Gisela Erler"Frauen schätzen Gleichheit"
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"Auch als Mutter ein intelligentes, erfülltes Leben führen"

ZEIT: Wann und warum änderte sich das? Hatten Sie ein Aha-Erlebnis?

Erler: Vielleicht in einer dieser großen, international besetzten Konferenzen über Arbeit, Leben und kulturelle Vielfalt, die ich acht Jahre lang moderiert habe. Da saßen dann die Strategen multinationaler Großunternehmen, man redete über Personalprogramme für Deutschland, Lateinamerika oder auch Südostasien. Mir wurde bewusst, wie unendlich langsam es mit dem Aufstieg von Frauen vorangeht...

ZEIT: ...und auch, was zu tun wäre?

Erler: Ich sah, dass die Firmen am meisten erreichen, die das Geschlechterthema adressieren. Man tat das nun als Unterthema in der Debatte über Diversity, über kulturelle Vielfalt. Viele Unternehmen beschäftigte, dass immer neue Nationalitäten in ihre Führungsteams kamen. Ich dachte: Die größte kulturelle Kluft besteht nicht zwischen, sagen wir, Amerikanern und Europäern, sondern zwischen Männern und Frauen.

ZEIT: Diese Unterschiede sind eines Ihrer Lebensthemen, Sie haben 1985 schon einmal ein Buch »Für eine Politik des Unterschieds« geschrieben. Woher kommt das Interesse?

Erler: Aus der Beobachtung. Ich kam mit Männern immer gut zurecht. Ich hatte Brüder, wurde von meinem Vater gefördert, habe gern und erfolgreich mit Männern gearbeitet, mit Männern gelebt und Söhne geboren. Das Frauenthema wurde erst wichtig, als ich Kinder bekam. Das lag an einem Satz, den ich damals von Frauen wie Männern aus meinem Umfeld in der Spontiszene zu hören bekam: Du bist so politisch, du kannst gut reden, du bist viel zu schade zum Kinderkriegen. Das hat mich erschreckt. So dachte aber damals ein nicht kleiner Teil der Linken und der Frauenbewegung, Als frisch entbundene Mutter las ich Simone de Beauvoir und war schockiert. Da stand in etwa, dass ich nun zum Muttertier würde und faktisch verblöden müsste. Ich dachte, es muss doch bitte für mich und auch für andere Mütter möglich sein, ein intelligentes, erfülltes Leben zu führen. So kam ich in Kontakt mit organisierten Frauengruppen.

ZEIT: Wie ging es weiter?

Erler: Ich war damals am Deutschen Jugendinstitut und habe mir als Thema das Modell Tagesmütter ausgesucht. Das war damals ein heißes Eisen, mehr noch als heute das Betreuungsgeld.

ZEIT: Schwer vorstellbar.

Erler: Doch, es war noch viel schlimmer. Die Tagesmutter war eine diskriminierte Gestalt. Sie war kein Profi, sondern eine Hausfrau, die Kinder betreute, was sie in den Augen der Progressiven verdächtig machte. Denn die setzte damals schon auf staatliche Krippen. Und die Konservativen sahen in der Tagesmutter eine Bedrohung für das Glück der klassischen Familie, weil sie die Erwerbstätigkeit von Frauen möglich machte. Tagesmütter wurden also nicht ernst genommen, das Konzept wurde abgelehnt. Mir war klar: In dieses Modell wollte ich rein.

ZEIT: Klingt, als wäre Ihnen die Position zwischen den Fronten ganz recht.

Erler: Das stimmt sicher. Vielleicht, weil ich in Süddeutschland in einer sozialdemokratischen Familie in einem sehr konservativen Umfeld aufgewachsen bin. Ich hab früh zwischen den Welten navigiert.

ZEIT: Welche Rolle spielen Ihre Erfahrungen als Frauenpolitikerin und Unternehmerin heute für Ihr neues Amt in der Landesregierung?

Erler: Am Anfang dachte ich, das habe gar nichts miteinander zu tun. Dann wurde mir schnell klar, dass in Baden-Württemberg die Beteiligung von Frauen am politischen Leben dramatisch unterentwickelt ist. In der Landespolitik sind die Verhältnisse nicht besser als in den Führungsebenen der Wirtschaft. Wir haben 18 Prozent Frauen im Landtag, Tendenz sinkend. Das ist ein Niedrigrekord für ganz Deutschland! Auch alle Formen der Bürgerbeteiligung sind sehr männerlastig,

ZEIT: Warum?

Erler: Demokratie und Partizipation scheinen Frauen nur dann zu interessieren, wenn es um konkrete Projekte geht – und nicht allgemein oder theoretisch. Es gibt allerdings eine neue Methode der Bürgerbeteiligung, die funktioniert. Wir bekommen per Zufallsauswahl aus dem Register des Einwohnermeldeamts Namen von Bürgern, die wir persönlich anschreiben. Davon ist die Hälfte weiblich, und viele der angeschriebenen Frauen kommen tatsächlich.

ZEIT: Ob Politik oder Wirtschaft - was steht oben auf Ihrer Liste für eine andere, wirkungsvollere Gleichstellungspolitik ?

Erler: Frauen müssen ihren eigenen kulturellen Raum haben und brauchen Mitstreiterinnen, um sich weniger allein fühlen. Denken Sie an die Kanzlerin, die hat auch ein weibliches Küchenkabinett. Noch besser fände ich, wenn in den Unternehmen Männer und Frauen häufiger an getrennten Projekten arbeiten und dabei jeweils unter sich bleiben könnten, um dann später wieder zusammenzufinden. Leider gilt so etwas immer schnell als Diskriminierung, Schonraum oder Privilegierung, und das wollen weder Männer noch Frauen. Schade, ich würde eher von einem Kreativraum sprechen.

ZEIT: Was an ihren Konzepten ist für die Männer attraktiv?

Erler: Mich erinnert die Situation an die Energiewende: Im Moment gibt es alte Energien und erneuerbare Energien nebeneinander, in Strukturen, die manchmal zusammenpassen, oft aber auch nicht. So ist es auch mit den Männern und den Frauen in den Unternehmen, sie müssen so zusammengebracht werden, dass sie sich nicht blockieren. Und am Ende entscheidet der Markt: Einige Unternehmen werden den Energiemix der Zukunft nicht hinbekommen, manche werden deswegen vielleicht sogar verschwinden. Aber andere werden wachsen.

 
Leserkommentare
  1. Ich habe mit beidem ein bisschen Erfahrung: Bei der Bundeswehr war ich nur unter Maennern. Dort gab es ziemlich viel Imponiergehabe und ziemlich wenig Kooperation.

    In einem Laborbetrieb habe ich einem groesseren fast ausschliesslich weiblichen Team bei der Arbeit zugesehen. Dort gab es jede Menge Hysterie, Laerm um nichts und Zickenkriege.

    In meiner Erfahrung geht es in gemischter Umgebung am besten.

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  2. (zur Melodie von "Die Vogelhochzeit)

    "Doch, viele Frauen wollen aufsteigen – aber nicht, und das ist anders als bei Männern, wenn dabei Nähe und Teamgeist verloren gehen. Frauen schätzen Gleichheit mehr als Männer. Hierarchien aller Art liegen ihnen weniger, und sie gehen anders mit ihnen um."

    Wer so etwas sagt, hat sich hat sich für jede ernstzunehmende Aussage zum Thema disqualifiziert.

    Agela Merkel hat es sich mit viel Teamgeist recht gemütlich eingerichtet. Frau Thatcher war ein schnurrendes Kätzchen. Heide Simonis hat bei jeder sich bietenden Gelegenheit verkündet, sie würde ja am liebsten alles selbst entscheiden. Das wäre unproblematischer und würde viel schneller gehen. 1000 weitere Beispiele finden sich ohne Probleme.

    Und all die Frauen, die in allen möglichen zum sozialen Bereich gehörenden Einrichtungen arbeiten, sind ja soooo begeistert vom Teamgeist ihrer Chefin.

    Und überhaupt, women at their worst: Erst wollen sie unbedingt bei allem mitnmachen, was Männer machen, klagen sich in alles ein, wo Männer gern unter sich sind, wenn's dann aber anstrengend wird, wird entweder nach der Quote gerufen oder man entledigt sich gleich ganz der männlichen Konkurrenz.

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  3. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen und differenzierten Kommentaren an der Diskussion. Danke, die Redaktion/fk.

  4. ... dass die ungünstigste Konstellation sowohl reine Männergruppen und als gerade auch reine Frauengruppen sind.

    Schon längst weiss man, dass gemischte Teams mit gelebter sog. "kooperativer" Führung die Teams am produktivsten machen, mit relativ wenig Reibungsverlusten. In Deutschland allerdings ist für die meisten Führungskräfte gelebte kooperative Führung reine Theorie, da sind die Angelsachsen weiter.

    Männergruppen: Hahnenkämpfe, Gockelgehabe, kompetativer Konkurrenzwahn.

    Frauengruppen: Mobbing, geschlossene Visiere, Agitation "hintenrum".

    Auch im Berufsleben klappt es am besten wie im wirklichen Leben: zusammen! ;-)

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    ...wieder nur ein Stereotyp. Ich arbeite in einem reinen Männerteam und das funktioniert ausgesprochen gut und kooperativ.

    Das hängt aber natürlich von den Charakteren ab, vom Bildungsstand, von der Gruppenzusammensetzung (gibt es einen Vermittler als Bindeglied etc.).

    Es mag da historisch unterschiedliche Verhaltensweisen und Umgang bei Konflikten geben, aber das ist kein Gesetz, auch in gemischten Teams kann Mobbing stattfinden, hintenrum agiert werden oder Imponiergehabe stattfinden.

    ...wieder nur ein Stereotyp. Ich arbeite in einem reinen Männerteam und das funktioniert ausgesprochen gut und kooperativ.

    Das hängt aber natürlich von den Charakteren ab, vom Bildungsstand, von der Gruppenzusammensetzung (gibt es einen Vermittler als Bindeglied etc.).

    Es mag da historisch unterschiedliche Verhaltensweisen und Umgang bei Konflikten geben, aber das ist kein Gesetz, auch in gemischten Teams kann Mobbing stattfinden, hintenrum agiert werden oder Imponiergehabe stattfinden.

  5. das Thema.
    Sie haben offensichtlich den Inhalt von Frau Erlers Äußerungen nicht verstanden.

    Zur Sache:
    Ich finde die Option, geschlechterhomogene Arbeitsgruppen zu bilden gar nicht so abwegig.

    Koedukation beispielsweise hat sich für manche Schulfächer auch nicht bewährt. (insbesondere MINT) Geschlechtergetrennter Unterricht führt da bei Mädchen zu deutlichem Leistungsanstieg und mehr Interesse!

    Ich erlebe im Berufsalltag selber die Unterschiede, die Frau Erler ansprach, vor allem die Abneigung gegen persönlichen Wettbewerb, besonders wenn er dann auch noch gewisse Droh- und Dominanzrituale einschließt, die möglicherweise der Sache sogar undienlich sind.

    Andererseits kann ich für mich aussagen, daß ich in der Zusammenarbeit mit Männern (die deutliche Mehrheit meiner Kollegen) auch viel gelernt habe.
    Allem voran, nicht verbissen ernst auf Herausforderungen und Fehler zu reagieren, sondern Ziele auch mal nicht 150%ig erfüllen zu wollen und Rückschläge "sportlich" zu nehmen.

    Das "Geschlechterthema" zu adressieren und nicht zu verleugnen, finde ich richtig.

    k.

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    ...Schulen für 'höhere Töchter'. - Meine Mutter hat ein solches besucht. Sie äußert sich heute negativ, allerdings nicht wegen der fehlenden Jungs - die kannte sie damals noch nicht - sondern wegen dem andauernden internen Gezicke, inklusive gewisser Droh- und Dominanzrituale.

    Meine eigene Erfahrung im Betrieb ist, Frau kann sich besser einschleimen. Bei den meist männlichen Chefs zumindest...

    naja. Jedem halt seinen Überlebensvorteil. 'Verleugnet' wird hierzulande schon lange nichts mehr. - Eher zerredet, bis es ermüdet - und meist von weiblicher Seite.

    ...Schulen für 'höhere Töchter'. - Meine Mutter hat ein solches besucht. Sie äußert sich heute negativ, allerdings nicht wegen der fehlenden Jungs - die kannte sie damals noch nicht - sondern wegen dem andauernden internen Gezicke, inklusive gewisser Droh- und Dominanzrituale.

    Meine eigene Erfahrung im Betrieb ist, Frau kann sich besser einschleimen. Bei den meist männlichen Chefs zumindest...

    naja. Jedem halt seinen Überlebensvorteil. 'Verleugnet' wird hierzulande schon lange nichts mehr. - Eher zerredet, bis es ermüdet - und meist von weiblicher Seite.

  6. Also, ich habe bislang nicht feststellen können, dass Frauen unbedingt die kooperativeren, teamfähigeren oder auf mehr Nähe bedachten Chefs sind.
    Meine Erfahrung ist, Frau kann genauso knüppelhart agieren, genauso schlechtes Klima in Ihrer Gruppe erzeugen wie ein Mann und wenn Frauen ihr Ding durchziehen wollen, tun sie's, taff und straight, ohne viel Rücksicht auf andere.

    Solche und solche gibt es in beiden Geschlechtern.
    Manchmal denke ich, man möchte sich halt immer gern - genau wie dies auch Männer tun - zum besseren der Menschen erklären.

    Ganz deutlich: es gibt angenehme Frauen und Männer und es gibt in beiden Geschlechtern Armleuchter/innen.

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  7. fand ich, daß der Anteil der Frauen im Landtag BW sinkt. Da scheint mir mangelndes Interesse derselben der Grund und sonst nichts. - Auf, laßt uns die Frauen in die Quoten zwängen, ja! Wir Männer gehen derweil gerne shoppen :)

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  8. besser sind als Männer. Aber mit besseren und schlechteren Menschen läßt sich offenbar noch polarisieren und profitieren.

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