VereinbarkeitIm Eltern-Kind-Büro

Familienfreundliche Unternehmen unterstützen ihre Mitarbeiter mit ungewöhnlichen Maßnahmen – und profitieren davon.

Die mit den Überstunden steigen auf, die anderen gehen mit schlechtem Gewissen nach Hause – muss das so sein? In der Präsenzkultur deutscher Unternehmen wird kaum ein Vorgesetzter darauf achten, dass die Work-Life-Balance seiner Mitarbeiter stimmt. Doch damit Arbeitnehmer ihre Abende in Zukunft häufiger mit ihrer Familie als mit den Kollegen verbringen können, haben das Bundesfamilienministerium und der Bund Deutscher Arbeitgeber vor einem Jahr die »Charta für familienbewusste Arbeitszeiten« unterzeichnet. Ihr Ziel: familienfreundliche und flexible Arbeitszeitmodelle und bessere Betreuungsmöglichkeiten. 40 Personaler haben seitdem mit Ministeriumsvertretern über Umsetzungsmöglichkeiten diskutiert.

»Das Thema ist mittlerweile in den Unternehmen angekommen. Die Arbeitgeber haben verstanden, dass gute Arbeitsbedingungen kein Sozialklimbim sind, sondern dass sie damit punkten können«, sagt Stefan Becker, Geschäftsführer von berufundfamilie, einer Initiative der Hertie-Stiftung, die familienbewusste Unternehmen auszeichnet. Gerade bei Arbeitszeitregelungen und Kinderbetreuung habe sich in den vergangenen Jahren viel getan.

Anzeige

Doch noch immer klafft eine große Lücke zwischen Anspruch und Realität. Wenn sie die Erfolgsbilanzen mancher Studien zur Familienfreundlichkeit lese, werde ihr regelrecht schlecht, sagt Christina Stockfisch vom Projektteam »Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten!« des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Denn es gebe die Angebote oft nur für Hochqualifizierte in großen Unternehmen, während der Normalfall immer noch sei, dass der Mann nach der Geburt umso mehr arbeite und die Frau in einem prekären Teilzeitverhältnis nur jobbe. »Oft bieten Betriebe die Maßnahmen nur theoretisch an«, kritisiert Stockfisch. »Man muss aber auch eine Unternehmenskultur haben, in der die Mitarbeiter sie wirklich nutzen können.«

»Die Unternehmen tun das nicht aus Altruismus, es muss sich rechnen«

Beispiele für Familienfreundlichkeit gibt es. Die Polizei Bremen etwa organisiert Wiedereinstiegsseminare nach der Elternzeit und bietet eine Notfallbetreuung für die Kinder ihrer Beamten, falls diese spontan zu einem Großeinsatz müssen. Der Mobilfunkanbieter Vodafone D2 hat einen sogenannten Sharepoint eingerichtet, über den Mitarbeiter in Elternzeit Kontakt halten können.

Vodafone schaffte es damit in die Endrunde des Unternehmenswettbewerbs »Erfolgsfaktor Familie« des Bundesfamilienministeriums, bei dem eine Jury gerade die Preisträger ausgewählt hat. Als Gesamtsieger wurden die Robert Bosch GmbH bei den Großunternehmen, die Mainzer Aaeron AG bei den mittleren und die Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungssozietät Döcker Wigger Lührmann aus Rheine bei den kleinen Unternehmen ausgezeichnet. Sie bieten ihren Mitarbeitern, selbst Führungskräften, zahlreiche individuell angepasste Teilzeit- oder Home-Office-Modelle, haben eigene Kita-Plätze oder Eltern-Kind-Büros eingerichtet. Bei Bosch werde die als »Familienzeit« deklarierte Phase laut Jury gar als karriereförderlich gewertet: als Chance, neue Sozialkompetenzen und Managementfähigkeiten zu erwerben.

Aber auch unabhängig von Wettbewerben und Chartas hat die Vereinbarkeit von Familie und Beruf Konjunktur – auch aus dem schlichten Grund, dass die Unternehmen davon profitieren. 74 Prozent sehen laut Familienreport 2012 einen betriebswirtschaftlichen Nutzen durch Familienfreundlichkeit. »Auf Dauer tun die Unternehmen das nicht aus Altruismus«, sagt Stefan Becker, »es muss sich rechnen.« Beim Recruiting von Fachkräften, der Mitarbeiterbindung und der Senkung der Fehlzeiten zahlt sich Familienfreundlichkeit in barer Münze aus: Dadurch dass Mitarbeiter mit Nachwuchs dem Unternehmen erhalten bleiben, sinken die Kosten für Personalmarketing, für Einarbeitung und Vertretungen. Sogar bei der Kundenzufriedenheit sind positive Effekte spürbar, weil es weiterhin einen festen Ansprechpartner gibt, und beim Image sowieso.

Natürlich profitieren auch die Mitarbeiter. Monika Groscurth zum Beispiel, Unternehmensjuristin bei der Ergo-Versicherungsgruppe, berichtet, wie sie von befreundeten Müttern regelrecht beneidet wurde: Groscurth fing acht Monate nach der Geburt wieder an zu arbeiten, erst in Teilzeit, dann in Vollzeit. »Für mich wäre es keine Alternative gewesen, beruflich kürzer zu treten, ich wollte bald wieder zurück auf meine alte Stelle«, sagt sie. Dabei half ihr der Arbeitgeber. Einen Monat nach der Geburt ihres Kindes kontaktierte Groscurth den »Familienservice« von Ergo. Der vermittelte ihr aus einem Pool von Betreuungseinrichtungen eine Tagesmutter fünf Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Damit nach Arbeitsschluss mehr Zeit für ihre Tochter bleibt, nutzt sie den firmeneigenen Wäscheservice: Mitarbeiter können ihre Kleidung im Haus abgeben und bekommen sie zwei Tage später gereinigt zurück.

Leser-Kommentare
  1. wenn sowas nicht nur dort eingeführt würde, wo die arbeiten dürfen, die sich die Hände nicht schmutzig machen müssen, sondern auch an den Fließbändern und auf den Baustellen.

    Wie man hört, gibts auch beim Arbeitgeber Bundeswehr bereits Ansätze in dieser Richtung. Auch an der Front und auf dem Manöverübungsplatz oder doch nur wieder in der Belle Etage der Bessergestellten?

    Soll work-life-Balance FÜR ALLE gelten oder ein Privileg für wenige bleiben?

    Wer befreit mich von dem Verdacht, dass das Wohlgefühl der einen durch Mehrarbeit der anderen zu bezahlen sein wird?

    4 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...dass es im Laufe der Zeit aus der Bel Etage heruntersickert in die normalen Berufe. Der ganze Kram , angefangen von Sabaticals bis zu Betriebskindergärten ist nämlich für das eigentliche Rückgrat unserer Gesellschaft (z.B. das komplette Handwerk) noch völlig außer Reichweite.

    sondern mit gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung statt rigidem "das ist schon immer so gewesen".

    Fortschritt bedeutet auch den Willen zu Veränderung (u.a. von überkommenen Vorstellungen unserer Arbeitsgewohnheiten.)

    Wohlgefühl ist das nicht, sondern Bereitschaft zur Flexibilität: home office, flexible Arbeitszeiten, remote access, Handy und Personalführung. Vollzeit selbstverständlich mit Kindern.

    Das bedeutet auch: Arbeit am Wochenende, Mailverkehr um 23:00 Uhr, mal 60-Stundenwochen, mal 30-Stundenwochen, wie es eben die Aufgabe verlangt.

    Das ist der Abschied von "nine-to-five" und ein "ja" zur Entgrenzung von beruflichem und privatem Leben.

    Für mich passt's.

    k.

    ...dass es im Laufe der Zeit aus der Bel Etage heruntersickert in die normalen Berufe. Der ganze Kram , angefangen von Sabaticals bis zu Betriebskindergärten ist nämlich für das eigentliche Rückgrat unserer Gesellschaft (z.B. das komplette Handwerk) noch völlig außer Reichweite.

    sondern mit gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung statt rigidem "das ist schon immer so gewesen".

    Fortschritt bedeutet auch den Willen zu Veränderung (u.a. von überkommenen Vorstellungen unserer Arbeitsgewohnheiten.)

    Wohlgefühl ist das nicht, sondern Bereitschaft zur Flexibilität: home office, flexible Arbeitszeiten, remote access, Handy und Personalführung. Vollzeit selbstverständlich mit Kindern.

    Das bedeutet auch: Arbeit am Wochenende, Mailverkehr um 23:00 Uhr, mal 60-Stundenwochen, mal 30-Stundenwochen, wie es eben die Aufgabe verlangt.

    Das ist der Abschied von "nine-to-five" und ein "ja" zur Entgrenzung von beruflichem und privatem Leben.

    Für mich passt's.

    k.

  2. ...dass es im Laufe der Zeit aus der Bel Etage heruntersickert in die normalen Berufe. Der ganze Kram , angefangen von Sabaticals bis zu Betriebskindergärten ist nämlich für das eigentliche Rückgrat unserer Gesellschaft (z.B. das komplette Handwerk) noch völlig außer Reichweite.

    Antwort auf "Würde mich freuen,"
  3. sondern mit gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung statt rigidem "das ist schon immer so gewesen".

    Fortschritt bedeutet auch den Willen zu Veränderung (u.a. von überkommenen Vorstellungen unserer Arbeitsgewohnheiten.)

    Wohlgefühl ist das nicht, sondern Bereitschaft zur Flexibilität: home office, flexible Arbeitszeiten, remote access, Handy und Personalführung. Vollzeit selbstverständlich mit Kindern.

    Das bedeutet auch: Arbeit am Wochenende, Mailverkehr um 23:00 Uhr, mal 60-Stundenwochen, mal 30-Stundenwochen, wie es eben die Aufgabe verlangt.

    Das ist der Abschied von "nine-to-five" und ein "ja" zur Entgrenzung von beruflichem und privatem Leben.

    Für mich passt's.

    k.

    Antwort auf "Würde mich freuen,"
  4. ... bei den einzelnen Maßnahmen bin ich unterschiedlicher Ansicht. Die Eltern-Kind-Büros: super! Geht aber nicht lange gut, denke ich. Meine Kinder haben mich irgendwann stark vom Arbeiten abgehalten.... :-D
    Was diese dauernde und lange Fremdbetreuung angeht - das sehe ich halt eher mit gemischten Gefühlen. Meiner Meinung nach muß man sich einfach darüber im Klaren sein, dass Kinder ihre Zeit mit den Eltern brauchen und erwarten. Die Möglichkeit, dass irgendwann das Familienleben leidet, ist groß. Vor allem bei mehreren Kindern.
    LG
    Angela
    http://langzeit-tandem-st...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service