Albrecht DürerIch bin mein Urheber

Wie Albrecht Dürer zum größten Maler "in der gantzen welt" wurde – eine Geschichte der Anmaßung, jetzt in einer Nürnberger Ausstellung zu sehen. von 

Projektleiter Dr. Daniel Hess zeigt sein Lieblingsobjekt der Ausstellung: die "Anbetung der Könige" (1504) aus den Uffizien in Florenz.

Projektleiter Dr. Daniel Hess zeigt sein Lieblingsobjekt der Ausstellung: die "Anbetung der Könige" (1504) aus den Uffizien in Florenz.  |  © Germanisches Nationalmuseum

Nein, dieses Mal nicht. Dieses Mal keine Superlative und nichts über das einsame Genie, nichts über den Meister aller Klassen, über den Erfinder des Selbstporträts, der Aktzeichnung, der Landschaftsmalerei. Selbst als Urvater der deutschen Renaissance scheint er nicht länger gefragt, nicht in dieser Ausstellung, die kommende Woche in Nürnberg beginnt und sich vorgenommen hat, den größten unter den großen deutschen Künstlern, Albrecht Dürer, ein wenig schrumpfen zu lassen. Es wird ihr, so viel lässt sich sagen, nicht gelingen.

Wie sollte es auch bei einem Mythos wie diesem, in Jahrhunderten gewachsen, von abertausend Stimmen herbeigesungen? Allein im Germanischen Nationalmuseum, das die Ausstellung zeigt, füllen die Dürer-Bücher mehr als 27 Regalmeter. Schon zu Lebzeiten des Künstlers konnten selbst die wichtigsten Denker und Dichter kaum an sich halten. »Keinen wie dich hat Italien oder das feuchte Frankreich je gesehen, nie wird man einen wie dich in Spanien erblicken«, schrieb der Humanist Conrad Celitis. Und sein Kollege Erasmus von Rotterdam pries Dürers Kunst, weil sie »alle Sinnesempfindungen und Gemütsbewegungen, kurz den ganzen Menschengeist« auszudrücken verstehe. Sogar die Maler in Italien seien von diesem Künstler so beeindruckt gewesen, dass sie ihm »die maisterschafft der malerey in der gantzen welt zugemessen haben«, wusste der Diplomat Christoph Scheurl zu berichten.

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Doch allem Überschwang zum Trotz, die Ausstellungsmacher wollen zumindest die gröbsten Übertreibungen zurückstutzen. Im Katalog, einem schwerleibigen Forschungskompendium, wird ein ums andere Mal darauf hingewiesen, dass Dürer (1471 bis 1528) nichts wäre ohne seine Vorbilder, ohne seine Familie und die Freunde, ohne die vielen anderen Künstler, deren Errungenschaften er sich zu eigen machen konnte. Die Renaissance war in Nürnberg, seiner Heimat, längst angekommen. Er musste sie nicht erst über die Alpen tragen und war auch in vielem anderen nicht der waghalsige Pionier, den viele gerne in ihm sehen. Eines jedoch können ihm die Forscher nicht nehmen. Eines bleibt ebenso einzigartig wie rätselvoll: Dürers Bart.

Nur verwahrloste Bauern trugen damals einen »Schnabelbart«

Albrecht Dürer
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Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.  |  Courtesy Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Seine Lockenpracht natürlich ebenfalls, diese hellbraune, aufwendig zurechtgedrehte Mähne. Vor allem aber das Barthaar, am Kinn gestutzt, der Schnauzer üppig, machte Dürer zum Unikum. Nach seiner ersten Italienreise 1496 hatte er ihn wachsen lassen, und er sollte ihn sein Leben lang pflegen und hegen – auch wenn er dafür verspottet wurde. So liefen verwahrloste Bauern herum oder irrlichternde Karnevalsgestalten, aber kein Künstler, der geachtet und gerühmt werden wollte. Selbst seine Freunde lästerten über den »Schnabelbart, den er gewiss täglich dreht und kräuselt, dass er gleich Eberzähnen von ihm absteht«. Dürer war es gleich. Oder war’s ihm sogar recht?

Er wollte ja entschieden anders sein. Er suchte den Unterschied. Er war begeistert von seinem Selbst, und rückte immer wieder die eigene Person ins Bild, auf über 20 Werken. Alle sollten sehen, was er wagte: Ich zu sagen aus vollem Herzen. Es war ein Ich, das alle übertreffen wollte, im Malen, im Zeichnen und vor allem in der großen Kunst der Selbstanmaßung.

Noch heute wird man lange nach einem Künstler mit derart stolzem Ego suchen müssen. Was ist schon die Verhüllung des Reichstags? Was sind Fettecken und Filzanzüge? Was sind die Provokationen der Gegenwart gegen das, was Dürer tat: als er sich selbst zum Erlöser erhob?

Ein paar Monate ist es her, dass in Bayern ein heftiger Streit darum entbrannte, ob Dürers Selbstbildnis im Pelzrock von München zur Ausstellung nach Nürnberg reisen sollte. Am Ende verblieb es in der Alten Pinakothek, glücklicherweise, denn das Gemälde, eines der wichtigsten der Kunstgeschichte, ist ungemein empfindlich und verzeiht keine Klimawechsel. Dennoch schade, dass es in Nürnberg nicht dabei ist. Denn kein anderes Bild offenbart so eindrucksvoll Dürers Geheimnis. Ein Geheimnis, das nie eines war. Denn jeder kann ja sehen, wie er sich inszeniert. Jedem blickt er entgegen, unverwandt und unverfroren.

Ein solcher Blick war nicht vorgesehen, nicht für Könige, nicht für Kardinäle, erst recht nicht für einen Künstler, der 1500, als das Bild entstand, noch nicht mal eine größere Werkstatt besaß. Für alle galt ausnahmslos die Regel: Auf Porträts wird der Kopf von der Seite gezeigt, im Profil oder Halbprofil. Der frontale Blick war exklusiv der vera icon vorbehalten, dem wahren Bild des Jesus Christus. Dürer brach diese Regel – und gleich noch eine weitere.

Leserkommentare
    • Mari o
    • 24. Mai 2012 9:57 Uhr
    1. [...]

    Bitte nutzen Sie den Kommentarbereich, um sich konstruktiv zum Inhalt des Artikels zu äußern. Danke. Die Redaktion/kvk

  1. und zeigt es nicht im Artikel und noch nichtmal in der verlinkten Fotostrecke?
    Hofft man (auch für die Klickrate), dass der Leser JEDEN Link im Text anklickt um irgendwo fündig zu werden?

    Eine Leserempfehlung
  2. ... bis wann die Ausstellung läuft?

    • Mari o
    • 25. Mai 2012 9:35 Uhr

    der die Natur an die Leinwand gestellt und getötet hat,
    sagte Reger
    http://www.sz-online.de/n...

    Dürer hat darauf hingewiesen keine Spiegellinse verwendet zu haben,so Hockney
    Im Spiegel stecke der Teufel, sagt die katholische Kirche

    Dürers apokalyptische Reiter sagen alles,meinte Cioran

    Die Provokation sind die Millionen die die Antikünstler der Gegenwart wahnsinnig anmaßend einkassieren.auch mit Hilfe staatlicher Museen.Über Spiess wurde ja in der ZEIT berichtet.

  3. Ein sehr gut aufbereiteter und lesergerechter und interessanter Artikel; allein der Bezug zur Nürnberger Ausstellung will mir nicht ganz deutlich werden, was bedauerlich ist angesichts der Tatsache, dass es sich um eine Ausstellungskritik handelt und nicht um ein Preislied auf den Künstler, von denen es, wie der Autor korrekt bemerkt, wahrlich nicht zu wenige gibt.

  4. Der Mensch ,so Aristoteles, brauche seine Begrenzungen."das ist blau=Himmel" als Urteil der Masse sei dem "das ist rot überlegen...
    Wie schade,dass "man" als hieratisch interpretierte Hieroglyphe (zB. Stoff wie Aidsschleife) schon damals nicht verstanden hat... und per Transformation als Gehilfin der Metaphysik auch nicht verstehen wollte,dass Albrecht Dürer incl.seiner individuellen Seele,ungedeutelt, der tatsächliche Immanuel war.

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