Tempelritter in einem Nachdruck eines Dokuments aus dem Jahr 1308 © Alessandro Bianchi / Reuters

Anders Behring Breivik sitzt immer mit am Tisch. Er sitzt mit am Tisch, wenn in einem Straßencafé auf Malta Paul Ray, ein stämmiger Engländer, von der islamfeindlichen English Defence League erzählt, seine Tätowierungen präsentiert und einen neuen "Heiligen Krieg" heraufbeschwört. Und Breivik sitzt mit am Tisch, wenn in einer Kneipe in Moldawien Nick Greger, ein kahlköpfiger Deutscher, von seiner Neonazi-Vergangenheit berichtet, von seiner Zeit als Bombenbauer, von einem Netzwerk "christlicher Freiheitskämpfer", die auf ihren Einsatz warten.

Anders Behring Breivik – der Massenmörder, dem gerade in Norwegen der Prozess gemacht wird – ist als Phantom immer mit dabei, weil einige seiner Gedanken auch Rays und Gregers Gedanken sind. Und weil man ohne Breivik nie auf Ray und Greger gestoßen wäre. Auf zwei selbst ernannte Weltenretter, die man für isolierte Spinner halten und ignorieren könnte. Wenn der 22. Juli 2011 nicht gewesen wäre.

An jenem Sommertag zieht Anders Behring Breivik in Oslo in eine Schlacht , von der außer ihm niemand weiß. Um 15.25 Uhr detoniert vor der norwegischen Regierungszentrale seine Bombe, so die Anklage, und reißt acht Menschen in den Tod. Um 17.22 Uhr feuert Breivik auf der Insel Utøya, in einem Jugendcamp der Sozialdemokraten, seinen ersten Schuss ab. 69 Menschen sterben, die meisten sind Jugendliche. Für Breivik sind sie die künftigen Vertreter einer Idee, die er hasst und der er die Zukunft nehmen will: des Multikulturalismus. Sie werden von seinen Kugeln getroffen, stürzen auf der Flucht zu Tode, ertrinken. Erst um 18.34 Uhr hat das Morden ein Ende: Breivik lässt sich festnehmen. Widerstandslos. Polizeifotos zeigen ihn mit einem Lächeln im Gesicht.

Irgendwann im Verlauf jenes Tages hat sich der Attentäter noch die Zeit genommen, der Welt per Mail ein Dokument voller Irrsinn und Hass zu übermitteln. Für Breivik ist es die Wahrheit, und diese Wahrheit ist 1518 Seiten lang . Um 12.51 Uhr ergänzte er sie ein letztes Mal. "Ich glaube, dies wird mein letzter Eintrag sein", tippte er ans Ende seines Manifests , an dem er drei Jahre lang geschrieben hatte. Auf dem Titel hatte er ein rotes Kreuz, die Zahl 2083 und die Worte "Eine europäische Unabhängigkeitserklärung" platziert und alles als "Kommandeur der Tempelritter" unterzeichnet.

Breivik ist überzeugt, dass sein Manifest die Kraft hat, einen modernen Kreuzzug gegen den Islam auszulösen . 2083 – die Zahl bezieht sich auf die Niederlage der Türken vor Wien im Jahr 1683 – ist sein digitales Testament. Verfasst für den Fall, dass er den Tag nicht überleben würde.

Er hat ihn überlebt – und nutzt den Prozess in Oslo nun grinsend als Bühne. Tut man einem solchen Mörder unnötig Ehre an, wenn man sich mit seiner Motivation befasst und sein Manifest durchleuchtet? Oder ist nicht genau das unerlässlich, um herauszufinden, wann aus den Wahnvorstellungen eines Einzelnen eine reale Gefahr für die Gesellschaft wird? Ob Breivik womöglich Mentoren oder sogar Helfer hatte? Ob es vielleicht ein ganzes Netzwerk gibt – oder andere Isolierte, so unauffällig und in ihrem Fanatismus verkapselt, wie Breivik es bis zum Morgen jenes 22. Juli war?

Die meisten Passagen in Breiviks Manifest stammen nicht von ihm. Allein von einem islamophoben Blogger namens "Fjordman" hat er mehr als 30 Artikel kopiert. 2083 ist eine Collage aus Wikipedia-Informationen, Zeitungsartikeln, Buchauszügen, Statistiken. Breivik nutzt die Fremdtexte, um seine Ideologie zu unterfüttern, einen Aufstand aller "Nationalisten" zu fordern – Terroranschläge und Vertreibung der Muslime aus Europa eingeschlossen.

Außerdem prahlt Breivik mit angeblichen Geheimtreffen mit Gesinnungsgenossen. Auch vor Gericht behauptet er, Mitglied einer Gruppe zu sein – und die sei wiederum Teil einer weltweiten Bewegung: "Es gibt in Norwegen zwei Zellen, die jederzeit zuschlagen können." Die Ankläger in Oslo zweifeln daran. Sie halten Breivik für einen Einzeltäter, für einen Propagandisten, der auch sich selbst belügt.

Doch Breivik ist nicht der einzige selbst erklärte Tempelritter, besessen von der Furcht vor einer "Islamisierung" Europas. Das zeigen Recherchen der ZEIT. Vor allem im Internet sind Spuren und Botschaften eines Milieus zu finden, das Breiviks Sprache und seine Gedanken teilt. Auf Seite 817 seines Manifests beschreibt Breivik sogar die angebliche Geburt einer ganzen Organisation:

Pauperes Commilitones Christi Templique Salomonici – PCCTS (Die arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels), die Tempelritter, wurden in London im Jahre 2002 wiedergegründet, und zwar von Repräsentanten aus acht europäischen Ländern, zum Zwecke, den Interessen der freien eingeborenen Völker Europas zu dienen und gemeinsam gegen den europäischen Dschihad zu kämpfen. ... Die Gründungssitzung fand im April 2002 in London statt. ... Die Namen werden dauerhaft geheim gehalten, um eine Verfolgung durch die Kulturmarxisten/Multikulturalisten zu verhindern, aber jedem Mitglied steht es frei, seinen eigenen Namen zu enthüllen. ... Ich bin der norwegische Delegierte für das Gründungstreffen in London und werde als 8. Justiziar-Ritter der PCCTS, Tempelritter Europa, ordiniert. ... Jeder verwendet einen Tarnnamen; meiner ist Sigurd (der Kreuzfahrer), während mein Mentor als Richard (Löwenherz) bezeichnet wird. ... Ich frage mich manchmal, ob einer der Gründer der English Defence League nicht einer der Mitbegründer der PCCTS war; vermutlich werde ich das nie sicher wissen.

Malta, Mitte April 2012. Paul Ray ist ein leicht untersetzter Mittdreißiger, dem die Haare schon fast ausgegangen sind. Er trägt Jeans und ein weißes T-Shirt, auf Brusthöhe mit einem roten Kreuz bestickt – länglich und schlank, alle vier Enden gekerbt. Es ist das Templerkreuz. Darüber vier Buchstaben: A.O.T.K. Die Abkürzung steht für Ancient Order of the Templar Knights. Ray trägt das Kreuz auch als Tätowierung auf seinem rechten Unterarm, darunter steht Deus Vult, "Gott will es". So lautete angeblich die Antwort der Massen, als Papst Urban II. die Christen im Jahre 1095 aufrief, Jerusalem von den Muslimen zu befreien, was den ersten Kreuzzug auslöste.

"Manche Leute nennen mich Großmeister", sagt Paul Ray, während er sein Auto über Maltas Straßen steuert. Überall auf der Insel hat der – auf die Kreuzzüge zurückgehende – Malteserorden wuchtige Wehranlagen hinterlassen. Der Katholizismus ist hier bis heute Staatsreligion. Das Mittelmeer glitzert in der Morgensonne, in der Luft liegt das Dröhnen der Ferienflieger.