Roman"Ich glaube, es gibt Sturm"

Janet Frames rebellisch-poetischer Debütroman "Wenn Eulen schrein" von 1957 in einer Neuausgabe von Ina Hartwig

Am einfachsten wäre es, mit den menschlichen Figuren zu beginnen. Doch lebt Literatur, die den Namen verdient, genauso stark von poetischen Motiven, die sich selbstständig machen, ein Eigenleben führen und über den Einzelnen hinausreichen, und diese Motive sind in Janet Frames beeindruckendem Debütroman von 1957 Wenn Eulen schrein sehr präsent: der Müllplatz etwa, auf dem die vier Kinder der neuseeländischen Familie Withers Schätze suchen; der mit Himbeermarmelade bestrichene Pfannkuchen als Sinnbild eines bescheidenen seelischen Friedens; die epileptischen Anfälle des Bruders als bedrohlicher, beschämender Riss im Firnis der Normalität; das Feuer als wärmespendender und todbringender Doppelbote; der alles zudeckende Schnee, der zur Chiffre wahnhaften Eingeschlossenseins wird; das Totenzimmer, aus dem eine merkwürdig traumhafte Sprache dringt, ohne dass wir wüssten, wo dieses Zimmer sich befindet.

Nur wer darin »singt«, erfahren wir: Es ist Daphne, die Hauptfigur. Daphne, die irgendwann plötzlich »Ich« sagt in diesem Buch und deren Krankheit – nein, deren Anderssein – insgeheim die Fäden knüpft. Das leitmotivische »Totenzimmer« mit Daphnes Gesang darin muss man sich schwebend vorstellen, losgelöst von den konkreten Räumen und Orten dieses Romans, in dem oft gestorben wird: durch einen grausamen Unfall, Mord, Exekution der Todesstrafe oder bloß Altersmüdigkeit. Nur Daphne, die viele Jahre in der Psychiatrie verbringt, ausgerechnet die Kranke, die Andere, die Seltsame, wird nach einer Hirnoperation in die »Normalität« zurückkehren – als Arbeiterin einer Wollspinnerei.

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Janet Frame, geboren 1924 im neuseeländischen Dunedin und dort im Jahr 2004 gestorben, war selbst einige Jahre lang Patientin einer Psychiatrie. Sie hat sich allerdings, anders als in ihrer von Jane Campion verfilmten Autobiografie Der Engel an meiner Tafel dargestellt, selbst einweisen lassen, als sie vor den Prüfungen während ihrer Ausbildung zur Lehrerin in Panik geriet und floh. Der Verdacht lautete auf Schizophrenie, eine falsche Diagnose, die Janet Frame aber offenbar als Schutzwall gegen das Leben »da draußen«, gegen die Zumutung der Konvention, aufgerichtet hat.

© C.H. Beck

Was ihrem Werk die rebellische Kraft gibt, ist nämlich die Überzeugung, dass die Gesunden bisweilen die Kranken sind und dass umgekehrt die Kranken über poetische Geheimnisse verfügen. Das Schreiben hat Janet Frame dem Dunkel der Angst entrissen und ihr Ruhm beschert; sie galt sogar als Anwärterin für den Literaturnobelpreis. Im deutschen Sprachraum war ihr erstes Buch Wenn Eulen schrein eine Weile lang vergriffen. Die erste Übersetzung von 1961 stammte von Ruth Malchow und ist nun von Karen Nölle überarbeitet worden. Nölle hat schon den nachgelassenen Roman Dem Sommer entgegen von Janet Frame übersetzt, ein Überraschungserfolg, an den der C. H. Beck Verlag nun anknüpfen möchte. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, denn Neuseeland wird im Herbst als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse erwartet.

Die Withers (die einige tragische Züge mit Janet Frames Familie teilen) leben in dem Küstenstädtchen Waimaru im Süden des Landes. Vater Bob arbeitet bei der Eisenbahn, Mutter Amy rackert sich gottergeben für ihn und die Kinder ab, sie frömmelt etwas und versucht, was ihr nicht immer gelingt, mit äußerster Tapferkeit der eintönigen Bescheidenheit, der ständig knappen Kasse durch dienende Freundlichkeit zu trotzen. Bob neigt zu Rüpeleien, verbreitet Angst und Schrecken. Jedoch, die Kinder – Francie, Daphne, Toby und Chicks – leben in ihrem eigenen Kosmos, angeführt von Francie, der Ältesten, die in der Schule als Johanna von Orléans auf der Bühne stehen darf. Doch muss sie mit zwölf Jahren die Schule verlassen, um »ihren Weg in der Welt zu machen«, wie der Patriarch befiehlt.

Dazu kommt es nicht. Francie verunglückt und verbrennt auf der zuvor so geliebten Müllhalde. An diesem Tag sehen die Geschwister ihren Vater zum ersten Mal weinen. Nichts mehr wird sein wie zuvor. Der erste Teil des Romans, »Von Schätzen«, endet hier. Der zweite Teil erzählt davon, was »zwanzig Jahre später« aus den verbliebenen drei Geschwistern geworden ist. Toby, der Epileptiker, zählt zwanghaft sein Geld und schlägt sich glücklos durchs Leben; er lässt sich, faul wie sein Vater, aber doch auch bedauernswert in seinem Ungeschick, weiterhin von der Mutter bedienen. Wann Daphne »seltsam« geworden ist und warum, lässt die Autorin offen. Erklärungen sind nicht das, was sie sucht.

Leserkommentare
  1. uns bleibt nur die eigene Wahrnehmung der Welt als Kriterium der Wahrheit, die es weder gibt noch nicht gibt.

  2. und was tröstliches...Hollunderblüten

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