Neda Soltani musste den Iran verlassen, weil man sie verwechselt hatte: Mit der ermordeten Studentin Neda Agha-Soltan. Jetzt hat sie ein Buch über ihr altes Leben geschrieben, um ein neues aufzubauen.

Als Neda Soltani beschließt, den Iran zu verlassen, packt sie einen kleinen, rosa und weiß gestreiften Rucksack. Er ist ihr einziges Gepäckstück, mehr Zeit bleibt nicht. Es ist der 2. Juli 2009, sie ist 32 Jahre alt, Dozentin für Englische Literatur in Teheran, verliebt, aber noch nicht verheiratet. Sie weiß, sie wird wahrscheinlich nicht dorthin zurückkehren können, wo sie aufgewachsen ist, wo ihre Familie lebt, wo sie Freunde, Wohnung, einen Partner und ihren Beruf hat. Eben all das, wodurch man sich seiner Identität versichert.

Die Geschichte, die Neda Soltani jetzt in einem Buch veröffentlicht hat, könnte mit einem Satz wie aus Franz Kafkas Roman Der Prozess beginnen: »Jemand musste Neda S. verleumdet haben, denn ohne dass sie etwas Böses getan hätte, wurde sie eines Morgens verhaftet.« Es ist die Geschichte eines zweiten Lebens. Sie beginnt an einem Nachmittag im Juni 2009, es ist die Zeit der Grünen Revolution, dem letztlich erfolglosen Aufstand iranischer Oppositioneller gegen das Regime der Mullahs.

Neda Soltani sitzt vor dem Fernseher. Das Staatsfernsehen bringt Kochsendungen und Musikshows. Aber CNN, Fox News und BBC zeigen Bilder von Demonstranten in Teheran. Journalisten sprechen über den Tod einer Studentin, ein Video zeigt den blutenden Körper. Dann sieht Neda Soltani, die sich bis dahin für Politik nicht besonders interessiert hat, ihr eigenes Gesicht. Das Foto aus ihrem Facebook-Profil. Jemand muss es kopiert und verschickt haben. Das Handy klingelt. Ob sie noch am Leben sei? Es ist nur eine Verwechslung, tröstet sie sich in Gedanken, ein Fehler hektischer Journalisten. Aber es ist dieser Fehler, der ihr Leben zu einer gespenstischen Novelle macht. »In nur zwölf Tagen«, sagt Neda Soltani, »bin ich von einem hart arbeitenden, glücklichen Menschen zu einer verunsicherten Frau geworden.«

Ihr Gesicht geht um die Welt: Eine attraktive Frau, dezent geschminkt; sie trägt Kopftuch, mehr Schmuck als Schleier. Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia korrigiert später den Fehler, doch andere Medien reagieren nicht auf Soltanis verzweifelte E-Mails. Ihr Gesicht gehörte jetzt anderen. »Das Buch war der erste Schritt, die Wahrheit zu akzeptieren«, sagt Neda Soltani. Sie hat ihre Geschichte Mein gestohlenes Gesicht genannt.

Eine behütete iranische Kindheit: Die Eltern legen Wert auf die Bildung ihrer Töchter, die Mutter entzieht sich so lange wie möglich dem Kopftuchzwang und wünscht sich, ihre Tochter ließe sich Zeit, bis sie heiratet. So kann man das Buch auch als Studie aus der Mitte der Gesellschaft lesen, mit einer emanzipierten Protagonistin, die sich morgens ins Büro fahren lässt, deren Sekretärin ihr das Schreiben von Glückwunschkarten abnimmt und die jeden Monat etwas Geld übrig hat für Mutter und Bruder. Sie sieht keinen Grund, ihr Land zu verlassen. »Ich war weder Journalistin noch politisch engagiert.«

Trotzdem wurde sie zu einer politisch Verfolgten. Ein paar Tage nachdem ihr Foto zum ersten Mal auf den Bildschirmen erschien, stehen Männer vom Geheimdienst vor der Tür und nehmen sie mit. Sie soll in einem Interview behaupten, westliche Medien hätten die Ermordung der Studentin Neda erfunden: Sie, die Neda auf dem Foto, sei schließlich am Leben. Sie wird verhört, bis sie die Angst nicht mehr erträgt, vor Gefängnis, Gewalt, Folter. Mit ihren Ersparnissen, umgerechnet 11.000 Euro, besticht sie einen Flughafenmitarbeiter und flieht über Athen nach Frankfurt. Wäre sie im Iran geblieben, schreibt sie im Buch, sie »wäre nur ein weiterer Name auf der Amnesty-Liste politischer Gefangener, mehr nicht«.