Männer sterben früher, rasen öfter, töten sich und andere häufiger, trinken mehr und handeln häufiger kriminell. Doch diskutiert werden diese Fakten nur als Fragen der Gesundheits-, Verkehrs- oder Sozialpolitik. Dass es sich dabei um männerpolitische Fragestellungen handelt, ist bislang keine mehrheitsfähige Position.

Auch der Ruf nach einer gerechteren Verteilung der Erwerbs- und Nichterwerbsarbeit prallte bisher an den Männern ab. Die Quote der Teilzeiterwerbstätigen steigt seit 20 Jahren nur im Zeitlupentempo. Heute arbeiten 13,4 Prozent der Männer Teilzeit, bei den Vätern kleiner Kinder sind es 10 Prozent. Fragt man die Männer, ob das ihren Wünschen entspricht, verneinen dies 9 von 10 und rufen nach Entlastung und Arbeitszeitreduktion – das zeigte eine erste repräsentative Befragung in der Schweiz aus St. Gallen. Weniger arbeiten würden die Männer selbst, wenn damit Lohneinbußen verbunden sind. Gleichzeitig verdienen Männer für dieselbe Arbeit noch immer mehr als Frauen. Acht Prozent des Lohnunterschieds ist reine Diskriminierung.

Kurz: Widersprüche dominieren die gleichstellungspolitische Realität. Die Männer steigern zwar ihr häusliches Engagement, packen den Mehraufwand aber einfach obendrauf und üben mit Pokerface den Spagat zwischen traditioneller Ernährerrolle und neuer Partnerschaft. Die älteren Frauen beklagen den Fortbestand der Ungerechtigkeiten, während die jungen Frauen vehement unterstreichen, es im Gegensatz zu ihren Müttern nicht mehr nötig zu haben, emanzipiert zu werden. Es stehen ihnen doch alle Türen offen. Was auch stimmt. Bis das erste Kind kommt. Dann tappen sie genau wie ihre Mütter in die Traditionsfalle: Frau reduziert, Mann erhöht das Erwerbspensum. Den damit verbundenen Lohnknick holen sie zeitlebens nie mehr auf. Es ist unübersehbar: Der Verfassungsauftrag der Gleichstellung von Frau und Mann in allen Lebensbereichen ist noch lange nicht realisiert.

Es wäre deshalb naheliegend, Gleichstellung nicht länger als ein Frauenanliegen wahrzunehmen, sondern die Männer als eigenständige Akteure in die Geschlechterpolitik einzubinden.

Frauen haben die Gleichstellungsfrage nicht für sich gepachtet

Doch als der Kanton Zürich im Dezember 2011 die Stelle eines Männerbeauftragten ausschrieb, fragte Sylvie Durrer, Direktorin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann: »Braucht es das wirklich?« Sie unterstütze es, Männer anzustellen, das sei in vielen Büros bereits Praxis. »Aber explizit einen Männerbeauftragten? Die meisten Projekte der Gleichstellungsbüros richten sich längst an beide Geschlechter.« Und als am 7. März 2012 über meine Anstellung bei der kantonalen Fachstelle für Gleichstellung informiert wurde, reagierte die kantonale SVP am schnellsten. »Mit großem Befremden« nahm die Partei die neuerlichen Auswüchse der »Gleichstellerei auf Kosten der Steuerzahler« zur Kenntnis und forderte einmal mehr die ersatzlose Streichung aller Gleichstellungsbemühungen: »Die tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter passiert nicht durch eine staatliche Verordnung, sondern durch den Gesellschaftswandel und damit durch den freien Willen der Gesellschaft selber.« Die Interessengemeinschaft Antifeminismus blies ins gleiche Horn. Sie lehnt die Position eines Männerbeauftragten ab: »Männer- und Frauenbeauftragte sind unnötig. Die gesamte Gleichstellungs-Industrie gehört abgeschafft.«

Gleichzeitig jagten sich die Medienmeldungen. Bis nach Australien gingen die Berichte über den neuen male affairs officer. Wo die Meldung nicht eins zu eins abgedruckt wurde, würzten die Redakteure und Redakteurinnen nach eigenem Geschmack nach. Die niederländischen Medien machten aus dem Männerbeauftragten einen mannenvertegenwoordiger, eine Art Männeranwalt. Die Junge Welt heftete das Etikett Männerversteher an. Radio DRS produzierte eine Sendung zum Thema: »Geht es den Männern wirklich so schlecht?« Ansonsten konzentrierte sich die Debatte auf mein Aussehen. Als »sehr interessant« bezeichnete Alice Schwarzer die Entwicklung: »…mal ganz abgesehen davon, dass der junge Mann sehr gut aussieht«.