KinoAlles auf Anfang

Das Land liegt danieder, aber seine Filme sind eine Sensation: Ein Rundgang durch das junge griechische Kino. von 

Es mag eine Binsenweisheit sein, dass Länder, die tiefe Erschütterungen durchlaufen, oftmals starke Filme hervorbringen. Und doch kann man nur staunen angesichts dieses Kinos, das mit surrealen Bildern von einer Krise erzählte, bevor sie zur unübersehbaren Wirklichkeit wurde: Das junge griechische Kino hat die Implosion seines Landes nicht nur vorweggenommen, sondern in überraschende Parabeln und Metaphern gefasst. Einer zusammenbrechenden Gesellschaft und dem Verschwinden des Sozialen setzt es seine eigene aberwitzige Ordnung entgegen. Es übersteigert eine Welt, die aus den Fugen gerät, ins Groteske. Und der großen Ratlosigkeit schleudern die Filme eine noch größere Frage entgegen: Was ist der Mensch?

Ein Wesen, das vielerlei Ähnlichkeiten mit Tieren aufweist, könnte man meinen, wenn man Attenberg von der Regisseurin Athina Rachel Tsangari sieht. Ihr Film, der gerade in Deutschland im Kino läuft, handelt von einem sterbenskranken Vater und seiner 23-jährigen Tochter, die in tiefer Verbundenheit zusammenleben. Der Vater Spyros löst sich mit lakonischem Ernst von der Welt, die er bald verlassen wird. Die Tochter Marina arbeitet als Chauffeurin für ein marodes Unternehmen und scheint sich ihrer Schönheit nicht bewusst zu sein. Gedreht wurde der Film in einer industriellen Retortenstadt, die in den sechziger Jahren von einem französischen Konzern an der griechischen Küste gebaut wurde und schon seit Langem leer steht. Athina Rachel Tsangari hat die ersten sechs Jahre ihres Lebens dort verbracht. »Es ist eine Geisterstadt, ein paradigmatischer Ort, um von einem Geisterland zu erzählen«, sagt sie, als sie Attenberg bei der Berliner Premiere vorstellt. »Der moralische und mentale Verfall Griechenlands war dort schon lange zu spüren, bevor das Land in Trümmer fiel.«

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Diese Geisterlandschaft bietet aber auch die Chance, sich neu zu entwerfen. In Tsangaris Film besteht die Lieblingsbeschäftigung von Vater und Tochter darin, im Fernsehen die Tierdokumentationen von Sir David Attenborough anzuschauen, Exkursionen in das Reich der Orang-Utans, die Attenborough in Augenhöhe, wie ein Artverwandter, beobachtet. Marina übernimmt die distanzierte Sicht und trainiert zusammen mit ihrer Freundin präzise die Kusstechniken für den ersten Sex. Ihr erwachendes Begehren, ihren Körper und die Körper der anderen betrachtet diese Heldin mit wissenschaftlicher Neugier. In choreografischen Zwischenspielen scheint auch der Film einen Schritt zurückzutreten, sich jenseits der Erzählung neu zu erfinden: Man sieht die beiden jungen Frauen beim Flanieren wie auf einem Laufsteg, mit zunehmend grotesken, vogelartigen Bewegungen.

Info

Die Reihe »Neues griechisches Kino« läuft bis Ende Mai im Berliner Kino Arsenal

»Alpen« von Yorgos Lanthimos kommt am 14. Juni ins Kino

»Dogtooth/Hundezahn« ist am 14. Juni um 23.15 Uhr im WDR zu sehen

Letztlich ist auch Attenberg eine zoologische Exkursion in das Leben der Menschen. Wenn die zivilisatorischen Grundfesten zusammenbrechen, fängt der Homo cinematographicus offenbar wieder beim Anfang an: Er untersucht seine tierischen Eigenschaften, um sich vom Tier abzugrenzen.

Diese zoologische Sicht auf den Menschen, die Konzentration auf die Physis, ist das herausragendste Merkmal des neuen griechischen Kinos. Seine Regisseure und Darsteller kommen vom Tanz- und Experimentaltheater, aus der Welt der Performance. Gemeinsam ist ihnen das Misstrauen gegen große Worte, gegen die großen Erzählungen von Weltkrieg und griechischen Bürgerkriegen, gegen jede Form von Nostalgie und Pathos. Lieber vertrauen sie der reinen Gegenwart des Körpers.

In L, einer Parabel von Babis Makridis, bewegt sich dieser Körper nur noch in Verschalungen durch die Welt: Der 40-jährige Held, ein Chauffeur, arbeitet, wohnt, isst und schläft in seinem Auto. Zu Beethoven-Sonaten sieht man ihn um Verkehrsinseln kreisen und durch Industriebrachen und Vorstädte fahren. Auch Frau und Kinder besuchen ihn ausschließlich im Auto, einmal sogar mit einer kleinen Geburtstagstorte. Als der Chauffeur gefeuert wird, fährt er seinen Wagen in einem rituellen Akt zu Schrott und steigt aufs Motorrad um. Der Helm wird zum Panzer und das Motorrad zur Waffe in einem Krieg gegen einen Feind, der unsichtbar und doch allgegenwärtig ist.

Leserkommentare
  1. 1. schade

    dass es unser veraltetes urherberrecht an dieser stelle nicht zulässt, die filme anzusehen

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... darf der Urheber seine Film frei veröffentlichen wenn er will. Es kann allerdings sein, dass er seine Arbeit als seinen Broterwerb empfindet und gelegentlich Hunger hat.

  2. ... darf der Urheber seine Film frei veröffentlichen wenn er will. Es kann allerdings sein, dass er seine Arbeit als seinen Broterwerb empfindet und gelegentlich Hunger hat.

    Antwort auf "schade"
    • Stt
    • 17. Mai 2012 10:39 Uhr

    Langsam muss man sich wirklich fragen,
    wer wirklich fuer die Krise verantwortlich ist!

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