Im Kreise der EU-Regierungschefs hat die Stimme von Fredrik Reinfeldt Gewicht. Seit Oktober 2006 ist er schwedischer Ministerpräsident, nur vier europäische Kollegen, unter ihnen Angela Merkel, sind länger im Amt. Als junger Politiker forderte Reinfeldt einen radikalen Umbau des schwedischen Wohlfahrtsstaats. Als Regierungschef verfolgt der 46-jährige Konservative hingegen einen moderaten Reformkurs. Mit Erfolg: 2010 wurde Reinfeldt wiedergewählt. Am kommenden Mittwoch treffen sich die EU-Regierungschefs in Brüssel zu einem außerplanmäßigen Abendessen.

DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, die Schweden haben sich 2003 in einem Referendum gegen die Einführung des Euro entschieden. Sind Sie heute froh darüber?

Fredrik Reinfeldt: Ich habe damals für den Euro argumentiert, aus wirtschaftlichen und aus politischen Gründen. Ich bin davon überzeugt, dass wir Europäer zusammenhalten müssen. Der Euro ist hierfür ein wichtiges Symbol. Wirtschaftlich hatte ich gehofft, dass der Euro gerade für kleine und mittlere exportorientierte Unternehmen ein stabileres Umfeld schafft. Im Moment hätte ich mit diesen Argumenten natürlich keine Chance.

ZEIT: Die schwedische Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen. Wäre das auch mit dem Euro möglich gewesen?

Reinfeldt: Mag sein, dass uns die eigene Währung am Anfang der Krise geholfen hat. Aber langfristig sind andere Gründe für den Erfolg Schwedens verantwortlich. Wir haben stabile öffentliche Finanzen und machen keine neuen Schulden. Wir können daher gezielt investieren und haben die Einkommensteuer gesenkt. Alles wichtige Maßnahmen, die nichts mit der Währung zu tun haben. Hinzu kommt: Unsere wichtigsten Handelspartner sind Deutschland und Norwegen, zwei Länder, denen es gut geht.

ZEIT: Für die eigene Währung zahlen Sie allerdings einen politischen Preis: Sie sitzen nicht mit am Tisch der Euro-Gruppe, wo im Moment die wichtigen Entscheidungen getroffen werden.

Reinfeldt: Dafür haben wir uns zu Hause manche unangenehme Diskussion erspart. Insofern war es in den vergangenen Monaten sogar einfacher, nicht mit am Tisch sitzen zu müssen. Auch wenn wir immer deutlich gemacht haben, dass wir trotzdem Verantwortung übernehmen, etwa durch bilaterale Kredite für Krisenstaaten wie Irland. Langfristig ist es vielleicht aber doch ein Nachteil, dass wir nicht dabei sind.

ZEIT: Warum?

Reinfeldt: Nehmen Sie die aktuelle Debatte zum Wachstum. Wenn Schweden und andere nordische Länder nicht mitreden, könnte diese Diskussion in die falsche Richtung laufen. Die Stimmen für Protektionismus und mehr öffentliche Ausgaben werden ja gerade lauter. Wenn ich den neuen französischen Präsidenten François Hollande richtig verstehe, hat er eine andere Vorstellung davon, wie man Wachstum schaffen kann, als ich sie habe.

ZEIT: Die deutsche Kanzlerin wäre daher sehr froh, wenn Sie in der Euro-Gruppe mit am Tisch säßen…

Reinfeldt: Es stimmt, wir ticken sehr ähnlich.

ZEIT: Aber in vielen Ländern Europas wird Angela Merkel scharf kritisiert. War es richtig von ihr, die anderen zum Sparen zu zwingen?

Reinfeldt: Absolut. Viele Länder in Europa haben über ihre Verhältnisse gelebt. In vielen Ländern decken die Steuereinnahmen nicht einmal die Ausgaben. Das können wir uns nicht mehr erlauben. Wir haben in ganz Europa alternde Gesellschaften und zugleich hohe Ansprüche an den Sozialstaat. Wir stehen aber weltweit im Wettbewerb mit jungen und weniger anspruchsvollen Gesellschaften. Wir können daher nur erfolgreich sein, wenn wir unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Dafür brauchen wir Reformen, dafür müssen wir unsere Haushalte konsolidieren.