»Die jüngeren Branchenmitglieder schweigen«, schreibt Dominik Graf in seinem ZEIT- Artikel zum deutschen Filmwesen, aber das ist nicht richtig. Kein anderer Artikel wurde unter Filmschaffenden auf Facebook so oft geteilt, geliked und kontrovers kommentiert wie Grafs Abrechnung mit dem staatstragenden deutschen Kinofilm. Viele von uns jüngeren Filmemachern unterscheiden – genau wie Graf – nicht mehr zwischen U- und E-Filmen, also gesellschaftlich relevantem Kunst- und seichtem Unterhaltungskino. Auch ich wünsche mir diese Aufhebung für meine Filme.

Jedoch wurde meine Regie-Generation in ein Subventionssystem hineingeboren, das in diesen Kategorien denkt und funktioniert, und ich stelle fest, dass sich Stoffe, die sich eindeutig auf der einen oder der anderen Seite verorten lassen, leichter finanzieren lassen als Stoffe, die versuchen, diese Trennung aufzuheben. Es ist ein System, an dem wir nicht vorbeikommen, wenn wir von unserem Beruf leben wollen.

Ist es tatsächlich der von Graf erwähnte »Kampf ums nackte Überleben«, der uns öffentlich schweigen lässt? Oder ist es vielmehr die Abhängigkeit von den Entscheidungsträgern in Gremien und Sendern? Und da sind wir auch schon am Kern dessen angelangt, was mir an Grafs Artikel fehlt. Zwar begeistert, wie er das Diktat von Authentizität und thematischer Relevanz im deutschen Kinofilm beschreibt. Seine Analyse des Phänomens greift aber zu kurz.

Grafs Forderung nach mehr Glanz, mehr Spannung, mehr Unterhaltung und Verführung ist nicht neu. Schon vor gut 30 Jahren wurde sie gestellt, in verblüffend ähnlichen Worten und in ebendieser Zeitung. Eingebettet war sie damals in das Unwohlsein, das die enge Zusammenarbeit der öffentlich-rechtlichen Spielfilmredaktionen mit den Kinoregisseuren erzeugte.

Seitdem ist die Beziehung zwischen Kino und Fernsehen sogar noch symbiotischer geworden. Dominik Graf stellt ja auch die Frage, ganz sachte und am Rande, ob das Fernsehen, der treue Auftraggeber auch seiner gänzlich nicht trivialen Filme, mit ursächlich sei für die bildungsbürgerlichen Film-Besinnungsaufsätze, die am Publikum vorbei produziert werden. Die Antwort ist: Ja. Und das Fernsehen steht dem Problem heute genauso kritisch und hilflos gegenüber wie die Filmemacher selbst. Man muss lange zurückgehen, um zu verstehen, dass der »Verlust an Trivialität« das Ergebnis einer gemeinsamen Entwicklung von Filmemachern und Fernsehredakteuren ist.

In Amerika reagierte das Kino nach Aufkommen des Fernsehens in den fünfziger Jahren auf den neuen Konkurrenten, indem man die Produktion von Schwarz-Weiß-Filmen mit geringem Budget praktisch einstellte, weniger, dafür aber aufwendigere Filme drehte und mit alternativen Angeboten technischer Art, wie dem Cinemascope-Format und 3-D-Experimenten, den Schauwert erhöhte. Während man dort alle Kassenrekorde schlug, verpasste es die Kinobranche in Deutschland, auf das neue Medium zu reagieren.

Die Zuschauerzahlen brachen dramatisch ein, denn es gab keinen Grund mehr, das heimische Sofa zu verlassen. Alles, was man im Kino sah, konnte man bald auch zu Hause haben.