Daniel Kahneman © Sean Gallup/Getty Images

Als sich Daniel Kahneman vor mehr als 30 Jahren mit den Ökonomen anlegte, hatte er schon einiges hinter sich. Er war ein jüdisches Kind im deutsch besetzten Paris gewesen, später zog die Familie ins neue Israel, das damals täglich um seine Existenz rang. Als junger Psychologe ging er zum Militär und versuchte auch später als Berater, die Kampfkraft der jungen israelischen Armee zu stärken. Dann, als Professor in Israel und Nordamerika, nahm er es mit berühmten Kollegen auf, die nichts wissen wollten von all den systematischen Denk- und Wahrnehmungsfehlern, mit denen sich Menschen das Leben schwer machen. Mit entwaffnend einfachen Experimenten und innovativen Theorien arbeitete Daniel Kahneman sie trotzdem heraus und machte sich einen Namen in der Wissenschaft.

Hätte man also einen Forscher gesucht, der antreten sollte gegen das vollendet rationale und deshalb etwas lebensferne Menschenbild der Ökonomen – man hätte kaum jemand Besseres finden können als den konfliktgehärteten, widerspruchsfreudigen und doch so freundlichen Psychologen aus Israel.

Es war die Zeit, als die marktgläubigen Chicago-Boys um Milton Friedman ihre erzliberale Revolution anzettelten, und Rationalität war der wichtigste Pfeiler ihrer Argumentation. Eine schöne Theorie habt ihr da, sagten Kahneman und sein Partner Amos Tversky, bloß stimmt sie leider nicht. Sie sagten das nicht als Erste, doch sie arbeiteten mit der ihnen eigenen Akribie daran, es auch für alle verständlich zu zeigen.

Merkwürdig, die angeblich so egoistischen Menschen legen Wert darauf, dass es in der Wirtschaft fair zugeht. Einen Laden jedenfalls, der den Preis für Regenschirme verdoppelt, bloß weil es gerade draußen schüttet, den meiden viele hinterher eine Weile, auch wenn sie das bares Geld kostet. Und noch merkwürdiger, selbst wenn diese Menschen ganz egoistisch das Beste für sich herausschlagen wollen, begehen sie vorhersagbare Fehler. Eigentlich sind die meisten von uns eher auf Sicherheit bedacht, weshalb sie lieber 1.000 Euro in bar nehmen als ein Los, das ihnen mit 55 Prozent Wahrscheinlichkeit 2.000 Euro einbringt – und in 45 Prozent der Fälle eben auch gar nichts. Doch wehe, ihnen droht ein Verlust. Dann allerdings gehen sie immense Risiken ein, wenn es mit geringer Wahrscheinlichkeit noch gelingen kann, diesen Verlust ganz abzuwehren.

Wir hassen Verluste mehr, als dass wir Gewinne lieben, behaupteten Kahneman und Tversky, und wer selbst einige der cleveren Fragen und Experimente mitmacht, kommt nicht umhin, ihnen zu glauben. Bloß, wo der Gewinn aufhört und der Verlust beginnt, das liegt in unserer Wahrnehmung begründet, und die lässt sich von interessierten Kreisen beeinflussen. Für Mediziner ist es ein Riesenunterschied, ob sie während einer Epidemie durch eine Impfung 2.000 von insgesamt 6.000 Dorfbewohnern »retten« können – oder 4.000 »verlieren«. 2.000 retten klingt gut, 4.000 verlieren wäre ein Desaster, obwohl es doch in Wahrheit dasselbe Ergebnis wäre. Wenn wir mit Unsicherheit zu kämpfen haben, und das ist in der Wirtschaft ständig der Fall, dann spielt es eine große Rolle, wie wir ein Problem wahrnehmen.

Und das ist nur ein Beispiel dafür, wie sich der tatsächliche Mensch vom Homo oeconomicus unterscheidet. Oft vertraut er zu sehr in die eigene Urteilskraft, was ihn vor allem als Geldanleger verarmen lassen kann. Oder er hängt alten Investments nach und verharrt wie gelähmt im Status quo. Als Kahneman und sein Partner fertig waren, war nicht mehr viel übrig vom Fundament der ökonomischen Kirche. Kahnemans gerechter Lohn war der Wirtschaftsnobelpreis im Jahr 2002, Tversky war da schon verstorben.

Erstmals hat der Preisträger jetzt ein Buch für Laien geschrieben, eines, in dem er auf die ihm eigene Art – klar, präzise, ein bisschen pedantisch und mit Sympathie für die Menschen – seinen geistigen Weg nachzeichnet: Schnelles Denken, langsames Denken. Das Buch ist lang und detailreich, aber nie länglich. Es zeigt, wie der vielleicht bedeutendste Psychologe unserer Tage tickt, wer ihn und wen er beeinflusste und was sich, Forschungsstand heute, aus seinen Ideen entwickelt hat.

Ökonomie ist dabei nur eine, wenn auch wichtige Episode. Eine direkte Linie verbindet aber den Soldaten Kahneman mit dem Ökonomenschreck. So verhinderte der junge Psychologe, dass die Luftwaffe in einem ihrer Kriege das gute und das schlechte Abschneiden einzelner Piloten untersuchte, um das ganze System zu verbessern. Ein großer Teil ist Zufall, sagte Kahneman und redete den Generälen die Idee aus. Heute noch hält er das für seinen größten Beitrag zur heimischen Kriegsführung.