Gisela Erler"Frauen schätzen Gleichheit"

Weniger Hierarchie, weniger Konkurrenz: Unternehmen müssen sich den weiblichen Eigenschaften anpassen, verlangt Gisela Erler.

Die Politikerin und Unternehmerin Gisela Erler

Die Politikerin und Unternehmerin Gisela Erler

DIE ZEIT: Frau Erler, wann haben Sie sich zuletzt in einer Sitzung ein Lächeln verkniffen?

Gisela Erler: Bewusst tue ich das nie. Aber Lächeln ist ja nur ein Symbol für einen bestimmten Umgang. Und da fällt mir auf: Mit vielen Frauen im Raum erleben Sie mehr Blickkontakt, da ist mehr Emotionalität, wenn auch nicht unbedingt immer Freundlichkeit. Je männlicher die Gremien, desto weniger persönlich ist normalerweise der Ton. Und da kann es vorkommen, dass Lächeln als Nachgiebigkeit missverstanden wird.

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ZEIT: Wann haben Sie zuletzt eine herausragende Mitarbeiterin zum Mittagessen eingeladen?

Erler: Im Moment gehe ich immer mit Kollegen in die Kantine, das hat sich eingebürgert, seit ich zur Landesregierung von Baden-Württemberg gehöre. Aber ich achte seit vielen Jahren darauf, speziell beim Umgang mit Frauen gute Leistungen mit Aufmerksamkeit und Interesse zu belohnen. Das kann durch eine Essenseinladung geschehen oder einfach im längeren Gespräch.

ZEIT: Sie haben ein ganzes Buch über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen geschrieben, über Körpersprache, Belohnungssysteme und Hierarchien. Ihr Fazit ist vernichtend: Die bisherige Gleichstellungspolitik muss scheitern, weil sie die Unterschiede zwischen den Geschlechtern unterschätzt, Frauen umerziehen will und sie zu Unrecht in einer Opferrolle sieht. Heißt das, Frauen wollen nicht Karriere machen?

Erler: Doch, viele Frauen wollen aufsteigen – aber nicht, und das ist anders als bei Männern, wenn dabei Nähe und Teamgeist verloren gehen. Frauen schätzen Gleichheit mehr als Männer. Hierarchien aller Art liegen ihnen weniger, und sie gehen anders mit ihnen um.

ZEIT: Aber Frauen arbeiten doch traditionell in hierarchischen Verhältnissen – die Krankenschwester assistiert dem Chefarzt, die Sekretärin dem Manager.

Erler: Schauen Sie mal, wie Gruppen von Frauen oder Mädchen sich selbst organisieren. Da übernimmt zwar mal eine die Führung und genießt Ansehen – aber immer nur auf Zeit. Ihre Autorität entsteht nicht, wie bei Männern, mit einer Beförderung, sondern wird immer wieder hinterfragt und muss neu verdient werden. Firmen wie Ikea, die eher den Teamgeist fördern, erschließen die Potenziale von Frauen deshalb vermutlich viel besser als hierarchische Unternehmen.

ZEIT: Frauen lächeln, wollen mehr Harmonie – Entschuldigung, aber sind das nicht Klischees? 

Gisela Erler

Gisela Erler ist Familienforscherin, Unternehmerin und Politikerin. Im Mai 2011 holte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann sie als Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung in sein Kabinett. Gerade ist ihr Buch »Schluss mit der Umerziehung. Vom artgerechten Umgang mit den Geschlechtern« erschienen.

Erler: Ich verstehe Ihre Skepsis sehr gut, weil ich lange selbst dachte, dass das Herumreiten auf der Geschlechterdebatte uns nicht weiterbringt. Aber meine Sicht hat sich verändert, durch die Arbeit in dem Unternehmen, das ich vor fast zwanzig Jahren gegründet habe, und durch den Kontakt mit seinen rund 600 Kunden, zu denen die meisten Dax-Konzerne gehören. Der offensichtliche Unterschied ist, dass bei uns, einem fast komplett weiblichen Unternehmen, viele Frauen aufgestiegen sind, die heute sehr gern und mit Erfolg Verantwortung tragen. Die Firmen, die wir eigentlich dabei unterstützen sollen, dass Frauen Karriere machen, kommen dagegen nur im Schneckentempo voran.

ZEIT: Was also haben Sie falsch gemacht bei der Beratung?

Erler: Lange dachte ich, dass eine bessere Kinderbetreuung und eine Veränderung der Arbeitszeiten der Schlüssel für den Aufstieg von Frauen sind. Als ich vor 20 Jahren den Familienservice gegründet habe, schien mir klar, dass wir bald mehr Frauen in Top-Positionen haben würden, wenn die Firmen erst in diese Felder investieren. Darum ging es damals auch den Kunden – sie wollten attraktiv für weibliche Führungskräfte sein. Leider zeigen alle Studien, dass sich auf diesem Feld in Deutschland fast nichts tut. Gleichzeitig gibt es genug Untersuchungen, die das unterschiedliche Verhalten der Geschlechter belegen, gerade in der Wirtschaft. Der wichtigste Unterschied ist der andere Antrieb...

ZEIT: ...man könnte auch sagen, die Abneigung gegen Wettbewerb.

Erler: Frauen nehmen es mit Konkurrenzfirmen auf. Den persönlichen Wettbewerb aber suchen und schätzen sie nicht. Situationen, in denen sie ihr Gegenüber ausstechen, vielleicht sogar kränken müssen oder in denen sie selbst schlecht abschneiden könnten, sind Frauen unangenehm. Und wenn sie dann doch konkurrieren müssen, sind sie oft viel härter und weniger spielerisch als Männer.

ZEIT: Wie reagieren Firmen, wenn Sie ihnen empfehlen, außer der Kinderbetreuung auch die Unternehmenskultur zu ändern, zugunsten von Frauen?

Erler: Inzwischen interessieren sich viele Führungskräfte wieder dafür. Aber lange war das ein Tabuthema. Auch für mich selbst.

ZEIT: Sie haben in den achtziger Jahren noch gegen viele Feministinnen gekämpft und in einem »Müttermanifest« gefordert, ihre Partei, die Grünen, müsste mehr für Eltern und Kinder tun. Damals wollten Sie mehr Einsatz für die Familie, weniger für Gleichberechtigung.

Erler: Richtig. Das ist allerdings sehr lange her, wir reden hier über die Zeit der Spontibewegung, der Frauenbuchläden, der lila Latzhosen.

ZEIT: Aus dieser Zeit rührt Ihre Freundschaft mit dem heutigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, dessen Kabinett Sie heute angehören und für den Sie in Baden-Württemberg den Dialog mit den Bürgern voranbringen sollen. Aber damals gründeten Sie eine Firma. Warum eigentlich?

Erler: Die Erfahrung als Mutter spielte eine große Rolle – und der Wunsch, selbst meine Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen zu bestimmen. Damals veränderte sich meine Haltung, und ich habe gesagt: Ab sofort unterstütze ich kompromisslos die Frauen im Beruf, genauso wie die Väter, die mehr Zeit für ihre Familie wollen. Wir schaffen Infrastruktur und reden über Arbeitszeiten. Übrigens ging es den Frauen, mit denen ich vor 20 Jahren das Unternehmen aufgebaut habe, durchweg genauso: Sie hatten keine Lust, dieses Thema primär als Geschlechterthema zu diskutieren. In Konferenzen habe ich immer von Eltern, nie von Frauen gesprochen.

ZEIT: Funktionierte das?

Erler: Wir haben die Unternehmen immer bei ihren materiellen Interessen gepackt. Als es um Kinderbetreuung ging, hieß der business case: So schöpft man das Potenzial seiner Arbeitskräfte aus. Dann setzte sich der Gedanke durch, dass Unternehmen mit vielen weiblichen Kunden auch weibliche Mitarbeiter haben sollten, auf allen Ebenen. Momentan ist das Fehlen der Fachkräfte ein großes Thema. Jedenfalls haben wir nie als Truppe im Geschlechterkampf verstanden. Ich muss zugeben: Mich hat das Frauenthema lange nicht interessiert.

Leserkommentare
  1. Rein männliche Gruppen tendieren dazu emotionale Aspekte eher unter den Tisch zu kehren.

    Bei rein weiblichen Gruppen haben emotionale Aspekte und die Rücksichtnahme auf (eventuelle) Befindlichkeiten einen sher starken Focus, so dass hierunter schonmal die Effektive Zusammenarbeit leiden kann.

    Bei gemischten Gruppen findet in der Regel ein ausgewogener Mix statt, bei dem beide Geschlechter ihre spezifische Vorgehensweise nutzbringend einbringen kann.

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    ...die es in der Realität so nicht gibt.

    Und deswegen kenne ich z.B Frauen, die gar kein Problem damit haben, ohne Diskussion sich ein Huhn zu schnappen und ihm den Kopf abzuhacken. Und ich kenne Männer, die kriegen einen Kreislaufkollaps wenn sie Blut sehen oder auch nur intensiver daran denken.

    So what...

    Überhaupt ist das Interview eher seicht, schrammt nur an der Oberfläche entlang und ist nicht nur fürchterlich Deutschland-zentriert. Sondern auch wieder mit deplatzierten Hymnen über Frauen als bessere Menschen durchsetzt.

    Wie sonst kann man so eine Aussage treffen:

    Situationen, in denen sie ihr Gegenüber ausstechen, vielleicht sogar kränken müssen oder in denen sie selbst schlecht abschneiden könnten, sind Frauen unangenehm.

    Sorry, aber die Realität sieht anders aus. Es ist nur eine Frage des "gegen wen und in welcher Disziplin"

    ...die es in der Realität so nicht gibt.

    Und deswegen kenne ich z.B Frauen, die gar kein Problem damit haben, ohne Diskussion sich ein Huhn zu schnappen und ihm den Kopf abzuhacken. Und ich kenne Männer, die kriegen einen Kreislaufkollaps wenn sie Blut sehen oder auch nur intensiver daran denken.

    So what...

    Überhaupt ist das Interview eher seicht, schrammt nur an der Oberfläche entlang und ist nicht nur fürchterlich Deutschland-zentriert. Sondern auch wieder mit deplatzierten Hymnen über Frauen als bessere Menschen durchsetzt.

    Wie sonst kann man so eine Aussage treffen:

    Situationen, in denen sie ihr Gegenüber ausstechen, vielleicht sogar kränken müssen oder in denen sie selbst schlecht abschneiden könnten, sind Frauen unangenehm.

    Sorry, aber die Realität sieht anders aus. Es ist nur eine Frage des "gegen wen und in welcher Disziplin"

    • gorgo
    • 24.05.2012 um 11:23 Uhr

    Finde ich eine wichtige Beobachtung. Meinem Eindruck nach ist das Thema viel komplizierter. Es gibt nicht "die" Männer und "die" Frauen - aber vielleicht Aspekte, die manchmal auf einige, manchmal auf die meisten einer Geschlechtsgruppe zutreffen.

    So gibt es gibt z.B. nur eine Minderheit von Männern, die hoch kompetititiv macho-mäßig auftreten.
    Viele Männer - nicht alle, wie natürlich immer - tun das nicht - sie finden sich damit aber ab, halten es für unabänderlich und arbeiten unter solchen Männern. Dafür spielt eine große Rolle, dass es für sie zur Normalität gehört, erwerbstätig zu sein (Trifft wiederum auf fast alle Männer zu). Manchmal helden(!)haft ertragen sie zur Not schlechteste Arbeitsbedingungen - hauptsache erwerbstätig. Die meisten Frauen unter schlechten kommunikativen Bedingungen neigen zum Rückzug oder Kündigung - hart arbeiten für Minilohn ist für viele (nicht alle) kein Grund, es nicht zu tun. Auch Kinder sind aber für einen Teil der Frauen eine Möglichkeit, schlechten Arbeitsbedingungen und schwer erträglichen Hierarchien zu entgehen - für einen nicht unerheblichen Teil der Frauen trifft das wiederum gar nicht zu. Auch Frauen ertragen oft sehr schlechte Bedingungen - aber persönliche Mißachtung ist für sehr sehr viele der Angelpunkt... So ließe sich das fortsetzen, differenziert, kompliziert - es zeigt hoffentlich, dass wir andere Forschung brauchen - von anderen Arbeitsverhältnissen, die sich daraus ergeben, ganz zu schweigen...

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  2. es wird doch "gekämpft": frauen bekommen keine kinder mehr, um sich der "männlichen" arbeitswelt anzupassen. ja ok, man sieht die auwirkungen nicht jetzt gleich, aber in 20-30 jahren wird das böse erwachen kommen. in diesem sinne ist es vielleicht doch besser, früher politisch einzugreifen, denn die konsequenzen werden dann nicht so einfach umzukehren sein.

  3. mmn grenzt das biologische geschlecht einen menschen in seinem verhalten nicht wirklich ein sondern das, was in einer gesellschaft generell vorgelebt wird. im deutschen sprachraum ist es nun mal üblich, dass männer als die entschlossenen ernährer wahrgenommen werden, und frauen als aufopferungsbereite mütter.
    wer einmal eine zeitlang in einem skandinavischen land gearbeitet hat, findet das einfach nur noch seltsam. sehr flache hierarchien und zuhauf sieht man die stolzen väter, die dinge tun, die in deutschland fast ausschliesslich von frauen gemacht werden.
    es ist einfach nur das selbstverständnis, in dem wir aufwachsen - und hat sehr wenig mit biologischen gegebenheiten zu tun.

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  4. "patriarchalen Dividende" will sagen Vorteilsnahme zum Nachteil von Frauen stehen aktuelle Ergebnisse einer Studie der OECD gegenüber, die einen weltweiten EQUAL AGE DAY überfällig werden lassen.

    http://www.dailymail.co.u...

    An einem solchen Tag sollte auf tatsächliche, eklatante Unterschiede in der Lebensqualität von Männern und Frauen und den damit einhergehenden Folgen hingewiesen werden.
    Wirklich ernst gemeintes Gender Mainstreaming hätte diesen bekannten Unterschieden z.B. bei der Lebenserwartung längst Rechnung getragen. Dass dies nicht geschieht, sondern vielmehr von einer frauenfokussierten Politik willentlich ignoriert wird, ist verlogen, rücksichtslos somit alles andere als sozial kompetent und emanzipatorisch.

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  5. Habe mir den verlinkten Artikel durchgelesen.

    Das ist von 1995! Da kann man ja gleich noch "Das Handbuch für die perfekte Ehefrau" aus den 50er Jahren zitieren.

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  6. ...die es in der Realität so nicht gibt.

    Und deswegen kenne ich z.B Frauen, die gar kein Problem damit haben, ohne Diskussion sich ein Huhn zu schnappen und ihm den Kopf abzuhacken. Und ich kenne Männer, die kriegen einen Kreislaufkollaps wenn sie Blut sehen oder auch nur intensiver daran denken.

    So what...

    Überhaupt ist das Interview eher seicht, schrammt nur an der Oberfläche entlang und ist nicht nur fürchterlich Deutschland-zentriert. Sondern auch wieder mit deplatzierten Hymnen über Frauen als bessere Menschen durchsetzt.

    Wie sonst kann man so eine Aussage treffen:

    Situationen, in denen sie ihr Gegenüber ausstechen, vielleicht sogar kränken müssen oder in denen sie selbst schlecht abschneiden könnten, sind Frauen unangenehm.

    Sorry, aber die Realität sieht anders aus. Es ist nur eine Frage des "gegen wen und in welcher Disziplin"

  7. Wenn man doch aber strikt in "Männergruppen" und "Frauengruppen" einteilt, wie das Frau Erler meint, das sei gut, wozu dann noch Quoten wir irgendwen?

    Und schon wieder lese ich hier von eifrigen Feministinnen, die Idee mit den nach Geschlecht getrennten Gruppen zu arbeiten sei gut. Was denn jetzt? Quote oder doch trennen? Oder nur bei Hochqualifizierten? Also Frauenquote für die Vorstände (damit auch Frauen mal richtig Heu verdienen) aber getrennte Gruppen bei z. B. Erziehern, Krankenschwestern?

    Wenn jemand vor mir steht, dann beurteile ich ihn nicht nach dem was er in seiner Hose oder Bluse hat sondern nach seinem Intellekt, seiner Art, seiner Meinung, und zugegebne auch nach seinem Humor (wichtig bei der Arbeit - auch wenn das viele nicht glauben wollen), eben ob sympathisch oder nicht.

    Ich habe den Verdacht, dass die wenigsten (Männer UND Frauen) über sich selbst lachen können weil sie immerzu damit beschäftigt sind sich über die Vor- und Nachteile ihres Geschlechts aufzukäsen und sich gegenseitig Voruteile an den Kopf zu werfen! Zielführend ist was anderes.

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