Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich widerlege mal schnell eine berühmte sozialpsychologische Theorie, die Maslowsche Bedürfnispyramide. Angeblich haben Menschen fünf Stufen von Bedürfnissen. Zuerst, als Basis, will man Nahrung, Obdach und sauberes Trinkwasser. Dann will man Sicherheit, also keinen Krieg, festes Einkommen und so was. Familie, Freunde und Liebe bilden Stufe Nummer drei. Es folgen als Viertwichtigstes Status und Anerkennung, also Karriere. Stufe Nummer fünf heißt Selbstverwirklichung. Das habe ich alles, im Großen und Ganzen.

Falls Sie von mir Post bekommen und ich Ihnen darin rate, eine Diät zu machen, dann ignorieren Sie es einfach. Sie sehen okay aus. Falls ich Ihnen aber eine Einladung zu einer Sexparty schicke, dann ignorieren Sie dies bitte ebenfalls. Seien Sie nicht enttäuscht. Ich bin einfach nicht sehr gesellig und gehe selten zu Themenpartys, noch seltener veranstalte ich welche. Vor einiger Zeit ist mein Computer von einem Wurm, einem Trojaner oder einem Virus befallen worden, den Unterschied kenne ich nicht genau, und begann sofort damit, unter meinem Namen ununterbrochen Werbung in alle Welt hinauszusenden, unter anderem für Kredite, für Rasendünger und für Präparate zur Stärkung der Manneskraft. Da habe ich mir eine neue E-Mail-Adresse besorgt. Ich hatte diese neue E-Mail-Adresse.

Am nächsten Tag funktionierte der Computer dann überhaupt nicht mehr. Der Wurm hat ihn getötet. Außerdem habe ich noch den alten Laptop. Seltsamerweise verlangt der alte Laptop auf einmal eine Nummer von mir. Ohne die Eingabe dieser Nummer, IMP oder BTX, was weiß ich, will er nicht mit der Arbeit beginnen. Was ist das für eine Nummer? So was hat er früher nicht gemacht. Da bin ich zum Auto gegangen. Es ist ein Cabrio. Seien Sie ruhig neidisch, das ist ja der Sinn der Sache. Das Cabriodach ging auf, aber nicht wieder zu. Ich fuhr zur Werkstatt. Die Reparatur kostete 1.000 Euro. Am nächsten Tag holte ich das Auto wieder ab, bezahlte, klappte das Dach auf, aber es ging nicht wieder zu. Ich habe das kaputte Cabrio erst mal in die Garage gestellt und habe den Zug genommen. Das sind alles Luxusprobleme. Anderswo hungern die Menschen, oder sie kriegen Hartz IV. Ich beklage mich nicht. Es geht mir gut, bis auf den Hautausschlag. Das juckt die ganze Zeit. In der Sahelzone wären sie doch froh, wenn es sie nur jucken würde.

Im Zug habe ich das Handy liegen lassen. Ich habe jetzt keinen Computer mehr, kein Auto, kein Handy, ich habe ein Hautproblem, aber ich bin trotzdem eine Werbeikone, weil mein toter Computer nach wie vor ununterbrochen zu Sexpartys einlädt. Um das neue Handy in Betrieb zu nehmen, müsste ich mit dem alten Handy eine SMS an das neue Handy schicken, nur so kann ich meine Telefonnummer behalten. Aber das alte Handy habe ich doch gar nicht mehr. Da fällt mir ein, dass ich all meine Telefonnummern verloren habe, die waren in dem alten Handy drin. Im Büro sagten sie: Hellmuth Karasek , als er noch bei uns arbeitete, hat jede Woche sein Handy verloren. Das machte ihm gar nichts aus, im Gegenteil: Er hat sofort ein Buch darüber geschrieben. Eines habe ich noch vergessen: Ich habe meine Sonnenbrille verloren, mit Gleitsichtgläsern. Soll ich ein Buch schreiben über meine Sonnenbrille? Die Sonnenbrille, die aus dem Fenster fiel und verschwand? Das sind alles Luxusprobleme. Ich bin zum Wasserhahn gegangen. Mein Trinkwasser ist sauber. Ich habe aus dem Fenster geschaut: kein Krieg. Trotzdem habe ich das Gefühl, meine Bedürfnisse werden nicht erfüllt. Und zwar überhaupt nicht.

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