Fußball-WM 1978: Sport und Mord
Boykott der EM in der Ukraine? So hitzig wie über die WM 1978 in Argentinien wird heute allerdings nicht mehr debattiert.
© Roland Witschel/picture alliance/dpa

Die deutsche Nationalelf vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-WM 1978 in Argentinien
Paul Breitner gegen Berti Vogts, »linke Medienmafia« gegen Springer – und der Deutsche Fußball-Bund Seit’ an Seit’ mit südamerikanischen Militärs und einem Nazi-Offizier: Die Kontroverse um die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien erzählt viel über den gesellschaftlichen Wandel in der Bundesrepublik. Denn anders als heute, da über die Teilnahme an der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine eher vorsichtig gestritten wird, geriet das Thema Sport und Menschenrechte damals, in den Zeiten von Kaltem Krieg und RAF-Terror, noch heftig zwischen die ideologischen Fronten.
Der Gastgeber Argentinien stand 1978 seit mehr als zwei Jahren unter dem Stiefel eines Militärregimes, das sich in einem Dritten Weltkrieg gegen eine moskauhörige Internationale wähnte. Die Generäle in Buenos Aires gaben sich zwar alle Mühe, ihre Terrorherrschaft zu verschleiern. Doch schon im Januar 1977 berichtete Amnesty International von Tausenden politischen Gefangenen und 15.000 »Verschwundenen«, wie die Opfer von Entführung, Folter und Mord im Jargon des Regimes hießen.
»Bild am Sonntag« preist die Militärdiktatur
Die Menschenrechtler waren es denn auch, die das Thema in die bundesdeutsche Öffentlichkeit trugen. In gemeinsamen Aktionen mit Studenten und Kirchenleuten sollten die Fußballfans auf die Lage in Argentinien aufmerksam gemacht werden: Vor den Stadien wurden Anstecker mit Slogans wie »Fußball ja – Folter nein« verteilt, es gab Ausstellungen und Vorträge, Flugblatt- und Briefaktionen. Den Boykott des Turniers durch die Nationalmannschaft forderte allerdings niemand.
Doch bei den Ideologen des »unpolitischen Sports« löste allein der Hinweis auf die Junta-Opfer blanke Empörung aus. Ein Jahr vor dem Turnier – Argentinien und der amtierende Weltmeister Deutschland waren sich gerade in einem Freundschaftsspiel begegnet – wagte ein evangelischer Pfarrer, in der Fernsehsendung Das Wort zum Sonntag zu fragen, wer denn »unsere Freunde« in Argentinien seien: die politisch Verfolgten oder die Machthaber? Der DFB-Chef und Vorsitzende des WM-Organisationskomitees, Hermann Neuberger, schäumte. Die Sendung solle nicht politisieren, sondern »den gläubigen und bekennenden Christen darauf einstimmen, den Alltag einmal abzustreifen und die Nähe Gottes zu suchen«, belehrte der Funktionär den zuständigen Intendanten.
Neubergers Intervention konnte allerdings nicht verhindern, dass die Kontroverse weiterging und in den Wochen unmittelbar vor Turnierbeginn hochkochte. Im März 1978 fragte die WDR-Sendung Monitor die Nationalspieler nach ihrer Meinung. Paul Breitner und Berti Vogts ließen sich nicht lange bitten. Breitner, der gerne als rebellischer Einzelgänger auftrat und sich ohnehin nicht mehr im Kader befand, empfahl seinen ehemaligen Teamkollegen, dem argentinischen Präsidenten Jorge Videla als Zeichen des Protestes den Handschlag zu verweigern. Berti Vogts wollte dagegen energisch wissen, ob der Reporter vom WDR die gleiche Frage gestellt hätte, wenn die WM in der Sowjetunion stattfände.
Damit lieferte der rechte Verteidiger seinen Kritikern eine Steilvorlage. »Berti Vogts gewinnt zunehmend politisches Profil«, spottete die Süddeutsche Zeitung, »ein scharfer Terrier, nicht nur auf dem grünen Rasen.« Selbst die FAZ, die ansonsten mit Sympathie auf Vogts blickte, war verwundert und attestierte dem künftigen Jugendtrainer des DFB gar mangelnde Eignung für das Amt: »Als er sich während der Schleyer-Entführung für die Todesstrafe aussprach, glaubte man noch an eine Art akustischer Affekthandlung. Daran mag man jetzt nicht mehr glauben. [...] Gesetzt den Fall, man hätte einen begabten Fußballspieler zum Sohn – sollte man ihn in die Obhut dieses Mannes geben?«
Freudige Unterstützung bekam Vogts indes aus dem Hause Springer. Ein Leitartikler der Welt huldigte ihm als aufrechtem Gegenbild zum scheinheiligen Paul Breitner: »Nun gehört ganz sicher einiger Mut dazu, im fremden Lande einem Staatschef die Hand zu verweigern. Es gehört aber unvergleichlich viel mehr Mut dazu, im eigenen Land einer ganzen Medienmafia ins Gesicht zu sagen: ›Würden Sie die gleiche Frage stellen, wenn die Spiele in der Sowjetunion stattfinden würden?‹ [...] Berti Vogts hat uns allen eine Lehre erteilt.« Breitner dagegen habe keine moralischen Bedenken gehabt, 1974 einen Vertrag bei Real Madrid in Franco-Spanien zu unterzeichnen: »Damals betraf seine einzige Klage über humane Benachteiligung die Tatsache, daß er seinen schicken Maserati aus steuerlichen Gründen nicht ins gelobte Pesetenland mitnehmen konnte.«
Doch je näher das Turnier kam, desto stärker rückte das Austragungsland selbst in den Fokus. Dabei war das Bild damals nicht ganz so klar, wie es heute erscheint. Tatsächlich hatte Argentinien unter dem Diktat der Peronistischen Partei (Präsident Juan Perón starb 1974) eine Welle von terroristischen Attacken linksextremer Guerilla-Organisationen erlebt, die auch nach dem Militärputsch vom März 1976 nicht sofort abebbte. So konnte in der deutschen Öffentlichkeit der Eindruck einer diffusen Gemengelage politischer Gewalt entstehen, die keiner Seite eindeutig zuzuordnen war.
Vor diesem Hintergrund verstiegen sich manche Blätter zu haarsträubenden Solidaritätsadressen an die Generäle. So schrieb etwa Springers Bild am Sonntag kurz vor dem Turnier: »In Argentinien schmachten politische Gefangene in den Gefängnissen, die allein wegen ihrer politischen Überzeugung verhaftet wurden. So wollen es uns ›sportpolitische‹ Agitatoren glauben machen. Sie übernehmen vorbehaltlos propagandistische Behauptungen des Ostens, der von der Verfolgung seiner Bürgerrechtler ablenken möchte.« Geleugnet wurde die Gewalt der Militärs gegen Regimegegner keineswegs, das Blatt schien die harte Hand vielmehr einzufordern: »Staatspräsident Videla und seine Militärs räumten mit den Terroristen radikal auf. Es wurde liquidiert, gefangengenommen, erschossen.«
Für den nächsten Eklat sorgte allerdings die DFB-Spitze selbst. Kaum hatte die deutsche Mannschaft im zentralargentinischen Ascochinga Quartier bezogen, tauchte dort Hans-Ulrich Rudel auf und bat um Einlass. Rudel war ein hochdekorierter Offizier des Zweiten Weltkriegs, ein Held des NS-Regimes, der auch nach dem Krieg seinem »Führer« die Treue hielt. 1948 hatte sich Rudel nach Südamerika abgesetzt und war dort zum Berater etlicher Militärdiktatoren geworden.
Ein Nazi-Offizier im Trainingsquartier? Für Helmut Schön kein Problem
Für den DFB alles kein Grund, den Mann abzuweisen: »Ich kenne Herrn Rudel aus der Herberger-Zeit. Warum soll ich ihn nicht begrüßen«, erwiderte Bundestrainer Helmut Schön auf kritische Fragen, »er hat im Krieg Hervorragendes geleistet.« Für Hermann Neuberger war der glühende Nazi schlicht ein »Bundesbürger mit vollen Rechten«, und DFB-Pressesprecher Wilfried Gerhardt warf den Journalisten gar »Gesinnungsschnüffelei« vor.
Für die WM-Kritiker bestätigte sich damit der Eindruck eines politisch heillos ignoranten Sportverbandes, denn schon lange vor dem Turnier war Neuberger durch wunderliche Kommentare aufgefallen. So hatte der deutsche WM-Cheforganisator 1976 just nach dem Putsch erleichtert aufgeatmet. Durch die Machtergreifung der Generäle sei die »Wende zum Besseren« gelungen; jetzt habe der internationale Fußballverband Fifa endlich einen Partner mit Durchsetzungsvermögen bekommen.
Der »Partner« am Rio de la Plata dürfte für Neubergers Schützenhilfe dankbar gewesen sein. Am 25. Juni 1978 wurde Argentinien Weltmeister, der Gewinn des Titels half, die Diktatur zu stabilisieren. Erst 1983, nach dem verlorenen Krieg gegen Großbritannien um die Falklandinseln, endete das Terrorregime der Militärs. 30.000 Menschen blieben für immer »verschwunden«.









Das Adjektiv "ignorant" lässt sich ja irgendwie als "dümmlich" oder "teilnahmslos" interpretieren.
Das ist aber bei den DFB-Funktionären dieser Zeit wohl vollkommen unangebracht. Die waren nach den zitierten Äußerungen ja wohl eher aktiv rechtslastig, politisch autoritär bis faschistoid eingestellt.
»er hat im Krieg Hervorragendes geleistet.«
wer solche menschen im dfb beschäftigt hat, der sollte etwas zurückhaltend sein mit der kritik an anderen.
was wohl der philipp lahm dazu sagt?
Sie fragten: "was wohl der philipp lahm dazu sagt?"
Na, das was er immer sagt: "Wir waren über 90 Minuten die bessere Mannschaft." oder "Meine Meinung zu BILD ist eine sehr positive weil ich jeden Tag diese Zeitung lese." Lahm ist halt der Berti Vogts unserer Tage.
Deutlich interessanter als Hermann Neuberger ist der erste DFB-Nachkriegspräsidenten Peco Bauwens. 2006 gab es in der Zeit ein recht aufschlussreiches Sittengemälde zu dieser schillernden Figur - ich habe es hier auch wiedergefunden:
http://www.zeit.de/2006/1...
Wenn man das einmal vergleicht mit dem aktuellen, offiziellen Bauwens-Porträt auf der DFB-Seite
http://www.dfb.de/index.p...
dann weiß man, dass in der Otto-Fleck-Schneise noch so einige Arbeit auf Historiker wartet.
500 geknackte Panzer ist eine nie wieder erreichte soldatische Glanzleistung. Schade, daß er nach dem Krieg ein Hitlerfan geblieben.
Sie fragten: "was wohl der philipp lahm dazu sagt?"
Na, das was er immer sagt: "Wir waren über 90 Minuten die bessere Mannschaft." oder "Meine Meinung zu BILD ist eine sehr positive weil ich jeden Tag diese Zeitung lese." Lahm ist halt der Berti Vogts unserer Tage.
Deutlich interessanter als Hermann Neuberger ist der erste DFB-Nachkriegspräsidenten Peco Bauwens. 2006 gab es in der Zeit ein recht aufschlussreiches Sittengemälde zu dieser schillernden Figur - ich habe es hier auch wiedergefunden:
http://www.zeit.de/2006/1...
Wenn man das einmal vergleicht mit dem aktuellen, offiziellen Bauwens-Porträt auf der DFB-Seite
http://www.dfb.de/index.p...
dann weiß man, dass in der Otto-Fleck-Schneise noch so einige Arbeit auf Historiker wartet.
500 geknackte Panzer ist eine nie wieder erreichte soldatische Glanzleistung. Schade, daß er nach dem Krieg ein Hitlerfan geblieben.
was hat das alles mit der Ukraine zu tun? Soweit bekannt, haben doch die glühenden deutschen Verehrer des griechischen Oligarchen-Regimes alle ihre Teilnahme abgesagt. Somit ist also in der Ukraine mit politisch sauberen Spielen zu rechnen.
Sie fragten: "was wohl der philipp lahm dazu sagt?"
Na, das was er immer sagt: "Wir waren über 90 Minuten die bessere Mannschaft." oder "Meine Meinung zu BILD ist eine sehr positive weil ich jeden Tag diese Zeitung lese." Lahm ist halt der Berti Vogts unserer Tage.
Deutlich interessanter als Hermann Neuberger ist der erste DFB-Nachkriegspräsidenten Peco Bauwens. 2006 gab es in der Zeit ein recht aufschlussreiches Sittengemälde zu dieser schillernden Figur - ich habe es hier auch wiedergefunden:
http://www.zeit.de/2006/1...
Wenn man das einmal vergleicht mit dem aktuellen, offiziellen Bauwens-Porträt auf der DFB-Seite
http://www.dfb.de/index.p...
dann weiß man, dass in der Otto-Fleck-Schneise noch so einige Arbeit auf Historiker wartet.
Gottseidank ist die deutsche Besatzung der Ukraine vorbei und es laufen dort keine deutschen Alt-Nazis mehr rum, die im deutschen Spieler-Quartier ein- und ausgehen.
In Argentinien hatten die deutsche Mannschaft, ihre Funktionäre und die deutsche Politik nicht nur ein Problem mit einer faschistoiden Militärregierung sondern auch mit der deutschen Vergangenheit und den Überbleibseln der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die in der Ukraine für unredliches Leid und Völkermord verantwortlich war.
Hier nun einen wie auch immer gearteten Kontext mit der heutigen Ukraine herzustellen, zeugt von elementarer Geschichts-Vergessenheit und ist eine Beleidigung des ukrainischen Volkes.
Darf man, muß man aber nicht. Denn es werden in dem Artikel schließlich nicht die Regime Argentiniens 1978 und der Ukraine 2012 miteinander verglichen, sondern der Umgang deutscher Fußballfunktionäre und Spieler mit autoritären Regimen damals vs. heute gegenübergestellt.
Daß die Militärdiktatur Argentiniens viel übler war als das autoritäre Regime der Ukraine heute, wird von niemandem bestritten. Von daher sehe ich auch keinen Grund für eine Skandalisierung des Artikels.
Darf man, muß man aber nicht. Denn es werden in dem Artikel schließlich nicht die Regime Argentiniens 1978 und der Ukraine 2012 miteinander verglichen, sondern der Umgang deutscher Fußballfunktionäre und Spieler mit autoritären Regimen damals vs. heute gegenübergestellt.
Daß die Militärdiktatur Argentiniens viel übler war als das autoritäre Regime der Ukraine heute, wird von niemandem bestritten. Von daher sehe ich auch keinen Grund für eine Skandalisierung des Artikels.
anstatt "unredliches Leid" muss es lauten: "unendliches Leid"
auch über die Fußballweltmeisterschaft von 1954 schreiben und dabei gewisse Blicke in die bräunliche Vergangenheit des damaligen Bundestrainers der Nationalmannschaft werfen können; z. B.
http://www.spiegel.de/spi...
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