Als Alladeen, Diktator des Wüstenstaates Wadiya, seine eigenen Olympischen Spiele veranstaltet, bricht er auf Anhieb den Weltrekord im Hundertmeterlauf: Er läuft, mit der Starterpistole in der Hand, vor allen anderen los, löst dann erst den Startschuss aus und erschießt alle verfolgenden Läufer, derweil seine Lakaien ihm mit dem Zielband entgegeneilen, in das er sich glücklich fallen lässt.

Der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt hat gesagt, dass in jedem Erwachsenen ein vierjähriger Tyrann tobe. Und wenn wir als Vierjährige die Kraft und die Mittel gehabt hätten, so hätten wir unter unseren Verwandten ein Blutbad angerichtet. Admiral General Alladeen, der Held von The Dictator, ist ein solches Gewissenskleinkind. Sacha Baron Cohen spielt ihn nicht als grimmigen Herrscher, sondern er gibt dem Tyrannen ein glucksendes Vergnügen an der eigenen Grausamkeit. Alladeen bewegt sich in seinem Staat, als wäre er ein weit geschnittenes, allein für ihn entworfenes Kleidungsstück: Der Zuschauer erlebt einen Mann mit der Moral eines wütenden Vierjährigen im Körper des erwachsenen Mannes. Er freut sich über jedes Todesurteil, das er sprechen kann.

Wer vom Diktator mit einer Kopf-ab-Geste zum Tod verurteilt wird, darf, dank eines gnädigen Hofstaates, dennoch weiterleben – man lässt die in Ungnade gefallenen Höflinge heimlich nach New York ausreisen, wo sie ihr eigenes Viertel, Little Wadiya, aufbauen. Es wird in diesem Film nichts so wüstenheiß gegessen, wie Alladeen es gekocht hat. Anders gesagt: Cohen hat seine erste wirkliche Hollywood- Komödie geschaffen. The Dictator handelt davon, dass Alladeen auf einer Reise nach New York das Opfer eines Putsches wird: Sein Stellvertreter (Ben Kingsley) inszeniert einen Mordanschlag und ersetzt den Tyrannen durch einen Doppelgänger. Der Widersacher will sein Land, unter dem Vorwand, es zu befreien, an die Ölindustrie verschachern. Alladeen überlebt den Anschlag und macht sich daran, die Macht wiederzugewinnen.

Sacha Baron Cohen hat einen Königsweg zur Machtkritik: die Zote. Als ein Doppelgänger für Alladeen gefunden wird, muss der Neue zwei Dinge über sich ergehen lassen: Er muss sich die Nägel schneiden und den Penis kürzen lassen. Sprich: Der impotente oder libidinös untertourige Mann entschädigt sich auf anderen Gebieten – er muss kommandieren. Dass ihm auf seinem Weg zurück an die Staatsspitze eine glutenfrei und gewaltlos lebende, politisch links stehende Veganerin aus Brooklyn hilft, die am Ende seine Frau wird, ist eine Pointe des Films. Überhaupt merkt Alladeen, dass New York, die Metropole des Feindes, für ihn geschaffen ist. Wer es hier schafft, schafft es auch in Wadiya.

Cohen spielt den gestürzten Diktator als ein Wesen, in dessen Brust der Kampf zwischen einem Mörder und einem Unschuldigen tobt. Als Alladeen durch einen Zufall einer Hochschwangeren bei der Geburt ihres Kindes beisteht, reißt er das Neugeborene hoch und brüllt es an: "Wo ist das Hauptquartier der Rebellen?" Es ist der Reflex des Tyrannen, der in jedem Jüngeren einen Thronfolger und potenziellen Feind erblickt. Dann aber stimmt ihn das Weinen des Babys milde, und er spricht: "Ich verurteile dich zu lebenslänglich."

Der Kampf zwischen Gut und Böse, den Alladeen verkörpert, er zerreißt, ins Große übersetzt, auch die USA, das Land, in dem der Tyrann zu sich selbst kommt. Zurück an der Macht, in einer Rede vor den UN, preist Alladeen die Vorzüge seiner Tyrannei, und wir, die Zuschauer, begreifen: Alle diese "Vorzüge" besitzen die USA längst selbst (Ungleichheit, gleichgeschaltete Medien, schlechtes Gesundheitssystem, hohe Kindersterblichkeit bei den Armen). Und wenn man sich fragt, aus welchen Vorbildern Cohen seine Figur zusammensetzt, kommt man auf zwei Männer: auf Saddam Hussein und auf Harpo Marx. Die Ereignisse, welche den Resonanzboden für The Dictator bilden, sind Nine Eleven und der "Krieg gegen den Terror".

Alladeen nimmt einen Job in einem Bioladen an, der sein Gemüse auf den Dächern von Brooklyn zieht. Die Gemüsefelder befinden sich dort, wo das vielleicht berühmteste Bild vom Morgen des 11. September 2001 entstand: Man sah Yuppies, die auf den Dächern Brooklyns frühstückten, während im Hintergrund die Türme brannten. Genau hier beginnt Alladeens Wiederaufstieg. In einer anderen Szene gönnt sich Alladeen mit einem Freund einen Helikopterflug über New York, und dabei erzählt er von seinem Porsche 911, den er daheim zu Bruch gefahren habe: "911, crash, wonderful!" Zwei amerikanische Touristen sitzen auch im Helikopter, und an dieser Konstellation weidet sich der Film minutenlang: die schreckstarren Amerikaner und die lachenden Araber – zusammengesperrt, hoch über New York. Selbst Cohen, der furcht- und skrupelloseste aller Spaßmacher, hat elf Jahre gebraucht, ehe er sich diese Szene erlaubte.