Kongress in BerlinLobbyisten gegen esoterische Umtriebe

Brauchen kritische Denker eine Kampforganisation gegen Abstruses? In Berlin treffen sich Skeptiker zu einem Weltkongress. von 

DIE ZEIT: Was darf sich der Leser unter einem Skeptiker vorstellen?

Martin Mahner: Wir müssen zwei Begriffe unterscheiden: Es gibt zum einen die philosophischen Skeptiker, die auf die Antike zurückgehen. Das waren Leute, die die reale Welt für grundsätzlich unerkennbar gehalten haben. Wir dagegen verwenden den Begriff eher wie in der Alltagssprache – wir sind bei vielen Dingen vorsichtig und sagen: Moment mal, stimmt das denn überhaupt, was da behauptet wird? Dieser Skeptizismus steht auf der Basis des wissenschaftlichen Weltbildes.

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ZEIT: Da haben Sie ja in letzter Zeit Gesellschaft bekommen, etwa durch die »Klimaskeptiker« und die »Evolutionsskeptiker«.

Mahner: Das ist aus unserer Sicht natürlich ein Pseudoskeptizismus – da werden wohletablierte Dinge aus übergeordneten Interessen heraus bezweifelt.

ZEIT: Die meisten Naturwissenschaftler haben ein ähnliches Weltbild wie Sie, die wenigsten sind aber in der GWUP. Warum muss man dafür eine Kampforganisation gründen?

Mahner: Kampforganisation klingt ein bisschen hart. Wir betrachten uns als Aufklärer und Verbraucherschützer, die mit mehr oder weniger deutlichen Worten auf Missstände hinweisen.

Martin Mahner

ist Biologe und Leiter des Zentrums für Wissenschaft und kritisches Denken der deutschen Skeptikerorganisation GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften).

ZEIT: In den USA haben Skeptikerorganisationen prominente Wissenschaftler in ihren Reihen, etwa den Nobelpreisträger Steven Weinberg. Die deutschen Skeptiker können sich kaum auf große Namen stützen. Woran liegt das?

Mahner: Zumindest in Deutschland ist das für die meisten Akademiker ein Pfui-Thema: Warum soll ich mich mit dem Quatsch beschäftigen? Das ist doch für meine Karriere nicht nützlich! Und so sickern immer mehr abstruse Dinge in die Universitäten ein, denken Sie an die Stiftungsprofessuren von Homöopathen und Anthroposophen. Dazu kommt, dass in den Sozial- und Geisteswissenschaften ein gewisser Relativismus Einzug gehalten hat, der die Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft infrage stellt.

ZEIT: Nun nennen Sie sich nicht Gesellschaft gegen parawissenschaftliche Umtriebe, sondern Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Oft wird Ihnen aber vorgeworfen: Sie machen ja gar keine richtigen wissenschaftlichen Untersuchungen!

Mahner: Es wäre ein Fehlverständnis unserer Arbeit, wenn wir nur irgendwelchen Spukphänomenen oder Wünschelrutengängern hinterherhecheln würden. Das machen wir auch, wir testen jedes Jahr Personen, die behaupten, paranormale Fähigkeiten zu haben. Dafür haben wir auch einen Preis von 10.000 Euro für die erfolgreiche Präsentation solcher Fähigkeiten ausgeschrieben. Man kann aber genauso gut psychologische, philosophische oder sozialwissenschaftliche Untersuchungen anstellen: Warum glauben die Leute daran? Ist das Theoriegebäude dieser Parawissenschaft konsistent? Wie vereinbar ist es mit den etablierten und gut bestätigten Wissenschaften?

ZEIT: Die GWUP gibt es jetzt seit 25 Jahren. Haben Sie den Eindruck, dass in dieser Zeit Ihre Arbeit leichter oder schwieriger geworden ist?

Mahner: Einen gewissen Erfolg haben wir bei der Presse gehabt – Artikel über bestimmte parawissenschaftliche Phänomene enthalten heute öfter auch den skeptischen Blickwinkel.

ZEIT: Sie sind aber auch eher der Spielverderber.

Mahner: So ist es – man macht sich keine Freunde, wenn man lieb gewonnene Auffassungen und Weltbilder kritisch betrachtet. Gegen die Verbreitung dieser Ansichten haben wir eher wenig ausgerichtet. Unsere Zielgruppe sind aber auch nicht die Gläubigen, sondern eher die uninformierten Leute, die noch kritischen Argumenten zugänglich sind. Viele sagen dann: Ach, hätte ich gewusst, dass dieses Ding gar nicht funktioniert, hätte ich es mir nicht für teures Geld an meine Wasserleitung geschraubt!

Leserkommentare
  1. ... das Thema Nebenwirkungen ist wirklich ein wichtiges, ebenso wie das auf den Markt werfen immer neuer Mittel für die man dann Krankheiten erfindet oder normales Verhalten für krankhaft erklärt. Hier gibt es tatsächlich einiges zu verbessern.

    Das spricht aber alles nicht dafür, stattdessen Hokuspokus das Wort zu reden.

    • Wyt
    • 18. Mai 2012 14:39 Uhr

    Nun, wie würden Sie es denn finden, wenn ein Frisör über die Defizite der Herzchirurgie referiert? Ich erwarte schon von jemanden, der sich so vehement gegen die Homöopathie äußert wie Ernst hier ein echtes Fachwissen besitzt, was er aber nicht hat. Einige Wochen in einer homöopathischen Klinik sind da nicht überzeugend.
    Sie sollten mal die von mir gestellten Linksauch mal richtig durchlesen und nicht überfliegen.
    Ernst kennt nicht oder ignoriert nachweisslich die Ergebnisse und Studien aktueller Forschung mit positivem Ergebnis. Seine eigenen Studien und Untersuchungen sind fehlerhaft und genügen damit seinem eigenen! wissenschaftlichen Ansprüchen.

    Als Skeptiker finde ich daher seine Aussagen hinsichtlich der Homöopathie und anderer alternativer Verfahren als fragwürdig und nicht überzeugend.

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    Wo sind denn die aktuellen Studien mit positiven Ergebnissen? Bei PubMed werde ich nicht fündig...

  2. Wir nehmen diese Medikamente nicht sinnlos "vorbeugend" ein, sondern immer dann, wenn wir uns geschwächt fühlen, also im
    Anfangsstadium einer Infektion, in dem der Körper noch genügend Abwehrstoffe gegen die Erkrankung entwickeln kann, wenn er Unterstützung(in Form von solchen gut wirksamen Medikamenten) erfährt! Aber Sie haben mit Ihrem Kommentar hier für mich auch generell ein Problem angesprochen, dem man als kritischer Alles- Hinterfrager heute zunehmend überall begenet: Viel zu viele Argumentierer "denken" garnicht mehr selber, sondern reihen nur angebliche Erkenntnisse der industriegesteuerten heutigen Wissenschaft aneinander. Was ich hiermit ansprechen will: Ich vermisse bei solchen immer die Bereitschaft (oder die Fähigkeit)des Differenzierens! Es wurde hier auch schon das Schwarz-Weiß-Denken angesprochen. Genauer: So ein Denkmuster ist ein zu grobes Sieb, da fällt die Wirklichkeit immer unbemerkt durch!

    Antwort auf "Ganz ohne"
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    Was ist denn daran industriegeleitet, wenn ich empfehle, sich regelmäßig an der frischen Luft zu bewegen und die Hände gründlich mit Seife zu waschen? Meinen Sie die Seifenindustrie?

    Wenn ich merke, dass eine Erkältung im Anzug ist, achte ich darauf mich nicht übermäßig körperlich anzustrengen, gehe trotzdem eine Rund vor die Tür und trinke was Warmes ...

    Komisch, ich bekomme nicht mal Anfangsstadien von Erkältungen... im übrigen hat OttosMops schon alles dazu gesagt. Frische Luft, Händewaschen und ein wenig auf sich achten sind gesünder, als das schwerverdiente Geld für Zucker auszugeben...

    • Crest
    • 18. Mai 2012 14:40 Uhr

    auch die Homöopathie wirkt identitätsbildend.

    Das hat sie mit anderen Überzeugungen gemein.

    Ein Angriff auf die Überzeugung ist damit automatisch ein Angriff auf die eigene Identität und wird mit Aggressionen beantwortet. (Aggressionen per se sind nicht moralisch verwerflich. Vergleichbar Kavallerie-Attacken in einer Schlacht in ihrer Häufigkeit aber streng beschränkt. Sie erfordern frische Pferde und dürfen nur in entscheidenden Momenten gemacht werden....
    Unsere Esoteriker allerdings verhalten sich eher wie beim "Angriff der leichten Brigade" :-))

    Herzlichst Crest

    Eine Leserempfehlung
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    • LuRuss
    • 17. August 2012 0:23 Uhr

    @Crest /18.05.2012 um 14:40 Uhr
    Was ICH mit Amüsement feststelle: Auch die miserabel argumentierende Schein-Skepsis der GWUP-Blogger schafft Identität, nur leider keine skeptische sondern verschnodderte Aklamationen ohne BELEG ...
    (Soll ja wohl angeblich bei der nichtexistierenden n"evidenzbasierten Medizin" immer Bedingung sein.
    Crest macht das anders - was für ein herrliches Beispiel einer GWUP-geprägten angeblich skeptischen Äußerung:
    Wer so verknickt ideologisiert argumentiert, macht nicht verwunderlich, wenn Herr Mahner eine (knüppelschwingende) Kapmftruppe für die GWUP-Skeptiker für angebracht hält, Sie bebeispielen gerade, wie das dann geht ...
    Ich meine, Sie können so denken, nur wenn Sie hier schreiben, sollten Sie zur Sache sprechen anstatt die Abteilung Agitation und Propaganda der angeblichen "Elite-Skeptiker" zu spielen.
    Die kann übrigens auch gefährlich Identität vereinnahmen ...

  3. "Schön, der Placebo-Effekt wird im Interview bereits genannt. Und dieser belegt ironischerweise auf wissenschaftliche Weise, daß der menschliche Körper und dessen Gesundheit auf materialistisch-naturwissenschaftliche Weise nur unzureichend beschrieben wird."

    Ja....noch. Die Psychoneuroimmunologie liefert auch hier schon einige Antworten.

    Wenn Sie wissen wollen wie ein Buch ausgeht, lesen Sie dann weiter oder fragen Sie jemand der das Buch auch noch nicht ganz gelesen hat, aber vorgibt schon alles zu wissen?

    • shiri2
    • 18. Mai 2012 14:42 Uhr

    am besten finde ich an ihrem kommentar, dass sie scheinbar nichtmal den unterschied zwischen einer schnöden erkältung und einer grippe kennen.
    an grippe sterben menschen, das ist eine ernstzunehmende viruserkrankung, die oft auch folgeschäden hinterlässt.
    eine erkältung ist ein infekt (oft auch bakteriell) der atemwege ect., die einen zwar für wenige tage ans bett fesseln kann, die man aber, auch ohne um sein leben fürchten zu müssen, mehrmals im jahr bekommen kann.

    selbst wikipedia hilft da weiter.... tut mir leid.

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    auf reines Bashen aus und versuchen einfach aufs Geratewohl Unwissen und Dummheit zu unterstellen!

  4. von den korrekten Evidenbasiertlern auf mein Kommentar 62?

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    ;-)

  5. Was ist denn daran industriegeleitet, wenn ich empfehle, sich regelmäßig an der frischen Luft zu bewegen und die Hände gründlich mit Seife zu waschen? Meinen Sie die Seifenindustrie?

    Wenn ich merke, dass eine Erkältung im Anzug ist, achte ich darauf mich nicht übermäßig körperlich anzustrengen, gehe trotzdem eine Rund vor die Tür und trinke was Warmes ...

    Antwort auf "Vorbeugend?"

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