»Bitte keine Fahrräder an den Hasen lehnen« steht auf einer Schiefertafel am Nürnberger Tiergärtnertorplatz. Der Hase ist eine riesige Häsin aus Bronze, die gerade eine Unmenge Jungtiere wirft, ein Werk des Bildhauers Jürgen Goertz, der damit ziemlich wüst auf Albrecht Dürers Aquarell Feldhase und dessen uferlose Vervielfältigung anspielt. Tatsächlich hat einen der Hase im Dürer-Hotel gleich um die Ecke bereits x-fach von den Frühstücksservietten begrüßt. Hier am Tiergärtner Tor ist man geradezu umzingelt von AD-Atmosphäre und AD-Klischees: Holperpflaster, Fachwerk und Stadtmauer, Ziehbrunnen und Ritterfigur, Torturm und Kaiserburg, alles fast wie anno 1500. Im Schaufenster des Souvenirladens hängen Rhinozeros, Rasenstück und die gefalteten Hände, rundum kann eingekehrt werden ins Albrecht-Dürer-Restaurant, in die Dürer-Stube, den Dürer-Teeshop und die Dürer-Bierbar. Und vorm originalen Dürer-Haus, dem etwas hutzeligen Butzenscheiben- und Fachwerkbau, den der Maler seit 1509 bewohnte, wartet die erste fernöstliche Reisegruppe des Tages auf »Frau Agnes«: eine Schauspielerin, die, kostümiert mit Fältelhaube und altdeutschem Gewand, als des Meisters Eheweib durch dieses legendäre Malerdomizil geleiten wird.

»Unsere Häubchenführungen« nennt der Kunsthistoriker Thomas Schauerte, der das Dürer-Haus leitet, diese anekdotische Touristenbelustigung etwas despektierlich. Er selbst, profunder Dürerforscher und -biograf der jüngeren Generation, weiß die Aura dieses ältesten Künstlerhauses nördlich der Alpen durchaus zu schätzen: Auch er zeigt gern das original erhaltene Treppenhaus und Balkenwerk her, die spätmittelalterliche Kochstelle und das »heimlich gemach«, das Plumpsklosett, das Albrecht Dürer nachweislich illegal einbauen ließ. Aber er kennt auch die Quellenlage. So gut wie nichts wisse man über des Künstlers Alltag in dieser Behausung: nichts darüber, wo sich Werkstatt, Handdruckpresse und Schlafräume befanden, ob Frau Agnes wirklich so ein »pös weyb« war, wie ihr angehängt wurde (eher nicht). Man kennt nicht die Gründe der Dürerschen Kinderlosigkeit, tappt im Dunkeln über die melancholia generosissima seiner späten Jahre und über die Todeskrankheit, die ihn nach Aussage eines Freundes »ausgezehrt wie ein Strohbündel« 1528 dahinraffte. Der omnipräsente Dürer des »Betende Hasen«-Wohnzimmerkitsches – gerade in seiner volkstümlichen Wohnstätte ist er, wie Schauerte sagt, das »ferne Genie«.

Ein paar Schritte östlich vom Dürer-Haus liegt an der Ecke Burgstraße/Obere Schmiedgasse ein weiterer bedeutsamer Erinnerungsort. In der Burgstraße 27 verbrachte Dürer seine jüngeren Lebensjahre, jene Zeit also, der sich nun, vom 24. Mai an, das Germanische Nationalmuseum widmet. Dessen Ausstellung Der frühe Dürer wird die größte Dürerschau seit 40 Jahren sein. Sie zeigt 200 Originalwerke aus aller Welt, 120 allein aus Dürers Hand, und wirft dabei den Blick auch auf die Lebensumstände des jungen Künstlers, auf die Rolle seines Umfeldes für sein Schaffen. Kaum ein berühmter Maler war je enger mit seiner Heimatstadt verbunden als Dürer, der seinen Geburtsort bis auf ein paar längere Reisen lebenslang nie verließ. So kann man auf einem Spaziergang durch seine Wohngegend, das steil ansteigende Burgviertel zwischen Sebalduskirche und Kaiserburg, und entlang der Pegnitz einiges erfahren über die damalige Reichsstadt, Dürers Prägungen, seine Topoi und die Spuren, die er hinterlassen hat.

Burgstraße 27 also, hier lag, »unter der vesten«, das Elternhaus, der Goldschmiedebetrieb des Vaters, den Dürer später zur florierenden Künstlerwerkstatt machte. Heute hängt dort eine unauffällige Gedenktafel an einem mausgrauen Nachkriegsmietshaus, umrahmt vom peruanischen Lokal El Encanto und einem Flachbau des Volkswohnungswerks. Das stattliche Dürer-Stammhaus, vierstöckig mit steilem Gaubendach, ist nur noch auf Schwarz-Weiß-Fotos im Stadtarchiv zu sehen – 1945 wurde es weggebombt, wie weite Partien der Nürnberger Altstadt. Die ehemals wundersam schatzkästleinhafte Mittelalterstadt war eben auch Stadt der Reichsparteitage, der Rüstungsindustrie, der Nürnberger Gesetze und als solche ein Hauptziel alliierter Fliegerangriffe. Es blieb »ein zerschlagenes Gebiß mit ein paar erhaltenen Goldzähnen« (Reinhard Baumgart). Die Burgstraße zum Beispiel, die sich breit vom restaurierten Renaissance-Rathaus zur Kaiserburg emporzieht, hat heute das typisch sachliche, etwas krude Gesicht vieler Altnürnberger Straßenzüge nach dem Wiederaufbau: eine Mischung aus nüchternen Fünfziger-Jahre-Häusern und vereinzeltem historischen Bestand. Es gibt idyllischere Winkel in Dürers Burgviertel. Im Gassengewirr um Berggasse, Krämergasse, Füll, Weißgerbergasse oder Geiersberg etwa staunt man, wie viel altdeutsches Flair sich über die Jahrzehnte rekonstruieren ließ: freigelegtes Fachwerk und aufpolierter, rosétöniger Sandstein, neu angebrachte »Chörlein«, die typisch nürnbergischen Holzerker, biberschwanzgedeckte steile Gaubendächer und Hausmadonnen allenthalben. Sieht sehr nach Dürerzeit-Romantik aus, ist aber nicht immer ganz authentisch.

Was für einen Kosmos das überschaubare Sebalder Quartier allerdings einst darstellte, erscheint heute fast unglaublich. Gerade die Burgstraße war in der frühen Neuzeit eine der kulturellen und wirtschaftlichen Arterien des deutschen Reiches, eine Prachtavenue der Avantgarden und Eliten. Nürnberg konnte im späten 15. Jahrhundert als Boomtown des Reichs gelten, mit ihrem schwerreichen Patriziat, mit einer Unternehmerschaft, die durch internationalen Handel, Spekulation oder Montanbeteiligungen zu viel Geld gekommen war. Hier, über dem Sumpf und Unrat der von lärmenden Manufakturen verbauten Pegnitzauen, residierte die städtische Oberklasse, die sich nun auch dem Mäzenatentum, der Kunst, den Ideen des Humanismus und sogar dem Studium der italienischen Renaissance zuwenden konnte. Ein derart gebildetes Milieu bot einer aufstrebenden Künstlerwerkstätte eine blendende Auftragslage, und so profitierte der Handwerkersohn Albrecht Dürer, wendig und lernbegierig, quer über die Standesgrenzen hinweg von den Ressourcen dieser Nachbarschaft. Da war zum Beispiel, in der Burgstraße 9, der Kunstmäzen und hoch begüterte Pelzhändler Sebald Schreyer, der in seinem damals todschick antikisch dekorierten »studiolo« gelehrte Runden zusammenrief mit großen Humanisten wie Conrad Celtis – später ein Freund Dürers. Gleich vis-à-vis in der Burgstraße 19 lebten zeitweise die Ärzte Hermann und Hartmann Schedel, Herausgeber der Weltenzyklopädie jener Epoche, der Schedelschen Weltchronik, und Besitzer einer legendären Bibliothek. Der europaweit erfolgreichste Medienmogul jener Jahre, der Drucker und Verleger Anton Koberger, zeitweilig Burgstraße 3, war Dürers Pate und verlegte später seine dramatisch-surrealen Apokalypse-Holzschnitte. Und am Milchmarkt, heute Albrecht-Dürer-Platz, befand sich dort, wo heute ein Ärztehaus steht, das Palais der Patrizierfamilie Tucher, einer jener Honoratiorensippen, die sich reihum von Dürer malen ließen; Elsbeth Tucher war den Deutschen noch bis vor Kurzem vom alten Zwanzigmarkschein vertraut. Auch die Wohnviertel-Nachbarn Paumgartner und Holzschuher, Fugger, Haller und Kleeberger verschafften Dürer wohldotierte Epitaphien- und Porträtaufträge. Kein Wunder, dass er in Nürnberg blieb, kein Wunder, dass er gerade hier zum berühmten Maler wurde.