DIE ZEIT: Herr de Maizière, ist die Nato noch zu retten?

Thomas de Maizière : Wo ist die denn in Gefahr?

ZEIT: Die USA wenden sich dem Pazifik zu, die Europäer befinden sich im Wettlauf um den schnellsten Afghanistan-Abzug , die Partnerschaften mit Russland und Israel stehen unter Stress, der Libyen-Einsatz enthüllte die innere Zerbrechlichkeit. Jede Menge Gefahr für die Nato und ihren Gipfel nächste Woche in Chicago.

De Maizière: Ich teile Ihre provokant vorgetragene Lageeinschätzung überhaupt nicht. Die USA wenden sich auch dem Pazifik zu, während das transatlantische Verhältnis seine Bedeutung behält – damit können wir Europäer selbstbewusst umgehen. Ein Abzugs-Wettlauf aus Afghanistan findet nicht statt...

ZEIT: ...Der neue französische Präsident François Hollande will seine Truppen schon bis Ende dieses Jahres abziehen und nicht erst 2014.

De Maizière: Das war seine Position im Wahlkampf. Mal sehen, was auf dem Chicago-Gipfel passiert. Nächster Punkt: Partnerschaftsstress in Einzelfällen ist bedauerlich, aber keine grundsätzliche Gefahr. Und Libyen war militärisch ein sehr erfolgreicher Einsatz. Wir Europäer haben dabei unsere Lektion gelernt: Es sollte nicht noch einmal passieren, dass wir uns von den Amerikanern Munition ausleihen müssen. Die Nato muss also nicht gerettet werden, weil sie nicht in Gefahr ist.

ZEIT: Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe wirft der Nato vor, sie habe keine Strategie, ihre Relevanz in einer sich wandelnden Welt zu erhalten.

De Maizière: Die Nato ist angeblich immer in der Krise! Das stört mich total. Die Nato ist das stärkste Sicherheitsbündnis. Man sollte die Allianz einfach mal in Ruhe arbeiten lassen. Im Übrigen höre ich viele Ratschläge – und nehme sie zur Kenntnis.

ZEIT: Aber die Nato arbeitet doch gar nicht ruhig. Die Amerikaner fordern die Europäer auf, vor ihrer Haustür selbst für Sicherheit zu sorgen. Libyen zeigt, dass Europa das gar nicht kann.

De Maizière: Eine europäische Nato soll und wird es nicht geben. Das Bündnis lebt davon, dass es gemeinsam handelt. Der Einsatz in Afghanistan hat das Gemeinsame immens vertieft, etwa bei der Führungskultur oder der Fähigkeit zur multinationalen Zusammenarbeit. Wahr ist, dass die Lastenverteilung in der Vergangenheit meist zuungunsten der USA ausgefallen ist. Da werden wir Europäer uns auf eine andere Lastenteilung einstellen müssen.

ZEIT: Mit ihrer Idee der Smart Defence, der Vereinigung von Truppen und der Aufteilung militärischer Fähigkeiten, will die Nato ihre Schlagkraft erhalten. Das setzt den Willen voraus, sich voneinander abhängig zu machen. Gibt es diesen Willen überhaupt?

De Maizière: Wir haben doch längst einen gewissen Souveränitätsverzicht im Bündnis. Nehmen Sie zum Beispiel mal die Unterstellungsverhältnisse. Der operative Chef von Generalmajor Pfeffer, dem Kommandeur des Regionalkommandos Nord in Afghanistan, ist nicht der deutsche Generalinspekteur, sondern der US-General Allen. Und Generalmajor Pfeffer führt amerikanische, norwegische und ungarische Soldaten. Ich sehe das alles positiv. Das ist gelebtes Bündnis.