Dirigent Laurence Cummings"Händel versteht mich"

Von London nach Göttingen: Ein Porträt von Laurence Cummings, dem neuen Chef des ältesten Händel-Festivals der Welt. von Volker Hagedorn

Der Dirigent Laurence Cummings

Der Dirigent Laurence Cummings  |  © Händel-Festspiele Göttingen

Neulich hängte eine Londoner Galerie in ihr Fenster ein großes Foto, auf dem ein Schwan über ein Mannequin herfällt. Keinen störte das, bis auf die Polizei. Die Ordnungshüter fanden, hier würden Sodomie und Vergewaltigung verherrlicht. Von Zeus, der als Schwan mit Leda die schöne Helena zeugt, hatten sie noch nie etwas gehört. Die Sache wurde Stadtgespräch, und Laurence Cummings lacht schallend, als er sie in einem Probenraum im Stadtteil Southwark erzählt. »Gehen Sie zur National Gallery, die ist voll mit solchen Bildern!« Manche Themen sind von zeitloser Brisanz. Das muss einem gefallen, der sich mit dem wohl größten Beziehungsdramatiker der Barockmusik befasst.

Dass Cummings, Cembalist und Dirigent, derzeit vor allem die leidenschaftliche Seite des Wahllondoners Georg Friedrich Händel im Kopf hat, liegt am ältesten Händel-Festival der Welt, als dessen neuer künstlerischer Leiter er unter dem Motto »Liebe und Eifersucht« morgen in Göttingen antritt. Der 43-Jährige ist nach John Eliot Gardiner und Nicholas McGegan der dritte Brite in Folge, den die Göttinger Händel-Festspiele (17.-28. Mai 2012) an ihre Spitze holen. Sie können ein bisschen frischen Wind von der Themse ganz gut gebrauchen an der Leine. In den zwanzig Jahren der Ära McGegan hat es nicht an bedeutenden Interpreten und Entdeckungen gefehlt, aber markante Konzepte und gewagte Impulse hat man durchaus vermisst.

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Eine »comfort zone« habe sich da gebildet, sagt Laurence Cummings, ein so cooler wie heiterer Musiker mit Dramaturgenbrille, und diese Zone will er keineswegs einreißen, aber doch behutsam öffnen. Vielleicht kann das gerade einem gelingen, der nicht dem Establishment entstammt, sondern einer ganz durchschnittlichen Familie aus Birmingham. Dass er überhaupt zur Musik fand, liegt an seiner Großmutter. »Sie hat sich selbst Klavierspielen beigebracht und im Kino in Birmingham noch die letzten Stummfilme begleitet. Ich spielte mit ihr Duette. Außerdem gab es einen fantastischen Knabenchor in der Gemeinde, da sang ich mit.« Von seiner Schule unterstützt, lernte Cummings mit dreizehn Jahren Orgel, in Oxford hat er das Instrument studiert. Und dann kam Händel.

»Ich spielte als Cembalist in Oratorien mit, auch in Alexander’s Feast. Da wird einmal der Himmel gemalt, die Harmonik öffnet sich, über einer Art von Pochen, tatatatata, und ich dachte, gosh, ist das aufregend! Wie wär’s, wenn du dafür auch noch bezahlt würdest!« Er lacht. »Natürlich hab’ ich nicht an Geld gedacht. Aber von da an habe ich das alles ernster genommen. Händel hat mich am Herzen erwischt.« So geht es ihm immer noch. »Händel versteht mich, egal, in welcher Situation ich bin. Ob man ein Seelendrama hat oder sich nur zu einer Tasse Kaffee hinsetzt, er trifft schnell den emotionalen Kern, den human spirit. Damit macht er die Leute zu Groupies.« So erklärt sich Cummings auch, warum diesem Komponisten so viele Festivals huldigen.

Allein in Deutschland sind es drei, in Karlsruhe, Halle und in Göttingen – seit 1920. Damals wurde Händel hier mit einer expressionistisch inszenierten Rodelinda überhaupt erst wieder als Opernkomponist entdeckt, nach 200 Jahren. Der echte Hype kam aber erst in den letzten dreißig Jahren. Mittlerweile hat jedes Opernhaus seinen Giulio Cesare, seine Alcina, seine Rodelinda; jede Diva macht ihr Arienprogramm – Cummings selbst nahm eines mit Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager auf.

Braucht Händel überhaupt noch Festivals? »Ja. Wir müssen die Opern jenseits des gängigen Terrains erkunden. Er hat 42 geschrieben, die wurden überraschenderweise noch gar nicht alle gespielt. Das würde ich bis 2020 gern komplettieren.« Cummings fasziniert auch der Wissenschaftler Händel, der in Versuchsanordnungen die Charaktere unter Spannung setzt, »bis sie losschießen und rotieren«. Diesmal ist in Göttingen Amadigi di Gaula dran, 1715 in London uraufgeführt. Andrew Parrott dirigiert, Sigrid T’Hooft inszeniert »historically informed«, also mit barocker Theatergestik. »Diese Gestik ist stilisiert, aber nicht unemotional«, meint Cummings. »Man kann sich ja auch in einer anderen Zeit verlieren, wie vor einem schönen alten Bild. Aber wir werden nicht jedes Jahr historisch inszenieren.« Er hat auch mit dem Regietheater gute Erfahrungen, seit Deborah Warner den Messias unter Cummings Dirigat in Szene setzte. »Das gab einen Aufschrei in London! Die Engländer kennen den Messias nicht nur, er gehört ihnen. Jeder weiß, wie es sein muss. Und jeder stellt sich was anderes vor...«

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    • Schlagworte Festival | Festspiele | Musik | Georg Friedrich Händel | Komponist | Oper
    • Der Autor Diedrich Diederichsen

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