NürnbergDandy vor Fachwerk
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Abschiedsspaziergang durch die Randbezirke

Über die Pegnitzbrücken spaziert man in den flachen Teil der Altstadt, das Lorenzer Viertel. Hier gerät man in eine sehr gegenwärtige Großstadt-Shoppingzone, doch mittendrin thront in unantastbarer Majestät die Lorenzkirche, das zweite gotische Kirchenwunder der Stadt, die Sebalduskirche an künstlerischem Reichtum und an Grandezza fast noch übertreffend. Eine Ewigkeit kann man unter den Bildwerken dieser Kirche verbringen, mit der Vorstellung, dass auch Dürer viele davon kannte, dass er all diese Altäre und Epitaphien gründlich studiert und von ihnen gelernt hatte; zum Beispiel von den Retabeln seiner Nürnberger Vorgänger und Lehrmeister Hans Pleydenwurff und Michael Wolgemut, leuchtend bunten und figurenreichen Erzählbildern von Dreikönigsbesuch und Kreuzabnahme.

Im Germanischen Nationalmuseum, jetzt nur noch ein paar Schritte entfernt, hängt ein Altersporträt jenes Michael Wolgemut aus Dürers Hand. Weil es zum Spätwerk gehört, hat es keinen Platz in der Ausstellung zum frühen Dürer. Es ist ein Bild des Alters an sich: Resignation und Rückschau stecken in Wolgemuts Blick, Gefasstheit, etwas Trotz und etwas Angst. Es lohnt unbedingt einen kleinen Abstecher aus der aktuellen Schau, auch wenn man dann gleich Gefahr läuft, sich überhaupt in den labyrinthischen Sammlungen des Hauses zu verlieren.

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Und wenn einem schließlich der Kopf vor lauter Museumsluft schwirrt, dann absolviert man den schönsten Abschiedsspaziergang, den man durch Dürers Nürnberg nur machen kann, entlang der Pegnitz, frei nach seinen viel geliebten Aquarellen, auf denen die Randbezirke der Stadt, Weiherhäuschen, kleine Gewerbebetriebe am Fluss festgehalten sind. In ihrer so modernen Leichthändigkeit, in ihrer scheinbar hingeworfenen Spontaneität gelten diese Aquarelle als verblüffende Vorläufer von Plein-Air-Malerei und Impressionismus, dabei waren sie nach neuen Erkenntnissen eher nüchterne, in der Werkstatt konstruierte Hintergrundstudien.

Am Rande der Pegnitz, auf Höhe der Altstadt, hat man das Gefühl, durch lauter Dürer-artige Veduten zu laufen: vom Schuldturm auf der Insel Schütt auf Fußgängerstegen am Heiliggeistspital vorbei; dann von der Fleischbrücke hinunter auf die Flussinsel Trödelmarkt und zum Henkersteg – meistens wandelt man in einem reichsstädtischen Idyll aus Sandsteinbauten, Türmen und Brückenbögen, Flusswehren und überhängenden Weidenbäumen wie eine kleine Figur in einem Gemälde jener Jahre. Man sieht flussseitige Fachwerkbauten mit ihren verwitterten Galerien, geht entlang überdachter Stege und an ehemaligen Siechenhäusern und Kornspeichern vorbei und trifft schließlich auf der Maxbrücke auf eine originale Dürer-Ansicht, kaum verändert seit 1496: Trockensteg am Hallertor. Der hölzerne Steg ist im 19. Jahrhundert ein eiserner geworden, ein paar Neubauten ragen ins Blickfeld, aber Schlayerturm, Hallerthörl und das frühere Waffenarsenal, ein Querbau überm Wasser, bieten sich dar wie einst. Der breite Sandweg auf Dürers Nürnberger Ansicht von Westen ist heute freilich zur vierspurigen Altstadtumgehung geworden.

Nürnberg: Unterkunft

Dürer-Hotel, komfortables Hotel gleich hinterm Dürer-Haus, sehr gutes Frühstück, ruhiger Garten, Balkonzimmer. Neutormauer 32, Tel. 0911/2146650, www.duerer-hotel.de. DZ ab 99 Euro

Dürer

Ausstellung Der frühe Dürer, Germanisches Nationalmuseum, 24. Mai. bis 2. September2012, geöffnet täglich, auch Mo, 10–18 Uhr, Mi und Do 10–21 Uhr, Kartäusergasse 1, Tel. 0911/13310, www.gnm.de

Dürer-Haus, Albrecht-Dürer-Straße 39, Tel. 0911/2312568, www.museen.nuernberg.de/duererhaus. Nach Modernisierung und Umgestaltung wieder geöffnet, Di, Mi, Fr 10–17, Do 10–20, Sa/So 10–18 Uhr

Im Dürer-Haus und im Germanischen National- museum kann man einen Minicomputer mit der audiovisuellen Führung Der Dürerweg an Nürnberger Dürer-Orte ausleihen (12 Euro, 20 Euro Pfand). Auch gedruckt erhältlich: Anja Grebe: Der Dürerweg, reich illustriert, Tümmels-Verlag, 92 S., 9,80 Euro

Im Sommer veranstaltet das Germanische Nationalmuseum Themenführungen in Dürers Burgviertel, geleitet vom Projektmitarbeiter Sebastian Gulden: Dürers Nachbarschaft, Termine z.B. 13. und 27. Juli, 31. August, jeweils 16 Uhr; der Freiluft-Installation Dürers Nachbarn des Nürnberger Kulturreferats mit Skulpturengruppen und Audio-Informationen kann man von Juli bis September entlang der Burgstraße folgen

Im Rathaus wird vom 3. bis 5. August Dürers Triumphzug zu sehen sein: Der verschwundene Wandmalereien-Zyklus soll mittels moderner Projektionstechniken wieder lebendig werden

Einkehren

Zeitungscafé Hermann Kesten, Peter-Vischer-Straße 3, Tel. 0911/2447141, www.stadtbibliothek.nuernberg.de. Ganz nahe der Pegnitz liegt dieses wunderbare Oasencafé im alten Kreuzgang des Katharinenklosters, Teil der Stadtbibliothek, geöffnet 11–18 Uhr, Mi Ruhetag

Albrecht-Dürer-Stube, Albrecht-Dürer-Straße 6, Tel. 0911/227209, www.albrecht-duerer-stube.de Altnürnberger Institution, uriges Fachwerklokal mit verlässlich guter fränkischer Küche, Schäufele, Rehbraten, Blaue Zipfel etc., geöffnet täglich ab 18 Uhr, Fr und So auch Mittagstisch ab 11.30 Uhr

Tafelberg, Weißgerbergasse 33, Tel. 0911/203303. Gutes kleines Thailokal inmitten der Fachwerk-Bilderbuchstraße Weißgerbergasse, geöffnet Mi–Sa ab 18 Uhr

Lektüre

Anja Grebe: Albrecht Dürer – Künstler, Werk und Zeit, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2006; Johann Konrad Eberlein: Albrecht Dürer, Rowohlt-Monographie 2011; Thomas Schauerte: Dürer – Das ferne Genie, Reclam 2012

Auskunft

Website des Kulturreferats: www.duererstadt.de. Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg, Frauentorgraben 3, Tel. 0911/23360, www.tourismus.nuernberg.de

Den Pegnitzpfaden entlang der Hallerwiese zum Steg nach Kleinweidenmühle folgend (von Dürer als Drahtziehmühle verewigt), erreicht man des Malers letzte Station. Hangaufwärts gelangt man zum höchst seltsamen historischen Johannisfriedhof, der ein einförmiges Meer aus flach liegenden schwärzlichen Grabsteinen ist – das strenge Gegenteil eines eingewachsenen naturnahen Friedhofsidylls. Dürers Grab ist in dieser verwitterten Monotonie nicht leicht zu finden. Nahe einer einzeln stehenden Eibe liegt der bescheidene Stein unter Tausenden gleichen, das Gegenteil von Ehrengrab und Künstlermausoleum. Ein schon leicht angewelktes Gebinde der Stadt Nürnberg ist unterhalb von Willibald Pirckheimers lateinischem Freundes-Nachruf deponiert: Quicquid Alberti Dureri mortale fuit sub hoc conditur tumulo. Was an Albrecht Dürer sterblich war, ist unter diesem Stein beigesetzt. Wenn es nur so wäre! Dürers Gebeine wurden mit den Knochen anderer Bestatteter wohl schon im 17. Jahrhundert ausgeräumt. So wurde im Folgenden – unter demselben Grabstein – Platz geschaffen für durchreisende Künstler, unbekannte Kupferstecher, Patienten aus dem Heiliggeistspital... Und so ging's bis ins 19. Jahrhundert.

Eine Reliquie immerhin ist geblieben: Tage nach Dürers Tod öffneten Freunde das Grab noch einmal, um ihm eine Locke abzuschneiden. Und so hat sich eine mittelblonde Strähne bis in unsere Tage erhalten, die mit glaubhaftem Abstammungsnachweis in der Wiener Akademie der Künste gehütet wird. In der großen Dürer-Ausstellung soll neben all den Kunstwerken – dem, was an Albrecht Dürer nicht sterblich ist – auch sie zu sehen sein.

 
Leserkommentare
  1. ... für diesen Artikel. Nun werde ich die Ausstellung sicherlich besuchen.

  2. Das Bild ist unter dem Namen "Betende Hände" bekannt; und die Hände sind nicht gefaltet, sondern flach mit den Innenflächen aneinandergelegt.

    • Slavek
    • 02.06.2012 um 18:51 Uhr

    Danke für den schönen Artikel über Nürnberg. Als Nämmberchä möchte ich nur korrigieren, die Bierkneipe gegenüber dem Dürerhaus beim Tiergärtnertor ist mitnichten eine "Dürer-Bierbar", sondern das auch bei noch-lebenden Nürnberger Künstlern (ok, im weitesten Sinne....) durchaus recht beliebte "Cafe Wanderer", benannt nach dem Kunstmaler Friedrich Wanderer. Eine garantiert Hasen- und Betende Hände-freie Zone. Moment, vor a paar Monaten gab's a Fussabstreifer-Kunstausstellung im Cafe, da waren dann doch Hasen dabei...

  3. "Der omnipräsente Dürer des »Betende Hasen«-Wohnzimmerkitsches – gerade in seiner volkstümlichen Wohnstätte ist er, wie Schauerte sagt, das »ferne Genie«."

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