Martenstein"Ich habe jetzt keinen Computer mehr, kein Auto, kein Handy"

Harald Martenstein über die Widerspenstigkeit der Welt

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Ich widerlege mal schnell eine berühmte sozialpsychologische Theorie, die Maslowsche Bedürfnispyramide. Angeblich haben Menschen fünf Stufen von Bedürfnissen. Zuerst, als Basis, will man Nahrung, Obdach und sauberes Trinkwasser. Dann will man Sicherheit, also keinen Krieg, festes Einkommen und so was. Familie, Freunde und Liebe bilden Stufe Nummer drei. Es folgen als Viertwichtigstes Status und Anerkennung, also Karriere. Stufe Nummer fünf heißt Selbstverwirklichung. Das habe ich alles, im Großen und Ganzen.

Falls Sie von mir Post bekommen und ich Ihnen darin rate, eine Diät zu machen, dann ignorieren Sie es einfach. Sie sehen okay aus. Falls ich Ihnen aber eine Einladung zu einer Sexparty schicke, dann ignorieren Sie dies bitte ebenfalls. Seien Sie nicht enttäuscht. Ich bin einfach nicht sehr gesellig und gehe selten zu Themenpartys, noch seltener veranstalte ich welche. Vor einiger Zeit ist mein Computer von einem Wurm, einem Trojaner oder einem Virus befallen worden, den Unterschied kenne ich nicht genau, und begann sofort damit, unter meinem Namen ununterbrochen Werbung in alle Welt hinauszusenden, unter anderem für Kredite, für Rasendünger und für Präparate zur Stärkung der Manneskraft. Da habe ich mir eine neue E-Mail-Adresse besorgt. Ich hatte diese neue E-Mail-Adresse.

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Am nächsten Tag funktionierte der Computer dann überhaupt nicht mehr. Der Wurm hat ihn getötet. Außerdem habe ich noch den alten Laptop. Seltsamerweise verlangt der alte Laptop auf einmal eine Nummer von mir. Ohne die Eingabe dieser Nummer, IMP oder BTX, was weiß ich, will er nicht mit der Arbeit beginnen. Was ist das für eine Nummer? So was hat er früher nicht gemacht. Da bin ich zum Auto gegangen. Es ist ein Cabrio. Seien Sie ruhig neidisch, das ist ja der Sinn der Sache. Das Cabriodach ging auf, aber nicht wieder zu. Ich fuhr zur Werkstatt. Die Reparatur kostete 1.000 Euro. Am nächsten Tag holte ich das Auto wieder ab, bezahlte, klappte das Dach auf, aber es ging nicht wieder zu. Ich habe das kaputte Cabrio erst mal in die Garage gestellt und habe den Zug genommen. Das sind alles Luxusprobleme. Anderswo hungern die Menschen, oder sie kriegen Hartz IV. Ich beklage mich nicht. Es geht mir gut, bis auf den Hautausschlag. Das juckt die ganze Zeit. In der Sahelzone wären sie doch froh, wenn es sie nur jucken würde.

Im Zug habe ich das Handy liegen lassen. Ich habe jetzt keinen Computer mehr, kein Auto, kein Handy, ich habe ein Hautproblem, aber ich bin trotzdem eine Werbeikone, weil mein toter Computer nach wie vor ununterbrochen zu Sexpartys einlädt. Um das neue Handy in Betrieb zu nehmen, müsste ich mit dem alten Handy eine SMS an das neue Handy schicken, nur so kann ich meine Telefonnummer behalten. Aber das alte Handy habe ich doch gar nicht mehr. Da fällt mir ein, dass ich all meine Telefonnummern verloren habe, die waren in dem alten Handy drin. Im Büro sagten sie: Hellmuth Karasek, als er noch bei uns arbeitete, hat jede Woche sein Handy verloren. Das machte ihm gar nichts aus, im Gegenteil: Er hat sofort ein Buch darüber geschrieben. Eines habe ich noch vergessen: Ich habe meine Sonnenbrille verloren, mit Gleitsichtgläsern. Soll ich ein Buch schreiben über meine Sonnenbrille? Die Sonnenbrille, die aus dem Fenster fiel und verschwand? Das sind alles Luxusprobleme. Ich bin zum Wasserhahn gegangen. Mein Trinkwasser ist sauber. Ich habe aus dem Fenster geschaut: kein Krieg. Trotzdem habe ich das Gefühl, meine Bedürfnisse werden nicht erfüllt. Und zwar überhaupt nicht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leserkommentare
  1. Es muss ja nicht gleich ein Buch sein. Schreiben Sie doch einfach eine Kolumne oder einen Leserbrief. Manchmal hilft das ja und Sie finden bestimmt Leidensgenossen, deren Hörgerät im Abfluss verwunden oder deren Trinkwasser nicht sauber ist.

    Eine Leserempfehlung
  2. Sie sind zurückgekehrt in der Welt des realen Lebens.
    Karaseks Handy wurde nie weggeschafft, er wollte und mußte
    es verlieren weil es ansonsten keinerlei weitere Beachtung
    mehr gegeben hätte.
    Übrigens, ihre Bedürnisse werden permanent erfüllt.
    Zwar ausschließlich durch Sie, aber immerhin zu ihrem
    eigenen Vorteil und das ist doch nicht wenig.

    Das geöffnete Dach im Cabrio ist nebensächlich,der permanent geöffnete Geist im Kopf ist das wertvolle.

    • Meykos
    • 17.05.2012 um 19:06 Uhr

    Die Hauptsache, sie können noch mittels "irgendeiner Technik" hier eine Kolumne platzieren. Denn, ich beginne zwar nicht zu speicheln beim Aufrufen dieser Seite, jedoch fiel mir direkt der Kollege Pawlow dazu ein:
    Zur Auslösung der konditionierten Reaktion bedarf es nicht zwingend des gleichen konditionierten Reizes. Pawlow stellte in seinen Untersuchungen fest, dass die Speichelsekretion auch durch einen Reiz ausgelöst wird, der dem Klingelzeichen ähnelte: Eine Reizgeneralisierung hatte stattgefunden. Der Hund reagierte jetzt auch nach dem Ertönen eines Gongs oder Flötentons mit einer Speichelsekretion. Die Generalisierung bzw. der Generalisierungseffekt ist ein Prozess: „(...) bei dem der Organismus auch auf Reize reagiert, die dem konditionierten Reiz ähneln; es bedarf keiner zusätzlichen Konditionierung für jeden ähnlichen Reiz...
    Will sagen, bei mir hat mutmaßlich eine Generalisierung auf „Martenstein“ stattgefunden…
    ;-)

  3. Jammern auf hohem Niveau über Banalitäten. Das hätte ein Karl Valentin poinierter und erkenntnisfördernder hinbekommen! Im
    Übrigen herrscht sehr wohl Krieg, nicht nur in diesem Land, in
    dem sich längst eine Zweiklassengesellschaft entwickelt hat. Um in Ihrer Parallelwelt 'überleben' zu können, rate ich Ihnen einen Bestseller mit dem Titel "Martenstein schafft sich ab" zu lancieren, mit allem medialen Pipapo, der dazu
    gehört. Wenn Ihre Haut dann noch juckt, kommt dies von dem
    Licht der SCHEIN-Werfer!

  4. Hervorragend,die ganze Serie der Artikel. Ich möchte vielen Deutschen mal raten, für einige Zeit im Ausland zu leben. Dann werden ihnen jene von Martenstein aufs Korn genommene Verhaltensweisen und Besserwisserisches Getue besonders unangenehm auffallen.

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