Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde © Andreas Rentz/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Jahn, der Fall Knud Wollenberger betrifft Sie nicht nur von Amts wegen, sondern auch persönlich. Warum?

Roland Jahn: 1983 hatte die DDR mich ausgewiesen, ich lebte dann in West-Berlin . Ende der achtziger Jahre ereilte Vera ein ähnliches Schicksal, sie durfte ausreisen und dann nicht sofort in die DDR zurück. Knud konnte aber, weil er dänischer Staatsbürger war, jederzeit den SED-Staat verlassen. Wenn Vera und Knud einander sehen wollten, haben sie deshalb manchmal in meiner Kreuzberger Wohnung übernachtet, in der Görlitzer Straße. Man kann davon ausgehen, dass Knud auch über mich und unsere Treffen berichtet hat. Meine Wohnung war sehr im Visier der Staatssicherheit. Sie wurde von der Stasi als eine Art Logistik-Zentrale der Opposition angesehen, und man hatte großes Interesse daran, herauszufinden, was dort passierte.

ZEIT: Wann haben Sie erfahren, dass Knud Wollenberger seine eigene Ehefrau bespitzelt hat?

Jahn: Der Fall ist quasi mit Gründung der Stasi-Unterlagenbehörde bekannt geworden. 1991 hörte man erste Gerüchte, bald haben dann die Akten bestätigt, dass die Gerüchte wahr sind. Es war erschreckend, aber auch hilfreich. Der Fall zeigte, welchen Wert das hat: in die Akten schauen zu können. Wie sehr die Akten helfen können, Klarheit zu schaffen.

ZEIT: Es wurde einer der bekanntesten Stasi-Fälle.

Jahn: Weil er so unvorstellbar ist: Da war ein Ehemann bereit, seine Frau zu verraten! Seine Frau geradezu mit der Stasi zu betrügen. Es ist immer bewegend, wenn es um engste zwischenmenschliche Beziehungen geht: Den Verrat durch den besten Freund, durch die Ehefrau, die eigenen Kinder oder Eltern. Das sind die Fälle, die das Perfide am Wirken dieser Staatssicherheit besonders illustrieren. Sie zeigen, dass die Stasi vor den intimsten Verhältnissen nicht zurückschreckte. Man kann an diesem Fall sehr gut vermitteln, wie weit die Staatsmacht es getrieben hat; dass sie eingedrungen ist in den kleinsten Teil der Gesellschaft: in die Familie.

ZEIT: Wie typisch ist der Fall Wollenberger? 

Jahn: Ich kann Ihnen dazu nur sagen, dass es zuletzt 189.000 Spitzel gab. Und wenn Sie mich jetzt fragen, wie viele davon auf die eigene Ehefrau angesetzt waren, sage ich Ihnen: die allerwenigsten. Der Fall Wollenberger ist eine Zuspitzung des gesamten perfiden Systems.

ZEIT: Hat es zwei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR noch Sinn, diese Geschichte zu erzählen?

Jahn: Es hat immer Sinn, solche Geschichten zu erzählen, weil wir aus ihnen lernen. Es reicht nicht, nur zu wissen, was passiert ist. Wir müssen erfahren, wie es dazu gekommen ist. Wie es passieren konnte, dass ein Mensch seine Ehefrau an die Stasi verrät. Insofern geht es um sehr grundsätzliche Fragen, die weit über die Stasi-Aufarbeitung hinausgehen: Wie leben Menschen miteinander? Warum ist jemand bereit, andere zu betrügen? Welche Werte halten wir hoch?

ZEIT: Ist es legitim, die Geschichte des Ehepaars Wollenberger aus der Tätersicht zu erzählen?

Jahn: Ja, weil zur Aufarbeitung auch der Täter gehört. Es ist wichtig, nicht immer nur die Akten über ihn sprechen zu lassen, sondern auch den Menschen selbst zu hören, ihn nicht aus der Verantwortung für seine Tat zu entlassen.