DIE ZEIT: In der vergangenen Ausgabe der ZEIT haben 100 prominente Künstler und Autoren ihr geistiges Eigentum vor der Piratenpartei verteidigt. Warum wollen Sie diese Leute enteignen?

Daniel Neumann: Als Pirat fühlt man sich in diesen Debatten absolut missverstanden. Das Urheberrecht abzuschaffen oder Künstler zu enteignen ist absolut nicht unser Anliegen. Ich habe nur inzwischen den Eindruck, dass uns nicht mal mehr zugehört wird.

ZEIT: Also was fordert die Piratenpartei? Sie sind ja der Autor eines 84 Paragrafen langen offiziellen Piraten-Positionspapiers zum Urheberrecht ...

Neumann: Mein Papier ist auf dem Piraten-Parteitag 2011.2 beschlossen worden, im Dezember. Ich hatte es damals als Reaktion auf ein früheres Positionspapier verfasst, das tatsächlich um einiges radikaler klang: Darin sollte beispielsweise das Urheberrecht auf zehn Jahre beschränkt werden. Und ich fand das dermaßen falsch!

ZEIT: Sie fanden das zu künstlerfeindlich?

Neumann: Ich mache selber von klein auf Musik, nicht professionell, aber ich weiß, wie das bei Musikern läuft, die davon leben müssen. Von denen sind viele auf long sale angewiesen, auf Verkäufe nach 10 oder 20 Jahren. Ähnlich gilt das auch für Autoren und andere Urheber. Lesen Sie sich mein Papier doch durch, dann sehen Sie, dass wir die Urheberrechte an einigen Stellen sogar stärken wollen. Zum Beispiel soll nach 25 Jahren das Nutzungsrecht wieder an den Urheber zurückfallen. Wenn ein Verlag oder ein Label ein Produkt weitervertreiben will, muss neu verhandelt werden. 

ZEIT: Was für Musik machen Sie eigentlich?

Neumann: Ich spiele E-Gitarre und E-Bass. Eher die rockigere Schiene.

ZEIT: Und Ihre Tracks kann man irgendwo im Netz kaufen? Oder haben Sie eine CD?

Neumann: Hatte ich vor. Aber kürzlich ist meine Festplatte mit all meinen Aufnahmen gecrasht.

ZEIT: Wie sind Sie zu der Ehre gekommen, für die ganze Partei ein solches Papier zu formulieren?

Neumann: Im Prinzip kann das bei uns ja jeder machen. Ich habe mich da eingearbeitet, zusammen mit einem anderen aus der Partei, der auch Gema-Mitglied und Betreiber eines kleinen Musiklabels ist. Am Ende war unsere Arbeitsgruppe 40 bis 50 Leute groß, und dann haben wir den Antrag eingereicht.

ZEIT: Gab es darum große Kämpfe?

Neumann: Es gab noch einen Gegenentwurf, der deutlich radikaler ausfiel als meiner. Mein Antrag ist aber von 97 bis 98 Prozent der beteiligten Piraten angenommen worden.

ZEIT: Vielleicht sind Sie ja bloß der Schafspelz für den Wolf. Man hört doch immer wieder von Piraten, die das freie Kopieren für alle fordern...

Neumann: Die einzelnen Stimmen können bei uns eben sehr laut sprechen, gerade wenn es um komische radikale Forderungen geht. Aber das ist eine vernachlässigbare Zahl von Leuten, die bei uns fordert: Schafft das Urheberrecht ab.