Politik begreift ihr als ständige Selbstbeobachtung
Aus meinem Proseminar hat der Bologna-Prozess ein Optionalmodul gemacht. Das Wort passt zu einer Generation, der die Soziologen so viele Optionen attestieren wie keiner Jugend zuvor. Ein paar Module später ist meine Hypothese falsifiziert: Ihr Um-die-20-Jährigen interessiert euch doch für Politik, aber wir von der alten Schule würden das nicht so nennen. Nein, ich bin nicht kulturpessimistisch. Wir Beobachtungsexperten haben zu wenig hingeschaut. Wir müssen lernen, nicht nur ihr.
Es langweilt euch, Menschen und Ideen beim Mächtigwerden zuzusehen. Politik begreift ihr als ständige Selbstbeobachtung. Ihr lest nicht das Interview mit der Bundesfamilienministerin, sondern die Neon-Titelgeschichte »Wann möchtest du ein Kind?« Ihr geht nicht zur Gewerkschaftskundgebung für den Mindestlohn, aber vielleicht zum Flashmob »Stürmt die nächste McDonald’s-Filiale«. Ihr wolltet nicht wissen, ob Christian Wulff mit seinen Urlauben für lau das Amt des Bundespräsidenten beschädigt hat, ihr habt euch auf der Seite »Übernachte bei Bettina Schausten« getummelt. Die arabische Revolution hat euch elektrisiert, weil die Bilder dieses Mädchen mit dem blauen BH um die Welt gingen. Sie war so alt wie ihr, und der BH hätte von H&M sein können.
Ihr wollt nichts von Emotionalisierung und Personalisierung hören. Ihr wollt fühlen. Ihr trinkt dauernd fürs Körperfeeling. Und auch Politik muss so süffig sein, dass sie euren emotionalen Durst stillt. Politik ist das, was ihr dazu macht, weil es euch persönlich angeht. Ihr seid der Star, nicht der Minister, der EU-Kommissar, nicht einmal die Kanzlerin. Ihr wollt nicht die Macht verstehen, ihr wollt euch verstanden wissen. Damit seid ihr rebellischer als all die Jugendstudien behaupten, die euch zur unpolitischen Generation erklären.
Als Parteienforscher noch von der Amerikanisierung der Wahlkämpfe schwadronierten, habt ihr eine neue Partei zu Wasser gelassen, deren Spitzenkandidaten nicht zu Pop-Hymnen in den Saal einziehen. Eine Partei, die sich durch Nicht-Inszenierung inszeniert, die einfach nur da ist. Eure Piraten machen uns ratlos, auch wenn wir dauernd als Experten bei Phoenix auftreten.
Vor einigen Wochen habe ich im Optionalmodul über die Barschel-Affäre und das journalistische Selbstverständnis referiert. Zur PowerPoint-Präsentation gehörte auch der stern-Titel mit dem Foto des toten Politikers in der Badewanne. Ich habe euch angeschaut. In meinem Blick lag jene Frage, die früher nur Sportreporter stellten. »Und, wie fühlt ihr euch jetzt?« Ihr habt tatsächlich auf die Leinwand mit dem Barschel-Bild geblickt. Einer von euch sagte: »Ich fühle mich an die Hinrichtung Saddam Husseins erinnert. An solche Titelbilder habe ich mich gewöhnt.«
Das klang kalt, aber mir wurde warm ums Herz. Wahrscheinlich müssen wir Lehrenden uns verabschieden von den Kanzlern in der richtigen Reihenfolge. Von den großen Polit-Affären und den noch größeren Ismen der politischen Ideengeschichte. Von all dem, was noch in der Studienordnung steht und in den Politikteilen der Zeitungen. Das einzige Standardwerk zur Regierungslehre, das ihr lesen würdet, müsste heißen: »Ich. Und das Regierungssystem der Bundesrepublik«.
Soll ich Widerstand leisten oder vor euch kapitulieren? Ich werde versuchen, doch noch etwas für die Kanzler zu kämpfen. Ich werde euch erzählen, was tief in mir vorging, damals im Oktober 1982, als Helmut Kohl Bundeskanzler wurde. Dann werdet ihr spüren, was ein konstruktives Misstrauensvotum ist.









... heute ist es eben die Wasserflasche. Wo liegt das Problem?
Ihr selbstgerechter Artikel repräsentiert genau das Problem, das sie hier versuchen anprangern: Die Teilnahmslosigkeit der Zuhörer an Ihrer Veranstaltung. Genau das, was uns von den meisten Berufspolitikern (das ist im übrigen Ihre Generation) tagtäglich im Parlament vorgelebt wird. Es wird am iPad rumgespielt, gequasselt oder Zeitung gelesen. Aber nur, wenn nicht gerade ein langes Wochenende ansteht, denn dann kommen die meisten nämlich gar nicht erst. Das ist leider alles andere als gelebtes Vorbild.
Es gibt leider keine Herbert Wehners mehr, sondern nur noch Patrick Dörings, deswegen ist die Zeit der leidenschaftlichen Debatten leider vorbei. Es fehlen Charaktere, die etwas bewegen wollen und die Visionen haben, stattdessen haben wir Politiker, die sich in einer Partei hochgedient haben und irgendwann zwangsläufig auf einem dicken Posten enden. Das geht natürlich leichter, wenn man sich davor noch irgendeinen hübschen, akademischen Titel "organisiert" hat. All das können Sie aber nicht Ihren Studenten mit ihren Plastikflaschen ankreiden, die auf dieses System getrimmt werden, da müssen Sie sich leider an die eigene Nase fassen.
Es ist schon fast ironisch. Das Seminar heißt Dissidenz- Emanzipation- Widerstand. Doch dass beispielsweise an Enzensbergers „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ etwas nicht stimmen kann, merkt man spätestens wenn man ein Referat darüber hält. Diskussionsbedarf gibt es keinen und Meinungen zu gestellten Fragen auch nicht, zumindest werden keine kommuniziert. Diesmal geht es nicht um den gerne als „Bild-Leser“ Betitelten, der immer dann konstruiert wird, wenn der Stereotyp eines Blödmann gefunden werden muss, um zu erklären, warum die Gesellschaft so ist wie sie ist. Die Partizipierenden dieser schweigenden Diskussion sind Studenten. Junge Menschen, die einem hohen Bildungsgrad entgegen streben, in einer Situation, die selten so offen und frei die Möglichkeit bot zu Wort zu kommen, wie heute. Doch statt herrschaftsfreiem Diskurs herrscht Stille. Einen Exproprieteur, den es zu exproprietieren gilt hat das Medium Sprache nicht und wenn es in der Urform, der interpersonalen Kommunikation, nicht funktioniert emanzipierte Meinungen hervorzubringen, dann wundert es kaum, dass es bei komplizierteren Kommunikationsprozessen, beispielsweise denen der neuen Medien auch nicht klappt.
Weswegen Web 2.0 nicht die große Revolution bringt und warum Selbstorganisation im Internet in naher Zukunft weder Nationalstaaten auflöst noch die Individuen aus dem kapitalistischen Diktat befreit, hat vermutlich dieselben Gründe, weshalb in großer öffentlicher Runde niemand zu einem Kommentar im Stande ist. Und diese gehen weit über die Produktions- und Bildungsbedingungen hinaus.
Es ist schon fast ironisch. Das Seminar heißt Dissidenz- Emanzipation- Widerstand. Doch dass beispielsweise an Enzensbergers „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ etwas nicht stimmen kann, merkt man spätestens wenn man ein Referat darüber hält. Diskussionsbedarf gibt es keinen und Meinungen zu gestellten Fragen auch nicht, zumindest werden keine kommuniziert. Diesmal geht es nicht um den gerne als „Bild-Leser“ Betitelten, der immer dann konstruiert wird, wenn der Stereotyp eines Blödmann gefunden werden muss, um zu erklären, warum die Gesellschaft so ist wie sie ist. Die Partizipierenden dieser schweigenden Diskussion sind Studenten. Junge Menschen, die einem hohen Bildungsgrad entgegen streben, in einer Situation, die selten so offen und frei die Möglichkeit bot zu Wort zu kommen, wie heute. Doch statt herrschaftsfreiem Diskurs herrscht Stille. Einen Exproprieteur, den es zu exproprietieren gilt hat das Medium Sprache nicht und wenn es in der Urform, der interpersonalen Kommunikation, nicht funktioniert emanzipierte Meinungen hervorzubringen, dann wundert es kaum, dass es bei komplizierteren Kommunikationsprozessen, beispielsweise denen der neuen Medien auch nicht klappt.
Weswegen Web 2.0 nicht die große Revolution bringt und warum Selbstorganisation im Internet in naher Zukunft weder Nationalstaaten auflöst noch die Individuen aus dem kapitalistischen Diktat befreit, hat vermutlich dieselben Gründe, weshalb in großer öffentlicher Runde niemand zu einem Kommentar im Stande ist. Und diese gehen weit über die Produktions- und Bildungsbedingungen hinaus.
Frau Prof. Dr. Florin beschreibt in ihrem Artikel die Problematik ihrer Hochschullehre und hinterfragt die Passivität der Studierenden. Leider finden sich nur wenige Hinweise zur Gestaltung der Lehre in ihren Veranstaltungen. So berichtet sie, dass die Studierenden ihre Aussagen nicht kritisch hinterfragen und die Textstellen in ihrem Proseminar nicht weiterlesen. Für mich stellt sich die Frage: Werden die Studierenden durch Themen zur Mitarbeit aktiviert, die ihrem Interessen entsprechen? Schließlich ist der 68er-Vergleich ein Paradebeispiel. Werden die Ziele der Dozentin transparent gemacht? Werden die Studierenden zur Mitarbeit aufgefordert? Erst wenn solche beispielhaften Fragen beantwortet werden können, kann auch davon ausgegangen werden, dass die fehlende Performance den Studierenden zugeschrieben werden sollte. Allerdings stellt schon die Immatrikulation einen Beweis für ein Interesse an den Inhalten dar. Zugleich ist dieses Interesse jedoch zumeist aktualitätsbezogen, wozu nur wenige Beispiele der Dozentin gehören.
auch wirklich das erste Mal, dass ich lese, dass sich jemand über das Trinken von Wasser beschwert.
Es ist schon fast ironisch. Das Seminar heißt Dissidenz- Emanzipation- Widerstand. Doch dass beispielsweise an Enzensbergers „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ etwas nicht stimmen kann, merkt man spätestens wenn man ein Referat darüber hält. Diskussionsbedarf gibt es keinen und Meinungen zu gestellten Fragen auch nicht, zumindest werden keine kommuniziert. Diesmal geht es nicht um den gerne als „Bild-Leser“ Betitelten, der immer dann konstruiert wird, wenn der Stereotyp eines Blödmann gefunden werden muss, um zu erklären, warum die Gesellschaft so ist wie sie ist. Die Partizipierenden dieser schweigenden Diskussion sind Studenten. Junge Menschen, die einem hohen Bildungsgrad entgegen streben, in einer Situation, die selten so offen und frei die Möglichkeit bot zu Wort zu kommen, wie heute. Doch statt herrschaftsfreiem Diskurs herrscht Stille. Einen Exproprieteur, den es zu exproprietieren gilt hat das Medium Sprache nicht und wenn es in der Urform, der interpersonalen Kommunikation, nicht funktioniert emanzipierte Meinungen hervorzubringen, dann wundert es kaum, dass es bei komplizierteren Kommunikationsprozessen, beispielsweise denen der neuen Medien auch nicht klappt.
Weswegen Web 2.0 nicht die große Revolution bringt und warum Selbstorganisation im Internet in naher Zukunft weder Nationalstaaten auflöst noch die Individuen aus dem kapitalistischen Diktat befreit, hat vermutlich dieselben Gründe, weshalb in großer öffentlicher Runde niemand zu einem Kommentar im Stande ist. Und diese gehen weit über die Produktions- und Bildungsbedingungen hinaus.
Ich würde mir gerne darüber und darüber hinaus ein paar Gedanken machen, nur leider wird mein Studium für einen Master Philosophie nicht anerkannt. Wie es scheint sind den Unis die geradlinigen Creditabsitzer immer noch am liebsten. Schade, dass es in der akademischen Landschaft nicht möglich ist, dass ein Kunstwissenschaftler sein Interesse für Philosophie, eine Psychologin ihre Leidenschaft für Literatur und ein Ingenieur seinen Wissenshunger über Osteuropa vertiefen können. Wenn statt irgendwelcher Credits auch Interesse zählen würde, wären die Seminare vielleicht spannender. Diskussion muss man eben auch zulassen. Wir würden im Vorlesungssaal gerne mitmachen. Und zwar nicht beim Wassertrinken.
Ich würde mir gerne darüber und darüber hinaus ein paar Gedanken machen, nur leider wird mein Studium für einen Master Philosophie nicht anerkannt. Wie es scheint sind den Unis die geradlinigen Creditabsitzer immer noch am liebsten. Schade, dass es in der akademischen Landschaft nicht möglich ist, dass ein Kunstwissenschaftler sein Interesse für Philosophie, eine Psychologin ihre Leidenschaft für Literatur und ein Ingenieur seinen Wissenshunger über Osteuropa vertiefen können. Wenn statt irgendwelcher Credits auch Interesse zählen würde, wären die Seminare vielleicht spannender. Diskussion muss man eben auch zulassen. Wir würden im Vorlesungssaal gerne mitmachen. Und zwar nicht beim Wassertrinken.
Ich würde mir gerne darüber und darüber hinaus ein paar Gedanken machen, nur leider wird mein Studium für einen Master Philosophie nicht anerkannt. Wie es scheint sind den Unis die geradlinigen Creditabsitzer immer noch am liebsten. Schade, dass es in der akademischen Landschaft nicht möglich ist, dass ein Kunstwissenschaftler sein Interesse für Philosophie, eine Psychologin ihre Leidenschaft für Literatur und ein Ingenieur seinen Wissenshunger über Osteuropa vertiefen können. Wenn statt irgendwelcher Credits auch Interesse zählen würde, wären die Seminare vielleicht spannender. Diskussion muss man eben auch zulassen. Wir würden im Vorlesungssaal gerne mitmachen. Und zwar nicht beim Wassertrinken.
Liegt es an der Themenwahl? Es sind wieder dramatische Zeiten (vergleichbar mit den frühen 90ern). Die Welt wird in 10 Jahren anders aussehen als heute: In Europa stehen wir am Abgrund - die nächsten Wochen und Monate werden gigantische Umwälzungen bringen. Auch global verschieben sich die Gewichte. Dagegen erscheint die (Nicht)amerikanisierung des deutschen Regierungssystems wie völlig belanglose und uninteressant Regionalpolitik. Ich würde da auch einschlafen.
Sehr geehrte Frau Florin,
wer gibt Ihnen das Recht, auf der Basis einer Ihrer Lehrveranstaltungen eine ganze Generation als egozentrisch & unreklektiert darzustellen? Wenn Sie sich kritische Fragen wünschen, müssen Sie sich auch diese gefallen lassen.
Ich studiere Politikwissenschaft und fühle mich durch die pathetische direkte Anrede in Ihrem Artikel angesprochen - ja beleidigt. Nun studiere ich nicht in Bonn, aber ich kenne in meinem Studiengang keine/n einzige/n KommilitonIn, der/die so tickt, wie sie es bei Ihren Studenten vermuten. Ich studiere, weil mich politische und gesellschaftliche Zusammenhänge, die Möglichkeit von Frieden und Partizipation interessieren. Und ich erlebe dies auch bei meinen Kommilitonen.
Allerdings habe ich unsere Dozenten auch noch nie derartig hahnebüchene Zusammenhänge wie den von ihnen hier dargestellten konstruieren gehört. Das Wassertrinken lenkt als "rhetorischer Trick" davon ab: Ihre "Erkenntnis" beruht auf Ich-bezogenen Überlegungen, einzig gestützt durch eine Unzufriedenheit über die Beteiligung an Ihrer Uni in Ihrer Veranstaltung. Es tut mir leid, dass so deutlich sagen zu müssen, aber Sie sind nicht der Nabel unserer Generation und diese sitzt auch nicht schön repräsentativ 1:1 in Ihrer Veranstaltung.
Wenn Sie tatsächlich wissenschaftliche Diskussionen wünschen, wenn Ihnen Popper so am Herzen liegt, seien Sie doch bitte etwas vorsichtiger und sachlicher (Achtung, Emotionalisierung!) mit Ihren "Argumenten".
So wie Sie es fordern...
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