Politisch denkenIhr wollt nicht hören, sondern fühlen

Seit zehn Jahren bringe ich euch Politikwissenschaft bei – aber was ihr politisch findet, verstehe ich erst jetzt. von Christiane Florin

Das Erste, was ich von euch sah, waren diese großen Wasserflaschen aus Plastik. Während einer Doppelstunde Regierungslehre schafften viele von euch locker einen Liter. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass zu meiner Studienzeit während eines Seminars auch nur einer zur Flasche gegriffen hätte. Das hätte wertvolle Redezeit gekostet. Oder, wie man auch zwanzig Jahre nach 68 noch sagte: Zeit, um alles kritisch zu hinterfragen.

Ihr aber trinkt über alle autoritären und totalitären Regime, über alle parlamentarischen, semipräsidentiellen und präsidentiellen Systeme hinweg. Auch große Worte großer Menschen, sagen wir von Max Weber und Theodor W. Adorno, stillen euren Durst nicht. Woher der kommt? Vom Diskutieren jedenfalls nicht. Ich hätte fordern können, in Deutschland einen Wächterrat nach iranischem Vorbild einzuführen. Ihr hättet trotzdem weitergenuckelt. Ihr unterwerft euch einem 3-Liter-Wasser-am-Tag-Diktatürchen, war ich versucht zu sagen. Aber ich schluckte es hinunter.

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Das klingt gemein. Dabei bin ich gar nicht euch böse, sondern mir selbst. Als ich vor gut zehn Jahren einen Lehrauftrag in Politikwissenschaft annahm, glaubte ich, euch zu kennen. Ich dachte, ihr interessiert euch für Macht. Denn Macht ist der Sauerstoff eines politischen Systems, sie entsteht aus dem Zusammenwirken von Menschen und Ideen. Ein Politikwissenschaftler kann Machtverhältnisse nicht so exakt messen wie ein Naturwissenschaftler seine Stoffmengen. Trotzdem dürfen Politologen so vermessen sein, die Verhältnisse ändern zu wollen.

Karl Popper, einer der wichtigsten Ideengeber des Fachs, sagte einmal, jede Hypothese sei so lange haltbar, bis sie falsifiziert sei. Ich merkte rasch: Die Wissenschaft wusste nichts über euch. Nirgends stand geschrieben, dass ihr euch weniger um die Belüftung des politischen Prozesses als um den Flüssigkeitshaushalt eures Körpers sorgt. Der Wasserbedarf ist natürlich ein oberflächliches Kriterium, das Karl Popper niemals akzeptiert hätte.

Doch unter der Oberfläche hat sich etwas Substanzielles verschoben. Der Wissenspegel veränderte sich. Kulturpessimistische Dozenten behaupteten, er sei gesunken. Die Kanzler in die richtige Reihenfolge zu bringen und dabei Ludwig Erhard nicht zu vergessen, den historischen vom dialektischen Materialismus zu unterscheiden, die drei Gewalten zu benennen – Fehlanzeige.

Christiane Florin

ist Redaktionsleiterin der ZEIT-Beilage »Christ & Welt« und lehrt seit zehn Jahren Politische Wissenschaft an der Universität Bonn

Mir erschienen auch andere Themen spannender als die Kanzler in chronologischer Reihenfolge. In der Schröder-Ära zum Beispiel wurde es in der Politikwissenschaft modern, von einer Amerikanisierung des deutschen Regierungssystems zu sprechen. Personalisierung, Inszenierung, Emotionalisierung – das waren die Politologen-Modewörter. Ich habe darüber gesprochen, ihr habt mitgeschrieben. Emotionslos. Über Misstrauensvoten, Rücktritte, Skandale und Untersuchungsausschüsse habt ihr mit einer Leidenschaft referiert, als ginge es um den 32. Änderungsantrag der Abwasserverordnung für die ländlichen Gebiete Sachsen-Anhalts.

Brav habt ihr die Lehrbuch-Kapitel gelesen, die ich euch vor einer Klausur empfahl. Wenn ich die Seiten 21 bis 76 nannte, konnte ich sicher sein, dass niemand Seite 20 oder 77 anschauen würde. Ein paar von euch, mit den Jahren weniger, lesen regelmäßig Zeitung, kaum einer schaut täglich Nachrichten. Ihr liebt klare Ansagen, aber nicht die Tagesschau-Sprecherin.

Warum studiert ihr eigentlich dieses Fach, wenn ihr euch gar nicht für Politik interessiert? Wenn euer Politikbegriff nicht über das hinausreicht, was Spiegel Online zur Politik erklärt? Das fragte ich vor einigen Jahren zuerst mich, dann euch. Da habt ihr Flasche und Notebook kurz zur Seite gelegt. War mein Referat nicht gut?, haben einige gefragt. Kriege ich keinen Schein?, wollten andere wissen. Doch, doch, die Referate sind okay, habe ich euch getröstet. Das ist ja gerade das Problem. Die meisten haben geschwiegen. Das ist das noch viel größere Problem.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

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  2. was ich (entschuldigung) seit langem hier, d.h. auf Zeit online gelesen habe. Vor allem der Schluss....

    Ja, das war schon ein Schock damals mit Helmut Kohl. Und der hat ja dann auch lange angehalten.

    So fühlt es sich an, wenn man älter wird...dann spricht man von früher, leider. Aber "früher" wurden Bierfässer zu den Feten gerollt, für alle so zu sagen, früher hatte da nicht jeder seine Wasserflasche, denn man mußte ja mitschreiben... und mitdiskutieren in den Seminaren. Diese Nuckelei hält doch genauso ab vom Denken, wie das Stricken: obwohl ich glaube beim Stricken hört man noch mehr zu als beim Rumnuckeln. Ich verstehe, daß ganze auch nicht. Aber diese Unfähigkeit wirklich sich auf Fremdes zu beziehen und institutionell zu denken, eben vom Ich weg... tja ich weiß nicht, so können auf jeden Fall keine Fragen enstehen, also nicht aufgeben und die Kanzler weiter besprechen. Eins ist klar: Adorno und Co haben es in sich. Ein Satz vorlesen: und dann man nachfragen: was steht denn eigentlich da??? Im Grunde ist es sehr schwierig diese Gedankengänge zu verstehen. Und dabei wissen die Studenten gar nicht wie priviligiert sie eigentlich sind, denn sie beherrschen (?) die deutsche Sprache, und deshalb könnten diese Texte ihnen schneller vertraut werden als Studierenden, die sich erst Deutsch aneignen müssen. Aber es kann auch sein, daß diejenigen, die sich Deutsch aneignen, viel sehr viel motivierter sind diese Texte zu verstehen,sie wissen warum...

    Eine Leserempfehlung
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    Publikationen in der Politikwissenschaft aus dem angelsächsischen Raum stammen oder in jener dort gesprochenen Sprache publiziert werden...ist Deutsch gelinde gesagt Nebensache. Englisch umso zentraler.

    Best E.

    • riciru
    • 22. Mai 2012 9:58 Uhr

    ich glaube sie haben den artikel so gut wie gar nicht verstanden.

    er sagt, lass das alte sein - damals war nix besser.

    er sagt auch, dass das alte einfach das alte weiterlehren wird, weil es für sich selbst bedeutung hat und junge gar keine begeisterung dafür entwickeln müssen.

    es sagt einfach, dass die jungen genau wissen was sie tun und es auch richtig machen.

    SIE haben es leider nicht verstanden!

  3. 3. [...]

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    • eras
    • 21. Mai 2012 18:49 Uhr

    "Wieso braucht einer ein Studium um lügen zu können??"

    Hmmh, ich vermute, Ihr relativ kryptischer Kommentar beruht auf dem Missverständnis, dass man Politik studiert, um Politiker zu werden. Das ist aber relativ selten der Fall.

    Die Herren Abgeordneten und Minister haben im früheren Leben eher Jura oder Lehramt studiert. Weitere große Gruppen stellen das Handwerk und die Beamtenschaft.

    Politik studiert man eher, damit man eine fundierte Aussage darüber treffen kann, ob ein Politiker die Wahrheit sagt oder ob er die richtigen Entscheidungen trifft. Und um die Effekte dieser Entscheidungen zu analysieren. Wobei viele Studenten dieser Fachrichtung am Ende etwas ganz anderes machen. Die Nachfrage nach politischen Analysen ist ja begrenzt...

    "Der Bürger hat die Macht !!! Wenn dieser will, dann ist Ihre Wissenschaft nichtmal mehr das Papierwert!"

    "Der Bürger" will vor allem Brot und Spiele. Bzw. Bier und Fußball. Das Interesse an Politik beschränkt sich erfahrungsgemäß auf Banalitäten wie den Benzinpreis oder populistische Themen wie die aktuellen Probleme in Griechenland. Die Deutschen sind immer noch ein verdammt sattes, konservatives Volk.

  4. 4. [...]

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    haben versagt.

    ... und woran liegt das? Man lässt sich eben nicht von Politikwissenschaftlern beraten sondern von so komischen Vögeln wie Ex-Politikern. Die haben Stallgeruch und sind in den hiesigen Kreisen vernetzt. Darum geht es meistens doch...

    Ich darf mal einen meiner Dozenten zitieren: "Auf uns hört wieder keiner." Ja und wenn doch werden die zu fällenden Entscheidungen auch nicht immer 1:1 vom Politikberater (aus der Wissenschaft) übernommen, da in die Entscheidungen andere nennen wir es mal strukturell bedingte Änderungen mit einfließen. Nicht die Politikwissenschaft hat versagt, sondern die Adressaten haben dies in ihrer Umsetzung, bzw. in der Veränderung ihrer Entscheidungen.

    Best E.

  5. Entschuldigung, aber ich sehe den Zusammenhang nicht. Was ist genau das Problem an der Wasserflasche? Ich verstehe nicht, was das zu tun haben soll, mit der mangelnden Beteiligung der Studenten in Ihrem Unterricht. Oder war das einfach nur ein knackiger Aufhänger, um sich über die "neue" Uni zu beschweren, wo Leute in erster Linie ihren Titel holen und nicht mehr den Wissensdurst stillen wollen?

    Wenn jemand etwas ändern kann, dann wohl Sie, indem Sie, indem Sie Ihren Unterricht anders gestalten.
    Komischer Artikel.

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    • Varech
    • 21. Mai 2012 20:04 Uhr

    Ja, das ist wohl das Wort, das die Stelle trifft, an der es schmerzt. Sich unterrichten zu lassen, ist nicht Studieren. Studieren wäre eine a k t i v e Tätigkeit, völlig verschieden vom passiven braven Dasitzen, zu Hause gehorsam leernen, was der Lehrer aufgegeben hat, und immer schön autonom (!) die eigenen Körperfunktionen sich ausleben lassen. Der einzige Drang kommt nach 2 Stunden Flasche von der Blase.

    das nuckeln (an der wasserflasche) hervorheben, da nuckeln ja etwas ist, was kleinkinder machen und sie ihre studenten als geistig etwas unselbständig darstellt.

    Ja, genau da tut's weh. Ich verstehe den Artikel, aber ich bin ja auch schon über fünfzig. Das tut weh.

    • ezoo
    • 25. Mai 2012 1:01 Uhr

    Was man nicht versteht, sollte man nicht allzu zu laut kritisieren. Machen Sie sich mal schlau im Bereich Biopolitik (Foucault, Agamben, etc.) und Sie werden vielleicht verstehen, was es mit der Wasserflasche auf sich hat.

  6. setzen doch nur die dampfschwätzenden 68er mit der Zeit "alles kritisch zu hinterfragen" gleich.
    Ein schöner Abgesang auf die 68er und vielleicht sollten genau die (wenn sie denn überhaupt Kinder hatten) sich mal fragen, warum ihre Enkel so sind.
    Die Nackriegskinder haben ganz normal aufgebaut , die Nachkriegsenkel (68er) haben Oma und Opa mit deren Vergangenheit konfrontiert und alles musste anders werden, alles wurde politisiert, großes Bohei .. und die Enkel der 68er können vielleicht mit ihren superpolitischen Vorfahren nichts anfangen und laufen ganz normal und als Geburt an ziemlich satte Menschen durchs Leben, nicht berauschend oder "revolutionär" der Auftritt, aber es gibt schlechtere Leben.

    • nun ja
    • 21. Mai 2012 17:37 Uhr

    Was die Frau Florin vermutlich sagen wollte, ist, das der Politikstudent von heute im großen und ganzen ein Weichei ist. Die Dynamik von Macht und Verantwortung und die Chance damit für die Menschheit einen positiven Beitrag zu leisten interssiert ihn weniger als die Befriedigung seiner kleinen körperlichen und emotionalen Bedürfnisse. Und es ist noch nichtmal Kritik sondern einfach nur eine Wiederspiegelung dessen was die Professorin so erleben muß in ihrem Alltag.

    Und schaut man heuzutage die Politiker an, was findet man? Weicheier, deren emotionale und körperliche Bedürfnisse an oberster Stelle stehen und die die Politik vorherrschend als Mittel sehen ihren Lebensunterhalt zu verdienen und soziale Anerkennung zu erfahren.

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    "Die Dynamik von Macht und Verantwortung und die Chance damit für die Menschheit einen positiven Beitrag zu leisten interssiert ihn weniger als die Befriedigung seiner kleinen körperlichen und emotionalen Bedürfnisse."

    ...das ist mir zu pessimistisch, dann würde sich auch niemand für die Piraten engagieren (wobei fraglich ist, ob typische Piraten Politologie studieren ;-)

    Vielleicht liegt es daran, dass man in dem Alter nur unzureichend hinter die Kulissen schauen kann und vieles (weil es so kommuniziert wird) als sachzwanggetrieben und wenig gestaltbar erlebt. Somit wird Parteienbetrachtung usw. zur mehr oder weniger historischen Analyse.

    Tatsächlich ignoriere ich all den Personenrummel und die Parteienberichterstattung fast komlett. Sie ist zum schwer durchdringbaren medialen Theater geworden, mit so gut wie keinen Auswirkungen. Das was mich wirklich betrifft wird dann in irgendwelchen Hinterzimmern ausgeklüngelt.

    Wenn Frau Florin wirklich zum denken anregen will und begeistern, sollte sie sich spannende aktuelle Fragen ausdenken, z.B. wie kann ich im globalen Wettbewerb dafür sorgen, dass politische Gestaltbarkeit erhalten bleibt? Ist eine Weltregierung wünschenswert? etc.

    Ein Großteil meiner Mitstudenten und auch ich studieren NICHT Politikwissenschaft um POLITIKER zu werden! Auch die Dozenten, denen ich bei Vorlesungen oder in Seminaren begegne sind mitnichten als Politiker tätig! Dass wir durchaus politisch aktiv sein können (Studenten, wie Dozenten) mag dahingestellt [und wahr] sein. Aber und mit der Wahl-Berufsgruppe von Juristen und auf Kommunal-Ebene von Beamten (Leher!) haben wir in der Regel eben nur durch unsere wissenschaftliche Betrachtung zu tun... das ist auch meines Erachtens besser so. Best E.

    Ich sehe es auch so...

    Man darf nicht vergessen, dass alle Menschen dieser Welt immer auch ein Produkt ihrer Zeit sind.

    In unseren Dekaden sind gravierende Stolpersteine beseitigt, es gibt keine als groß empfundenen Ungerechtigkeiten mehr. Worum also sollte der aktuelle Student ringen? Wozu kämpfen?

    Ich denke, als Dozent sollte man sich dieser Situation anpassen und - vor allem - selbst tiefer in die Pädagogik, insbesondere in die Stilrichtung des Reggio-Gedankens einsteigen: Begeisterung entfachen!

    Wenn das Leben selbst nicht mehr zu Begeisterungsstürmen hinreißt, dann muss der Dozent dies schaffen.

    In den 68ern war es ja übrigens anders herum: Die Studenten waren begeistert, wohingegen die Professoren verknöchert waren. - Jetzt ist es Zeit, genau andersherum zu denken und zu lehren.

    • Spege
    • 21. Mai 2012 17:37 Uhr

    Bezeichnende Kommentare.

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