Manager-Gehälter : Wie viel Millionen sind genug?

Das Ausland empört sich über hohe Managergehälter. Nur die Deutschen bleiben merkwürdig ruhig.
VW-Chef Martin Winterkorn © dpa

Fünf Tage konnte sich Andrew Moss noch im Amt halten. Dann wurde der Druck zu groß. Vergangene Woche trat der Chef des britischen Versicherers Aviva zurück. Tage zuvor hatten die Aktionäre auf der Hauptversammlung mehrheitlich gegen die Vergütung des Topmanagements gestimmt. Moss sollte für das vergangene Jahr 6,5 Prozent mehr Geld bekommen – 3,2 Millionen Euro. Und das, obwohl der Gewinn von Aviva eingebrochen war. Da machten die Eigentümer nicht mit. Und jagten Moss aus dem Amt.

Überall in Großbritannien rebellieren derzeit die Aktionäre. Moss ist schon der dritte Spitzenmanager, den sie binnen weniger Wochen zum Rücktritt gezwungen haben. Die Zeitungen schreiben vom »Aktionärs-Frühling« mit revolutionärer Stimmung.

Auch in anderen Ländern wächst die Wut. In den USA protestierten Aktionäre der Citigroup gegen hohe Managergehälter. In der Schweiz kritisieren Anteilseigner der UBS zu hohe Vergütungen, und in Frankreich waren die Spitzen-Saläre Thema im Wahlkampf. Der neue Präsident François Hollande will Chefs von Staatsunternehmen künftig nicht mehr als das Zwanzigfache des niedrigsten Lohnes zubilligen.

Und in Deutschland? Auch hier sorgte ein neues Rekordgehalt kurzzeitig für Aufregung: Volkswagen-Chef Martin Winterkorn erhält für das vergangene Jahr 16,6 Millionen Euro – mehr als ein Dax-Chef je verdient hat. Politiker schimpften über Exzesse, einige Wirtschaftsvertreter sorgten sich um den sozialen Zusammenhalt. Doch die Aufregung fand überwiegend in den Medien statt. Einen »Aktionärs-Frühling« wie in Großbritannien gibt es nicht. In Deutschland bleibt es ruhig. Weil hier alles zum Besten steht? Oder weil die Deutschen nun mal kein Volk von Revolutionären sind?

Auch hierzulande gäbe es durchaus Gründe, sich aufzuregen. Die Gehälter vieler Manager sind in unglaubliche Höhen geschossen. Anfang der neunziger Jahre begnügten sich die Vorstandsmitglieder der 30 größten börsennotierten Unternehmen im Durchschnitt mit geradezu putzigen 570.000 Euro pro Jahr. Heute langen die Manager ganz anders zu: Drei Millionen beträgt jetzt der Schnitt. Bei den Vorstandsvorsitzenden liegt er sogar bei fünf Millionen. Der Abstand zu den Löhnen der untergebenen Arbeiter und Angestellten wächst rasant. Nach Berechnungen von Joachim Schwalbach, einem Vergütungsexperten an der Humboldt-Universität in Berlin, erhielten Vorstände Mitte der neunziger Jahre 14-mal so viel wie ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in ihren Unternehmen. Inzwischen kassieren sie das 50-Fache. VW-Chef Winterkorn kommt nach diesen Berechnungen sogar auf mehr als das 190-Fache.

Wie weit sich die Sphäre der Konzernführer von der Welt normaler Arbeitnehmer entfernt hat, zeigen auch die Pensionszusagen. Während die Politik über drohende Altersarmut diskutiert und über eine Mindestrente von 850 Euro im Monat für Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben, erwerben Manager innerhalb kürzester Zeit millionenschwere Pensionsansprüche. Bayer-Chef Marijn Dekkers hat schon nach zwei Jahren im Amt Anspruch auf rund 3,7 Millionen Euro. Siemens-Chef Peter Löscher stehen nach fünf Jahren fast 13 Millionen zu, Daimler-Boss Dieter Zetsche nach bisherigem Stand fast 30 Millionen Euro. Das entspricht knapp 3.000 Jahren gesetzlicher Durchschnittsrente.

Solche Summen, warnte kürzlich Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), seien »ein katastrophales Signal«. Die wirtschaftlichen Eliten müssten wieder »Maß und Mitte anerkennen«. Der frühere Daimler-Chef Edzard Reuter sagte im Spiegel: »Hier werden Grenzen überschritten. Für normal verdienende Menschen ist das nicht mehr nachzuvollziehen.« Tatsächlich halten 70 Prozent der Deutschen überhöhte Bonuszahlungen für »ein systematisches Problem« – und nicht nur für einzelne Ausreißer nach oben. Das ergab eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Vergütungs-Beratungsfirma hkp. Fast 80 Prozent der Bundesbürger wünschen sich demnach klare Grenzen für Spitzengehälter.

Doch trotz aller Kritik und des verbreiteten Unmuts – großer Widerstand gegen exorbitante Gehälter regt sich in Deutschland bisher nicht. Die Aktionäre begehren nicht auf. Die Gewerkschaften, in der Vergangenheit häufig scharfe Kritiker der »gierigen Bosse«, bleiben ruhig. Der Hauptgrund dürfte die wirtschaftliche Lage sein. Die Stimmung ist zu gut, um sich richtig aufzuregen. In Großbritannien entzündete sich die Wut der Aktionäre vor allem an dem Gegensatz von wachsenden Topgehältern und einbrechenden Unternehmensgewinnen. Und die Franzosen ängstigen sich wegen Sparzwängen, Arbeitsplatzabbau und Rezessionsgefahr.

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Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Ach, das ist so ein Unsinn

'So ist das eben. In Deutschland.'
Erinnern Sie sich noch an die Berichte über den Trouble bei Qantas letztens? Während der CEO, Alan Joyce, sich weigerte, den Mitarbeitern 3% Gehaltserhöhung zu geben oder auch zuzusichern, dass keine Jobs nach asien verlegt werden, weil sich das unternehmen das nicht leisten könne, hat er selbst eine 71% Gehaltserhoehung bekommen. Und? sind die Australier auf die Straße gegangen? nein. Vor ein paar Tagen wurden 500 Mitarbeiter entlassen. Immer noch keine Unruhe in den Straßen. In Australien.

Zum einen sind auch Gewerkschafter

nicht gegen Korruption gefeit; das hat man ja beim Volkswagenskandal gesehen. Zum anderen ist die Frage der Vergütung, wie im Artikel oben auch angegeben, häufig so komplex definiert, daß die Anteilseigner oft nicht wissen, worüber sie genau abstimmen bzw. wie sich ihre Abstimmung auswirkt.
Man darf m.E. auch nicht vergessen, daß in sehr vielen Aktiengesellschaften die Mehrheit des Aktienbesitzes in wenigen Händen liegt.

Abhängigkeiten

"nach weiteren sozialen Kürzungen rufen, so als ob deren Gehälterzuwachs davon abhängig wäre"

Ja, ich denke mal, dass man sich leichter fette Gehaltserhöhungen für Manager leisten kann, wenn man den produktiv arbeitenden Menschen ihre Gehälter real kürzt bzw. wenigstens nicht entsprechend ebenfalls erhöht (oder sie natürlich gleich rauswirft). Klar hängt das davon ab.

Das ganze ist doch eine einzige Umverteilung nach oben. Es hängt mir ja auch zum Hals raus, das immer wieder zu sagen. Es ist ja so wenig neu daran.

Und Pensionen in Millionenhöhe schreiben die Umverteilung des Kapitals einer Firma aus der Firma in das Privatvermögen der dicken Herren mit ebenso dicker Zigarre und Monokel (denn diese Attribute fehlen eigentlich nur noch am klassischen Bild des sich mästenden Unternehmers) auch noch auf Lebenszeit fest. Geht's deutlicher?

Und Deutschland mag nicht das einzige Land sein, dass deswegen nicht aufmuckt, aber es gehört definitiv mit zu den Lämmern, die blökend zur Schlachtbank gehen. Oder eben nichtmal blökend (Schweigen der Lämmer II quasi).

Am Ende

Auf dem Grabstein des Kapitalismus wird stehen "Zuviel war nicht genug".
Aber darum geht es eingentlich gar nicht. Die meisten Meneschen regen sich auch nicht über die horrenden Gehälter auf. Sondern über die Ungleichheit und Umverteilung von unten nach oben. Auch darüber, dass Manager Boni erhalten, wenn die Firma Verluste macht und Arbeitsplätze rigoros abbaut. Oder der volkswirtschaftliche Schaden dem Bürger angelastet wird. Er hätte über seine Verhältnisse gelebt oder noch schlimmer in spätrömischer Dekadenz.
Nur hier wird wieder eine angebliche Neiddebatte losgetreten. Das ist so durchsichtig. Nur wieder Meinungsmache der INSM-Lobbyisten in den Medien.
Leider fällt der dumme Michel immer darauf herein.

Alternative zur Kappung der Managergehälter

Sicher waere die Kappung der Gehälter ein Weg um den sozialen Frieden beizubehalten...
Ein zumutbarer Zustand ist das schon lange nicht...
vielleicht muessen wir Deutschen doch noch mehr auf die Strasse und unseren Unmut zeigen, die (Manager) denken ja das sei ok fuer uns!

Eine andere Möglichkeit anstelle die Gehälter zu kappen möchte ich gerne hier ins Spiel bringen:
Warum nicht, wie die SPD vorschägt, den Spitzensteuersatz erhöhen:
- ab 200 000 € Jahrenesgehalt zahlt man dann 49% Steuern
...und noch viel Mehr Steuerstufen fuer Besserverdienende:
- ab 500 000 dann 60 % Steuern
- ab 1 000 000 dann 70% Steuern
- ab 5 000 000 dann 80% Steuern
Das würde das Problem auf "natuerliche Weise" loesen,
das Ego der Manager wird weiter gestreichelt, dh auf dem Gehaltszettel steht Brutto immer noch 16 Mio... und die erhoehten Steuereinnahmen koennen zum Schutz der Schlechterverdienenden eingesetzt werden, diejenigen zB, welche sich (ihre Familie) mit einem 38 Std Job nicht mehr ernaehren koennen und auf zusaetzliche Hartz 4 angewiesen sind.

@ 5. !

Netter Vorschlag. Nur nicht ausgereift. Höhere Steuersätze bringen nicht viel. Viele Einkomensteile werden durch Aktienoptionen oder ähnliches gezahlt. Nur die gleiche Besteuerung aller Einkommensarten bringt ein mehr an Gerechtigkeit. Dann reicht ein Höchststeuersatz von max. 50%. Zugleich noch eine Bürgerversicherung ohne Beitragbemessungs- grenze, aber Deckelung der Auszahlung.

Besteuerung von Aktienoptionen

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht, sei folgendes klargestellt:

Vorteile aus Aktienoptionen unterliegen bei Arbeitnehmern dem gleichen Steuersatz wie der Barlohn, nix Abgeltungssteuer. Allerdings bezieht sich in der Regel der Vorteil auf mehrere Jahre und er wird deshalb rechnerisch auf 5 Jahre verteilt. Bei Leuten, die dem Spitzensteuersatz unterliegen, macht dies aber kaum etwas aus.

Warum sollten aktienoptionen nicht bezifferbar sein?

Man koennte sie immer nach ihrem momentanen Kurs besteuern. Fallen die Aktien, kriegt man bei der nächsten Steuererklärung eine Steuerrückzahlung, steigen sie, wird eine Nachzahlung fällig. Meine Eltern müssen auch ständig steuern nachzahlen für Zeiträume von vor 4-5 Jahren, weil sich staendig die Vorschriften ändern und selbstverständlich immer rückwirkend gültig werden.