So ist Fliegen schöner: Dank Sozialer Netzwerke muss niemand mehr im Flugzeug neben Unbekannten sitzen.

»Hallo, Nick!«, sage ich, als mein Sitznachbar sich auf seinen Fensterplatz fallen lässt. Verdutzt fragt er: »Kennen wir uns?« Nun ja, virtuell zumindest. »Du bist doch ein Social Seater, oder?«, frage ich in verschwörerischem Ton. Da fällt es Nick wieder ein: Er hat sich wie ich bei Meet & Seat angemeldet, einem neuen Internetangebot der Fluglinie KLM, das Passagieren die Vorauswahl ihres Sitznachbarn ermöglichen soll.

Als ich mir zu Hause online meinen Platz im Flieger aussuchte, habe ich einen Extrabutton angeklickt, »Meet & Seat«, und mich dann bei Facebook eingeloggt. Plopp, erschien ich auf der Sesselübersicht des Fliegers mit meinem Facebook-Profilfoto. Auch auf einigen anderen Plätzen prangten schon Bilder. Für meinen Flug von Amsterdam nach San Francisco konnte ich nicht nur zwischen Fenster- oder Gangplatz, veganem oder vegetarischem Menü wählen – sondern auch zwischen Nick aus San Francisco und Burak aus Istanbul als Sitznachbarn. Und auf dem Rückflug zwischen Ziyang aus China und Boy-Anthony aus den Niederlanden.

Euphorisch war ich nicht. Normalerweise bin ich froh, wenn es im Flieger gongt: »Boarding completed« – und ich die Ellenbogen ausfahren kann. Reisezeit ist meine Zeit. Ich lese, schlafe, denke. Doch seit die Fluggesellschaften die Maschinen wegen der hohen Kerosinpreise optimal auslasten, sitzt man selten für sich. Und was habe ich schon alles erlebt, wenn ich den Zufall über meine Nachbarn entscheiden ließ: Einmal erzählte mir eine Dame auf einem 20-stündigen Flug ihre gesamte Lebensgeschichte. Ein andermal sang ein älterer Herr vier Stunden lang neben mir vor sich hin. Vielleicht sollte man sich da lieber gleich freiwillig sozial vernetzen?

Nick empfiehlt mir höflich, doch ebenfalls den Film anzuschauen

Ich mailte allen vier Männern über Facebook, um sie zu casten, und fragte auch gleich, ob sie neben mir Platz nehmen wollten. Ein bisschen fühlte ich mich wie früher, als ich schon Wochen vor einer Klassenfahrt meinen Sitznachbarn im Bus festnagelte. Einen Beigeschmack von Onlinedating hatte die Sache auch. Als keiner der Männer antwortete, entschied ich mich schließlich für Nick aus San Francisco – von ihm erhoffte ich mir Ausgehtipps. Ich platzierte mein Foto online neben seinem und fühlte mich sehr mutig: Immerhin ließ ich mich auf ein 11-Stunden-Date ohne Fluchtweg ein und setzte mich absichtlich neben einen Mann. Ich, die für Frauenreihen in Fliegern votieren würde, weil Frauen vor Langstreckenflügen duschen und nicht schnarchen.

Nick, nun live neben mir, erklärt, dass er sich zwar bei Meet & Seat angemeldet, das aber wieder vergessen habe. An meine Mail kann er sich auch nicht erinnern. Aha. Kurz fürchte ich, dass mein Experiment jetzt schon zu scheitern droht, doch da sind wir bereits im Gespräch: Ich höre nicht auf, Fragen zu stellen; und Nick, eingekeilt am Fenster, scheint immer mehr Lust zu haben, zu antworten. Er empfiehlt mir, das Museum of Modern Art zu besichtigen, erklärt mir den Weg zu meinem Hotel in San Francisco, in dessen Nähe er zufällig wohnt, und erzählt von dem Internet-Start-up, das er gerade gegründet hat. Er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg – dieselben blonden Locken, die lässigen Badelatschen, der Elan eines Anfang 30-Jährigen. Nick ist mir angenehm, sein Leben ganz anders als meines – wir fragen uns aus. Er: Welche Prominenten hast du schon interviewt? Ich: Wozu soll ein iPad gut sein, wenn man schon ein iPhone hat? Die ersten drei Stunden vergehen wie im Flug; und bevor Nick den ersten Film startet, empfiehlt er mir höflich, doch ebenfalls Moneyball zu schauen.

Ich nutze die Kontaktpause lieber, um Burak anzusprechen. Aus seinem Facebook-Profil weiß ich, dass er gerne segelt und die deutsche Schule in Istanbul besucht hat. Auf dem Flugzeug-Sitzplan im Internet war er eine Reihe hinter mir am Gang platziert. Ich gehe zu ihm, frage: »Bist du Burak?« Er schaut genauso entsetzt wie Nick gerade eben; sein Sitznachbar nimmt den Kopfhörer ab. Alle Passagiere, die noch wach sind, starren mich an, als ich das Eis zu brechen versuche: Was machst du in San Francisco? Lebst du in Istanbul? Zäh fühlt sich das an, und entwürdigend. Aber soll ich etwa allen hier Social Seating erklären, wo ich doch die Spielregeln selber noch nicht genau kenne? Sogar die Stewardess wusste nichts von Meet & Seat.

Burak antwortet leise und höflich, mal auf Englisch, mal auf Deutsch. Ich muss in die Hocke gehen, um ihn zu verstehen, und werde minütlich gebeten, den Gang nicht zu blockieren. Burak macht trotzdem keine Anstalten, aufzustehen und sich mit mir in den Notausgang zu stellen. Mir ist nach Augenhöhe. Flugzeuge sind kein guter Ort für Gespräche, wenn man nicht nebeneinander sitzt. Ich fühle mich lästig. Doch dann fängt auch Burak an aufzutauen. Er sagt, dass so eine Vernetzungsaktion garantiert keiner türkischen Fluggesellschaft einfiele, man komme doch auch so ins Gespräch. Und am Ende verspricht er, meine Facebook-Anfrage nach dem Flug zu bestätigen, damit ich mich melden kann, falls ich mal nach Istanbul komme.