld gut damit leben können, bleibt es trotzdem ungerecht. In der Regel bleiben ja auch nicht beide Eltern zuhause, sondern einer zahlt ein und einer "erzieht" so lange die Familiensituation dies nötig macht.

    Warum bezahlen wir die Erzieherin, aber die Mutter nicht, obwohl sie es nachweislich besser macht? Wenn das Modell Familie so unter Druck gesetzt wird, dass es nur durch zwei Vollzeiterwerbstätigkeiten möglich ist, wird es aussterben.

    Wir können die Fürsorge, die wir unseren Kindern schuldig sind, nicht auf ein paar Minuten am Abend und auf das Wochenende beschränken. Kinder, auch größere brauchen ihre Eltern, um durch Vorbild und Liebe „Leben“ zu lernen. Ein Abschieben auf staatliche Institutionen, kann nicht die Entwicklungsebene bieten, die ein gesundes Aufwachsen erfordert. Wir müssen einsehen, dass Kinder Zeit erfordern und diese Zeit müssen wir als Gesellschaft den Eltern zur Verfügung stellen. Und je mehr Kinder in einer Familie leben, desto mehr Zeit ist nun mal nötig.

    Wussten Sie schon, dass eine Mutter von zwei kleinen Kindern bis zu 70 Stunden unbezahlte Familienarbeit in der Woche verrichtet? Wo bleibt da noch Freiraum für Erwerbstätigkeit?

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