Der Regisseur Fatih Akin © Ingo Wagner/dpa

Warum ist es etwas so Besonderes, auch in diesem Jahr wieder nach Cannes zu fahren? Weil dieses Festival, so wie Berlin und Venedig, eine Art Klassentreffen der internationalen Kino-Elite ist. Unter den drei großen Festivals ist Cannes die Messe der Filmkunst, die Olympiade des Kinos. In Cannes habe ich Martin Scorsese kennengelernt, die Coen-Brüder, Menschen, deren Filme ich schon als Teenager bewundert habe. Unfassbar, wenn eine dieser Kinogrößen dann auch noch einen Film von mir kannte. So wie Walter Salles, der mir begeistert erzählte, dass er meinen Dokumentarfilm Crossing the Bridge über Istanbuls Musikszene bei sich zu Hause in Brasilien gesehen habe – dabei hatte Salles doch mich beeinflusst und nicht umgekehrt. Solche Momente, in denen sich das Kino über sich selbst verständigt, in denen Filme plötzlich miteinander zu sprechen scheinen, sind das Schöne an großen Festivals und besonders an Cannes.

In Cannes in einen Kinorausch einzutauchen ist immer auch eine Lehrstunde. Durch nichts habe ich mehr über das Filmemachen gelernt als durch das Filmeschauen. Schließlich gehe ich in Cannes nicht auf Roman Polanski zu und frage ihn: »Hey, mit welchen Optiken hast du deinen Film gedreht?« Um ehrlich zu sein, halte ich bei der Begegnung mit solchen Größen meistens die Schnauze, weil ich viel zu eingeschüchtert bin.

Das Beeindruckendste ist immer noch der rote Teppich. Als Jugendlicher habe ich davon geträumt, dass meine Filme in Cannes laufen, dass ich die Stufen hoch über den roten Teppich laufen darf. Dieser Teppich hat für mich nichts von seiner Faszination verloren, das ist wie bei einem Feuerwerk oder wie bei einer Weihnachtsgans. Auf halber Höhe der Treppe blickt man hoch zu Gilles Jacob und Thierry Frémaux, dem Direktor und dem künstlerischen Leiter von Cannes. Und runter schaut man auf die Fotografen. Es ist nicht das Sehen und Gesehenwerden, das diese Treppe so faszinierend macht. Sondern die Freude über die Anerkennung, dass die eigene Arbeit in diesem Zirkel gezeigt wird. Ich werde nie vergessen, wie ich zum ersten Mal auf diesem Teppich stand. Man ist halb auf Autopilot gestellt und hat Angst, jemandem aufs Kleid zu treten. Damals bin ich Toni Morrison aufs Kleid getreten. Ich meine auch, einen Riss wahrgenommen zu haben.

Aber es gibt auch die Cannes-Depression: Wenn man die ganzen 15 Tage dort bleibt wie in jenem Jahr, als ich Jury-Mitglied war, erlebt man in der Mitte des Festivals einen Breakdown. Zu viele Menschen, zu viel heiße Luft, zu viel Aufregung, der ganz normale Wahnsinn von Cannes. Gegen Ende wird das Festival dann wieder richtig gut, weil die meisten Branchenleute schon abgereist sind und die Stimmung intimer wird. Die Aufregung ist verpufft, und man kann endlich alles ganz entspannt genießen.

In diesem Jahr war ich ganz unruhig, als ich nach der Einreichung meines Dokumentarfilms Müll im Garten Eden so lange nichts aus Cannes hörte. Ich dachte: Finden die den Anfang zu straight, zu amerikanisch, zu schnell bei der Sache? Zudem bin ich mit der Qualität des Films, mit der Auflösung der Bilder sehr unzufrieden, da die Kamera, die wir verwendeten, technisch weit hinter unseren Erwartungen zurückblieb. Dann wurde der Film doch angenommen, in der Reihe Special Screenings.

Es ist ein kleiner Film, der für mich aber sehr wichtig ist. Er handelt von einem türkischen Dorf an der Schwarzmeerküste und seinem Kampf gegen eine Mülldeponie, aber die Lügen der Verantwortlichen lassen sich auch auf Fukushima und Gorleben oder auf die Öltankerkatastrophe der Exxon Valdez übertragen. Der Film führt vor Augen, wie man sich juristisch gegen eine solche Deponie wehren kann und dass der Widerstand vor allem von Frauen initiiert wird. Darüber hinaus ist es ein ganz persönliches Porträt heutigen Dorflebens in der Türkei.

Çamburnu, das inmitten von Teeplantagen liegt, ist das Dorf meines Großvaters und deshalb für mich das beste, schönste Dorf der Welt. Trotzdem ist es ein ganz normales kleines türkisches Dorf. Man weiß hierzulande viel zu wenig über diese Welt, das wird immer wieder klar, nicht nur wenn man die Springer-Presse oder das Türkei-Bashing in Onlineforen verfolgt. Ganz beiläufig möchte ich das Klischee zertrümmern, dass auf dem türkischen Land alles viel zurückgebliebener, kaputter und undemokratischer sei als in Istanbul. Der Film zeigt, wie abgeklärt in der türkischen Provinz mit dem Islam umgegangen wird. Nicht anders als mit dem Katholizismus in einem bayerischen Dorf. Vielleicht sogar ein wenig moderner.