Politisch denken : Ihr wollt nicht hören, sondern fühlen

Seit zehn Jahren bringe ich euch Politikwissenschaft bei – aber was ihr politisch findet, verstehe ich erst jetzt.

Das Erste, was ich von euch sah, waren diese großen Wasserflaschen aus Plastik. Während einer Doppelstunde Regierungslehre schafften viele von euch locker einen Liter. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass zu meiner Studienzeit während eines Seminars auch nur einer zur Flasche gegriffen hätte. Das hätte wertvolle Redezeit gekostet. Oder, wie man auch zwanzig Jahre nach 68 noch sagte: Zeit, um alles kritisch zu hinterfragen.

Ihr aber trinkt über alle autoritären und totalitären Regime, über alle parlamentarischen, semipräsidentiellen und präsidentiellen Systeme hinweg. Auch große Worte großer Menschen, sagen wir von Max Weber und Theodor W. Adorno, stillen euren Durst nicht. Woher der kommt? Vom Diskutieren jedenfalls nicht. Ich hätte fordern können, in Deutschland einen Wächterrat nach iranischem Vorbild einzuführen. Ihr hättet trotzdem weitergenuckelt. Ihr unterwerft euch einem 3-Liter-Wasser-am-Tag-Diktatürchen, war ich versucht zu sagen. Aber ich schluckte es hinunter.

Das klingt gemein. Dabei bin ich gar nicht euch böse, sondern mir selbst. Als ich vor gut zehn Jahren einen Lehrauftrag in Politikwissenschaft annahm, glaubte ich, euch zu kennen. Ich dachte, ihr interessiert euch für Macht. Denn Macht ist der Sauerstoff eines politischen Systems, sie entsteht aus dem Zusammenwirken von Menschen und Ideen. Ein Politikwissenschaftler kann Machtverhältnisse nicht so exakt messen wie ein Naturwissenschaftler seine Stoffmengen. Trotzdem dürfen Politologen so vermessen sein, die Verhältnisse ändern zu wollen.

Karl Popper, einer der wichtigsten Ideengeber des Fachs, sagte einmal, jede Hypothese sei so lange haltbar, bis sie falsifiziert sei. Ich merkte rasch: Die Wissenschaft wusste nichts über euch. Nirgends stand geschrieben, dass ihr euch weniger um die Belüftung des politischen Prozesses als um den Flüssigkeitshaushalt eures Körpers sorgt. Der Wasserbedarf ist natürlich ein oberflächliches Kriterium, das Karl Popper niemals akzeptiert hätte.

Doch unter der Oberfläche hat sich etwas Substanzielles verschoben. Der Wissenspegel veränderte sich. Kulturpessimistische Dozenten behaupteten, er sei gesunken. Die Kanzler in die richtige Reihenfolge zu bringen und dabei Ludwig Erhard nicht zu vergessen, den historischen vom dialektischen Materialismus zu unterscheiden, die drei Gewalten zu benennen – Fehlanzeige.

Christiane Florin

ist Redaktionsleiterin der ZEIT-Beilage »Christ & Welt« und lehrt Politische Wissenschaft an der Universität Bonn

Mir erschienen auch andere Themen spannender als die Kanzler in chronologischer Reihenfolge. In der Schröder-Ära zum Beispiel wurde es in der Politikwissenschaft modern, von einer Amerikanisierung des deutschen Regierungssystems zu sprechen. Personalisierung, Inszenierung, Emotionalisierung – das waren die Politologen-Modewörter. Ich habe darüber gesprochen, ihr habt mitgeschrieben. Emotionslos. Über Misstrauensvoten, Rücktritte, Skandale und Untersuchungsausschüsse habt ihr mit einer Leidenschaft referiert, als ginge es um den 32. Änderungsantrag der Abwasserverordnung für die ländlichen Gebiete Sachsen-Anhalts.

Brav habt ihr die Lehrbuch-Kapitel gelesen, die ich euch vor einer Klausur empfahl. Wenn ich die Seiten 21 bis 76 nannte, konnte ich sicher sein, dass niemand Seite 20 oder 77 anschauen würde. Ein paar von euch, mit den Jahren weniger, lesen regelmäßig Zeitung, kaum einer schaut täglich Nachrichten. Ihr liebt klare Ansagen, aber nicht die Tagesschau-Sprecherin.

Warum studiert ihr eigentlich dieses Fach, wenn ihr euch gar nicht für Politik interessiert? Wenn euer Politikbegriff nicht über das hinausreicht, was Spiegel Online zur Politik erklärt? Das fragte ich vor einigen Jahren zuerst mich, dann euch. Da habt ihr Flasche und Notebook kurz zur Seite gelegt. War mein Referat nicht gut?, haben einige gefragt. Kriege ich keinen Schein?, wollten andere wissen. Doch, doch, die Referate sind okay, habe ich euch getröstet. Das ist ja gerade das Problem. Die meisten haben geschwiegen. Das ist das noch viel größere Problem.

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Kommentare

143 Kommentare Seite 1 von 26 Kommentieren

kollege

ich glaube sie haben den artikel so gut wie gar nicht verstanden.

er sagt, lass das alte sein - damals war nix besser.

er sagt auch, dass das alte einfach das alte weiterlehren wird, weil es für sich selbst bedeutung hat und junge gar keine begeisterung dafür entwickeln müssen.

es sagt einfach, dass die jungen genau wissen was sie tun und es auch richtig machen.

SIE haben es leider nicht verstanden!

Sie haben da wohl was missverstanden...

"Wieso braucht einer ein Studium um lügen zu können??"

Hmmh, ich vermute, Ihr relativ kryptischer Kommentar beruht auf dem Missverständnis, dass man Politik studiert, um Politiker zu werden. Das ist aber relativ selten der Fall.

Die Herren Abgeordneten und Minister haben im früheren Leben eher Jura oder Lehramt studiert. Weitere große Gruppen stellen das Handwerk und die Beamtenschaft.

Politik studiert man eher, damit man eine fundierte Aussage darüber treffen kann, ob ein Politiker die Wahrheit sagt oder ob er die richtigen Entscheidungen trifft. Und um die Effekte dieser Entscheidungen zu analysieren. Wobei viele Studenten dieser Fachrichtung am Ende etwas ganz anderes machen. Die Nachfrage nach politischen Analysen ist ja begrenzt...

"Der Bürger hat die Macht !!! Wenn dieser will, dann ist Ihre Wissenschaft nichtmal mehr das Papierwert!"

"Der Bürger" will vor allem Brot und Spiele. Bzw. Bier und Fußball. Das Interesse an Politik beschränkt sich erfahrungsgemäß auf Banalitäten wie den Benzinpreis oder populistische Themen wie die aktuellen Probleme in Griechenland. Die Deutschen sind immer noch ein verdammt sattes, konservatives Volk.

Richtig, die Politik und die Wirtschaftswissenschaften

haben versagt.

... und woran liegt das? Man lässt sich eben nicht von Politikwissenschaftlern beraten sondern von so komischen Vögeln wie Ex-Politikern. Die haben Stallgeruch und sind in den hiesigen Kreisen vernetzt. Darum geht es meistens doch...

Ich darf mal einen meiner Dozenten zitieren: "Auf uns hört wieder keiner." Ja und wenn doch werden die zu fällenden Entscheidungen auch nicht immer 1:1 vom Politikberater (aus der Wissenschaft) übernommen, da in die Entscheidungen andere nennen wir es mal strukturell bedingte Änderungen mit einfließen. Nicht die Politikwissenschaft hat versagt, sondern die Adressaten haben dies in ihrer Umsetzung, bzw. in der Veränderung ihrer Entscheidungen.

Best E.