DIE ZEIT: Herr Weiß, was haben Sie gegen Privatschulen?

Manfred Weiß: Überhaupt nichts. Was mich stört, ist die Glorifizierung der Privatschulen. In der Öffentlichkeit herrscht die Meinung vor, Privatschulen seien prinzipiell besser als staatliche. Das entspricht nicht den Tatsachen. Zudem halte ich den derzeitigen Boom privater Bildungsangebote für bedenklich. Privatschulen verstärken die soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft.

ZEIT: Haben Sie ein schlechtes Gewissen, Herr Barz? Ihre Söhne gehen auf eine Privatschule.

Heiner Barz: Warum sollte ich? Meine Kinder besuchen doch keine Bonzenanstalt. Nach eher gemischten Erfahrungen mit staatlichen Schulen gehen unsere Kinder jetzt auf eine integrative Waldorfschule.

ZEIT: Was hat Sie zum Schulwechsel bewogen?

Barz: Das pädagogische Konzept. Mir gefällt, dass meine Kinder über viele Jahre ihren Klassenlehrer behalten, dass sie ihre Epochenhefte selbst gestalten und es keine Noten gibt. Ich bin ein großer Anhänger der handwerklich-musischen Ausrichtung der Waldorfpädagogik. Hier wird kindgerechtes Lernen großgeschrieben.

ZEIT: Auch staatliche Lehrer haben ihre Schüler durchaus im Blick.

Barz: Natürlich. Aus der Forschung wissen wir aber, dass sich viele Eltern für private Schulen entscheiden, weil sie fürchten, ihr Kind könnte an einer normalen Schule scheitern. Privatschulen haben ja eine hohe Quote von Quereinsteigern – an Waldorf- und Montessorischulen sind es über ein Drittel.

ZEIT: Bei der Schulwahl ist viel Bauchgefühl im Spiel. Was sagt die empirische Bildungsforschung zur Qualität von Privatschulen?

Weiß: Was die Leistungen angeht, unterscheiden sich private und staatliche Schulen kaum. So erzielen Privatschulen etwa bei Pisa zwar ein höheres mittleres Leistungsniveau. Das liegt jedoch weniger daran, dass die Schüler dort mehr lernen, sondern dass sie in der Regel einen besseren sozia- len Hintergrund mitbringen. Berücksichtigt man diese Herkunft, heben sich die Unterschiede weitgehend auf. In unserer Vergleichsstudie hatten unter den 15-Jährigen die Mädchen der privaten Realschulen im Lesen und in den Naturwissenschaften die Nase vorn, bei den Gymnasien schnitten die Jungen und Mädchen der öffentlichen Schulen etwas besser ab.

ZEIT: Und international?

Weiß: Da sieht es ähnlich aus: Privatschulen sind nicht besser, wenn man die Zusammensetzung der Schülerschaft berücksichtigt. Deshalb ist die OECD kürzlich zu dem Ergebnis gekommen, dass Privatschulen keine Lösung sind, um das Leistungsniveau eines Landes anzuheben.

Barz: So einfach ist das nicht! Schule muss doch mehr leisten, als Wissen zu vermitteln. Ebenso wichtig sind das Schulklima, die Zusammenarbeit mit den Eltern, die Zufriedenheit der Schüler. Und da können die Privaten punkten. Deren Schüler fühlen sich besser durch ihre Lehrer unterstützt. Auch das hat die empirische Schulforschung ergeben.

ZEIT: Woran liegt das?