KunstauktionMit weißer Farbe zugedeckt

Das Auktionshaus Lempertz versteigert ein übermaltes Gemälde aus Gerhard Richters berühmtem RAF-Zyklus. von 

Gerhard Richters "Abstraktes Bild" (1988) wird bei Lempertz auf bis zu 200.000 Euro geschätzt.

Gerhard Richters "Abstraktes Bild" (1988) wird bei Lempertz auf bis zu 200.000 Euro geschätzt.   |  © Kunsthaus Lempertz/Foto Saša Fuis (Ausschnitt)

Sieht so ein Skandalbild aus? Es ist ein fast monochrom weißes Gemälde und trägt den Titel Abstraktes Bild (1988), die weiße Farbe ist mit einer Rakel, einem großen Spachtel, über die Leinwand gezogen. An manchen Stellen sind die Schlieren so pastos aufgetragen, dass sie kleine Reliefs bilden, dann wieder bedecken sie nur zart-milchig die ursprüngliche Bemalung. Sie liegt nur noch an wenigen Stellen frei, man kann nichts Genaues erkennen: zart und fein, grau in dunkelgrau war sie gearbeitet.

So wie jene anderen Gemälde aus Richters Zyklus zum 18. Oktober 1977, zu jenem Tag, als sich im Hochsicherheitstrakt Stuttgart-Stammheim Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe unter noch immer nicht gänzlich geklärten Umständen umbrachten. Richters 1988 entstandener Zyklus wurde in den neunziger Jahren vom Museum of Modern Art in New York angekauft, bis zum vergangenen Wochenende waren die insgesamt 15 Bilder in Berlin im Rahmen der großen Richter-Retrospektive, die rund 380.000 Menschen besuchten, in der Alten Nationalgalerie zu sehen.

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Es sind in Grautönen gehaltene, verschwommen gemalte Bilder nach Fotografien der Terroristen, ihrer Zellen, des Plattenspielers, in dem Baader eine Schusswaffe versteckte. Die Bilder nehmen nicht Partei, so wollte es Richter verstanden wissen, der sich immer wieder als Gegner aller Ideologien dargestellt hat. Und deshalb nicht Schwarz und nicht Weiß und keine bunten Farben verwendete, um seine RAF-Bilder zu malen, sondern das Grau in seinen verschiedensten Schattierungen. Grau löse, so dachte er, weder Gefühle noch Assoziationen aus. Und so wurden seine gewollt indifferenten, unscharfen Bilder konsequenterweise immer wieder von der Rechten aber auch von der Linken skandalisiert.

Ursprünglich umfasste der Zyklus, so weiß man heute, noch vier weitere Bilder, Gemälde, die Richter am Ende nicht in diese Werkgruppe hatte aufnehmen wollen. Zu den vier apokryphen Bildern gehört ein großformatiges, ebenfalls mit weißer Farbe übermaltes Gemälde der toten Gudrun Ensslin, das den Titel Decke (1988) trägt und nun in Berlin zusammen mit den anderen Bildern des Oktoberzyklus ausgestellt wurde. Und es gehört auch das Abstrakte Bild (1988) dazu, das nun am 23. Mai im Auktionshaus Lempertz in Köln versteigert wird.

Unter der weißen Farbe befindet sich ein Bild des toten RAF-Mitglieds Holger Meins, der schon 1974 an den Folgen eines Hungerstreiks in der Justizvollzugsanstalt Wittlich verstarb. Warum Richter eine weiße Schicht aus Farbe wie ein Tuch über dieses Bild legte und es aus dem Zyklus nahm, weiß auch sein Biograf und Archivar Dietmar Elger nicht genau zu sagen. Vielleicht hätte das Porträt des toten Terroristen Holger Meins doch zu sehr den Eindruck erweckt, als wolle Richter Stellung beziehen: Der Anblick des vollbärtigen, ausgezehrten Gesichts könnte leicht an die Ikonografie des aufgebahrten Heilands erinnern.

Mit der weißen Übermalung aber trieb Richter, der von Sammlern wie kunstbegeisterten Massen geliebte »Meister der lakonischen Verrätselung«, seine Methode noch auf die Spitze. Und so wird dieses Bild trotz seiner geringen Größe (27 mal 35 Zentimeter) auch deutlich mehr Geld bringen, als die von dem Auktionshaus sehr konservativ geschätzten 150.000 bis 200.000 Euro. Vergangene Woche erst erzielte ein abstraktes Werk Richters einen neuen Auktionsrekord: Knapp 22 Millionen Dollar inklusive Aufgeld kostete das großformatige, einigermaßen bunte Abstrakte Bild (1993) bei Christie’s in New York. Am gleichen Abend versteigerte Christie’s auch noch ein Seestück (leicht bewölkt) (1969) von Richter für gut 19 Millionen Dollar, und am folgenden Abend kostete beim Konkurrenten Sotheby’s eine weitere großformatige Abstraktion knapp 17 Millionen Dollar.

Die Preise für den deutschen Künstler würden weiter rapide steigen, hieß es bei Sotheby’s. Er habe noch nie zuvor Sammler gesehen, die so »dringend shoppen wollten«, sagte ein Kunsthändler nach der Auktion bei Christie’s, auf der auch ein Gemälde von Mark Rothko für knapp 87 Millionen Dollar inklusive Aufgeld versteigert wurde. Auch dieser Preis ist ein Rekordpreis für den Künstler.

Wer weder Millionen noch Hunderttausende Euro zur Verfügung hat, sich aber unbedingt ebenfalls einen echten Richter aneignen und daheim an die Wand hängen möchte, der kann am 23. Mai bei Lempertz auch auf ein in Grautönen gehaltenes Abstraktes Foto von Gerhard Richter bieten. Es stammt aus einer Edition von 1989, trägt die Filzstift-Signatur des Künstlers und ist auf 3.000 bis 4.000 Euro geschätzt.

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Leserkommentare
  1. Das Bild ist eine Grisaille, nicht "fast monochrom".

    Vielleicht noch unbunt.

    Oder sinchrom.

    • Mari o
    • 23. Mai 2012 4:26 Uhr

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