Alles fing an, als Großmutter Gerda starb. Obwohl sie 98 Jahre alt war, nahm sie ohne eine einzige Falte im Gesicht Abschied von der Welt und hinterließ eine Tochter, 12 Enkel, 29 Urenkel und ihre Wohnung. Seit ich denken kann, stattete ich ihr in dieser Wohnung Besuche ab. Ich durchquerte zu Fuß das Stadtzentrum von Tel Aviv, stieg in den dritten Stock, drückte die Klingel, auf der "Tuchler" stand, und kam nach Berlin.

Großmutter Gerda lebte 70 Jahre lang in derselben Wohnung – seitdem sie Deutschland verlassen hatte. Die schweren europäischen Möbel, Porzellanfigurinen, Hunderte Bücher, wenn nicht Tausende, alles in der Wohnung war aus ihrer Heimat. Der Besuch folgte stets einem festen Ritual. Großmutter, immer elegant gekleidet, geleitete mich erhabenen Schrittes ins Wohnzimmer. Wir setzten uns, ich aufs Sofa, sie in den Sessel, links und rechts an der Wand zwei imposante, von einem Künstler gemalte Porträtbilder: eine hübsche Frau mit schwarzem Haar, Großmutter Gerda; und, mit strenger Miene und durchdringendem Blick, Opa Kurt, seligen Angedenkens. Dann, bei Tee, Apfelstrudel oder Schweizer Schokolade, wurde das Gespräch eröffnet. Trotz all der Jahre in Israel beherrschte Großmutter Gerda die hebräische Sprache nicht, und ich, typisches Kind des Landes Israel, wollte kein Deutsch lernen. So fanden unsere Gespräche auf Englisch statt. Manchmal vergaß ich für einen Moment, dass wir uns im Nahen Osten befanden.

Jetzt betrete ich die Wohnung zum ersten Mal nach der Beerdigung. Alles dort steht stumm im Dunkeln. Ein letzter Blick auf das Leben, das hier geführt wurde, bald beginnen die Ausräumarbeiten, in kurzer Zeit sind die Dinge verpackt, verteilt, weggeworfen.

Ich bin nicht sicher, ob ich tun würde, was zu tun ich beschloss, wenn ich nicht Dokumentarfilmer wäre. Als meine Mutter Hannah die Verwandten zur Wohnungsauflösung einlädt, zeigt niemand großes Interesse an dem Erbe, das uns zugefallen ist, ebenso wenig an den Gefühlen, die es hervorruft. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die nicht besonders sentimental mit der Vergangenheit umgeht. Wir waren eingepflanzt in die israelische Erfahrungswelt und wollten nicht wahrhaben, dass die deutsche Herkunft unserer Familie irgendeinen Einfluss auf uns haben könnte. Und Großvater Kurt und Großmutter Gerda – wie ihre Namen kamen sie aus einer anderen Kultur, fern, unerreichbar. Doch dann öffneten sich die Schränke.

Wir haben eben mit dem Ausräumen begonnen, schon gibt es eine Entdeckung, die Mutter so auf den Punkt bringt: "Gerda warf ungern etwas weg." Schränke und Kommoden sind gefüllt mit unfassbaren Mengen von Sachen im erlesenen Geschmack der dreißiger Jahre. Das meiste wurde per Schiff von Deutschland hierher befördert, nun sind die Sachen abgenutzt, zerschlissen. Meine Mutter zählt: "84 Handtaschen, 104 Schals, 92 Paar Handschuhe." Nach kurzem Zögern sagt sie: "Wegwerfen, alles wegwerfen!" Im Wohnzimmer warten die Bücher darauf, gerettet zu werden. Beim Herausnehmen aus den Regalen füllt sich die Wohnung mit Staubwolken, Zeugen all der Jahre, die Großmutter nicht mehr in ihnen geblättert hat. Goethe, Heine, Nietzsche, Schopenhauer – die Bücher ziehen mich in ihren Bann, obwohl sie alle auf Deutsch geschrieben sind. Ich kann den Reiz, den diese Kultur auf mich ausübt, von der ich kein Wort lesen kann, nur schwer erklären.

Während ich die Bücher in Kisten packe, versuche ich mich zu besinnen: Was weiß ich eigentlich von dem Mann, dem es wichtig war, sie jahrzehntelang aufzubewahren? In meiner Erinnerung ist Großvater Kurt ein würdevoller Mann, ernst und unnahbar. Und er spricht immer Deutsch. Als er starb, war ich fünfzehn. Auch bei seiner Beerdigung sprachen fast alle nur Deutsch. In Deutschland hatte er als Richter gearbeitet, das wurde in der Familie immer betont, wie auch die Tatsache, dass er schon in seiner Jugend Zionist war, das heißt, er glaubte daran, dass die Juden in einem eigenen Staat leben müssen.

Jetzt wundere ich mich, wie jemand, der die deutsche Literatur und Kultur so in sich aufgesogen hatte, Anhänger einer Ideologie sein konnte, die die Juden zum Verlassen Deutschlands aufforderte. Und dann halten meine Augen plötzlich auf einer Buchseite inne, die umgeknickt ist, in einem Buch mit Briefen des Philosophen Walter Benjamin. Auf dieser Seite erkenne ich zu meiner Überraschung den Namen Kurt Tuchler, wie auch auf den folgenden Seiten. Ich stoße auf eine Geschichte, die ich nie zuvor gehört habe. 

Der junge Walter Benjamin beschreibt die lebhafte intellektuelle Beziehung zu einem gleichaltrigen Jugendlichen, den er im Sommer 1912 kennenlernte. Mein Großvater war damals 17 und lebte mit seiner Familie in Stolp in Pommern. Der Vater hatte ein großes Geschäft im Stadtzentrum. Wenn der Sommer kam, fuhren die Tuchlers in ihrer feinsten Garderobe in die Sommerfrische in den Küstenort Stolpmünde. Dort stellte ein Freund Tuchler und Benjamin einander vor. Die Begegnung der beiden bildungshungrigen jungen Leute führte zu einer Freundschaft mit leidenschaftlichen Diskussionen, einer gemeinsamen Reise nach Paris und einem intensiven Briefwechsel. In diesen Briefen, so jedenfalls verstehe ich es, versuchte der junge Tuchler Benjamin vom Zauber der neuen nationalen Bewegung, des Zionismus, zu überzeugen, und Benjamin wiederum wollte Tuchler vom Zauber der neuen anationalen Bewegung überzeugen, des Marxismus.