Casinotheater WinterthurSpaßmanufaktur

Das Casinotheater Winterthur, Schweizer Epizentrum der Komik, ist eine subventionsfreie Erfolgsgeschichte. von Daniele Muscionico

Das Casinotheater Winterthur

Das Casinotheater Winterthur  |  © Casinotheater Winterthur

Man findet das Glück nur selten dort, wo man es sucht. Weshalb sollte man zum Beispiel die Metropole Zürich verlassen, um östlich davon in einer unerheblichen Kleinstadt ein Theater zu besuchen?

Seit zehn Jahren stellt sich diese Frage nur dem, der entweder komikresistent oder in Sachen Unterhaltung ein Selbstbestäuber ist. Wer erfahren hat, dass das Lachen ein Echo braucht, der wird Winterthur längst für sich entdeckt haben. Die Stadt, die so glamourös ist wie Bad Schinznach bei Wassermangel, besitzt seit zehn Jahren ein privatfinanziertes Theater, das Künstlern gehört, die sich der Unterhaltung verschrieben haben. Mit einer Ausstrahlung weit über die Grenzen des Landes, mit einem Ruf, dem die Besten und Innovativsten der deutschsprachigen Kleinbühnenkunst und des Kabaretts mit wehendem Rockschoß Folge leisten.

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Wenn Alfred Biolek, wenn Dieter Hildebrandt, wenn Gerhard Polt ein einziges Gastspiel in der Schweiz geben, dann in Winterthur. Wenn Oskar Grübel, wenn Moritz Leuenberger öffentlich heiter sind, dann hier. Im Casinotheater findet einen das Glück des leichten Sinns. Man muss nicht Kant gelesen haben, um darauf zu kommen, dass der Besuch dieses Theaters, dass das Lachen nicht nur die Mittel heiligt, sondern auch den Besucher heilt. Wieso keine Kassenpflicht zum Zehnjahresjubiläum? Das Casinotheater, das Schauspielern erlaubt, durch Aktienbesitz eine eigene Bühne zu betreiben, ist nicht nur europaweit ein einmaliges Selbsthilfeprojekt von Künstlern für Künstler. Es hat auch einen Effekt auf die Volksgesundheit der Nation.

Ein Wunder ja, doch ein Wunder nach Schweizer Art. Und eines, an das zu Beginn keiner glaubte, und ein Wunder, das einen Namen hat: Viktor Giacobbo. Unser konsensdemokratischer Woody Allen verkörpert alles, was hierzulande als lustig gilt und was breitenwirksamen Support erhält durch das Schweizer Fernsehen. Giacobbo ist der G-Punkt der Winterthurer Wundererzählung. Nicht nur, aber auch, da der Autor, Schauspieler und Co-Moderator der erfolgreichsten SRF-Satiresendung Giacobbo/Müller gebürtiger Winterthurer ist.

Giacobbo hat das Haus gefunden – ein klassizistisches, doch damals marodes Juwel, von 1863 bis 1979 das Stadttheater von Winterthur; er hat es mit finanzieller Hilfe von Künstlerfreunden von der Stadt übernommen, umbauen lassen und steht ihm heute als Verwaltungsratspräsident vor. Dem Großen Vorsitzenden beigestellt sind die Besitzeraktionäre, 50 Persönlichkeiten, ein wilder Mix: von Kurt & Paola Felix, Peter Fischli, Mathias Gnädinger über Franz Hohler, Gardi Hutter, Vera Kaa, Lorenz Keiser, Charles Lewinsky, Mike Müller, Joachim Rittmeyer bis Bernhard Turnheer.

Gegen hämische Stimmen aus der Großstadt wurde das Theater 2002 eröffnet, und bereits im ersten Jahr waren Nachfrage und Aufmerksamkeit auch von dieser Seite überwältigend. Was Christoph Marthaler in Zürich nicht geschafft hatte, nämlich dass das Publikum aus der Restschweiz nach Zürich fuhr, Giacobbos Aktiengesellschaft glückte der tollkühne Plan. Dabei half auch der Deal mit dem Fernsehen, das anfänglich monatlich eine Comedy-Sendung im Casinotheater aufgezeichnete und alternierend zur Satire-Show des »lustigsten VR-Präsidenten der Schweiz« ausgestrahlt hatte.

Doch der mediale Schulterschluss brachte dem Aushängeschild die Kritik der Pizza-Connection ein, den Vorwurf, sich in seiner Heimatstadt mafiosen Klüngeleien verschrieben zu haben. Eine Attacke, die typisch ist für die Schweiz, Mittelmaß ist uns seit je vertrauter als Exzellenz. Die Anfeindungen sind inzwischen vom Tisch, und wenn das Theater jährlich über 70.000 Eintritte verzeichnet und eine Auslastung von über siebzig Prozent, dann ist bekannt, dass hier vor allem Idealismus und Teamgeist das Haus zu einer der führenden Spaßmanufakturen Europas machen. Die Verantwortlichen operieren finanziell immer auf dünnem Eis.

Leserkommentare
  1. Ein schönes Beispiel, dass auch vermeintliche "Hochkultur" keine Subventionen braucht, wenn sie kreativ ist, die Bürger begeistern kann und ein gutes Management hat.

  2. Es mag sich vielleicht ganz nett lesen, dass Winterthur eine unerhebliche Kleinstadt ist, die noch von Bad Schinznach getopt wird! Für Schweizer Verhältnisse ist Winterthur eine mittelgrosse Stadt (die grösste Schweizer Stadt die nicht Kantonshauptstadt ist) die über eine erstaunliche kulturelle Vielfalt verfügt.

    Ich finde es einigermassen borniert "by the way" über diese Stadt herzuziehen, nur um einen guten Kontrast zum "Kulturtempel Casinotheater" herstellen zu können.

    Seit Jahren bin ich ein begeisterter Besucher im Casinotheater und bin immer wieder erstaunt, welch grosse Vielfallt in der Kleinkunstszene herrscht.

    Casinotheater - ein überzeugendes Konzept - in einer sehensweten Stadt mit immerhin 100000 Einwohnern.

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