Stasi-Fälle : "Knud hat Reue gezeigt"

Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, über Knud Wollenberger, der einst als IM seine eigene Ehefrau verriet – und die Frage, wann eine Entschuldigung glaubhaft ist
Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde © Andreas Rentz/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Jahn, der Fall Knud Wollenberger betrifft Sie nicht nur von Amts wegen, sondern auch persönlich. Warum?

Roland Jahn: 1983 hatte die DDR mich ausgewiesen, ich lebte dann in West-Berlin . Ende der achtziger Jahre ereilte Vera ein ähnliches Schicksal, sie durfte ausreisen und dann nicht sofort in die DDR zurück. Knud konnte aber, weil er dänischer Staatsbürger war, jederzeit den SED-Staat verlassen. Wenn Vera und Knud einander sehen wollten, haben sie deshalb manchmal in meiner Kreuzberger Wohnung übernachtet, in der Görlitzer Straße. Man kann davon ausgehen, dass Knud auch über mich und unsere Treffen berichtet hat. Meine Wohnung war sehr im Visier der Staatssicherheit. Sie wurde von der Stasi als eine Art Logistik-Zentrale der Opposition angesehen, und man hatte großes Interesse daran, herauszufinden, was dort passierte.

ZEIT: Wann haben Sie erfahren, dass Knud Wollenberger seine eigene Ehefrau bespitzelt hat?

Roland Jahn

geboren 1953 in Jena, wurde von der DDR 1983 als Oppositioneller ausgewiesen. Danach unterstützte er von West-Berlin aus die Bürgerrechtsbewegung und berichtete für ARD und ZDF über das SED-Regime. Nach der Wende ARD-Redakteur, im Januar 2011 als Nachfolger von Marianne Birthler zum Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gewählt

Jahn: Der Fall ist quasi mit Gründung der Stasi-Unterlagenbehörde bekannt geworden. 1991 hörte man erste Gerüchte, bald haben dann die Akten bestätigt, dass die Gerüchte wahr sind. Es war erschreckend, aber auch hilfreich. Der Fall zeigte, welchen Wert das hat: in die Akten schauen zu können. Wie sehr die Akten helfen können, Klarheit zu schaffen.

ZEIT: Es wurde einer der bekanntesten Stasi-Fälle.

Jahn: Weil er so unvorstellbar ist: Da war ein Ehemann bereit, seine Frau zu verraten! Seine Frau geradezu mit der Stasi zu betrügen. Es ist immer bewegend, wenn es um engste zwischenmenschliche Beziehungen geht: Den Verrat durch den besten Freund, durch die Ehefrau, die eigenen Kinder oder Eltern. Das sind die Fälle, die das Perfide am Wirken dieser Staatssicherheit besonders illustrieren. Sie zeigen, dass die Stasi vor den intimsten Verhältnissen nicht zurückschreckte. Man kann an diesem Fall sehr gut vermitteln, wie weit die Staatsmacht es getrieben hat; dass sie eingedrungen ist in den kleinsten Teil der Gesellschaft: in die Familie.

ZEIT: Wie typisch ist der Fall Wollenberger? 

Jahn: Ich kann Ihnen dazu nur sagen, dass es zuletzt 189.000 Spitzel gab. Und wenn Sie mich jetzt fragen, wie viele davon auf die eigene Ehefrau angesetzt waren, sage ich Ihnen: die allerwenigsten. Der Fall Wollenberger ist eine Zuspitzung des gesamten perfiden Systems.

ZEIT: Hat es zwei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR noch Sinn, diese Geschichte zu erzählen?

Jahn: Es hat immer Sinn, solche Geschichten zu erzählen, weil wir aus ihnen lernen. Es reicht nicht, nur zu wissen, was passiert ist. Wir müssen erfahren, wie es dazu gekommen ist. Wie es passieren konnte, dass ein Mensch seine Ehefrau an die Stasi verrät. Insofern geht es um sehr grundsätzliche Fragen, die weit über die Stasi-Aufarbeitung hinausgehen: Wie leben Menschen miteinander? Warum ist jemand bereit, andere zu betrügen? Welche Werte halten wir hoch?

ZEIT: Ist es legitim, die Geschichte des Ehepaars Wollenberger aus der Tätersicht zu erzählen?

Jahn: Ja, weil zur Aufarbeitung auch der Täter gehört. Es ist wichtig, nicht immer nur die Akten über ihn sprechen zu lassen, sondern auch den Menschen selbst zu hören, ihn nicht aus der Verantwortung für seine Tat zu entlassen.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

na ja

"Der Fall Wollenberger ist eine Zuspitzung des gesamten perfiden Systems."

gut das der mann durch akteneinsicht bei CIA, Mossad oder DGSE (franzosen) uns diese vergleichende wertung anbieten kann.
ein depp wie ich war doch der meinung, das geheimdienste grundsätzlich perfide sind, menschen manipulieren, bespitzeln, erpressen oder aus dem verkehr ziehen.

also nur die stasi, na gott sei dank ...

Aus der Geschichte lernen

Ich denke die Betrachtung der Stasi leistet einen wichtigen Beitrag dabei, zu verstehen wie weit Menschen in solchen Systemen zu gehen bereit sind. Und es dient als Warnung, dass es immer wieder so weit kommen kann, wenn man nicht wachsam ist.

Wir erleben derzeit in der Tat einen Rückgang der Menschenrechte in den meisten westlichen Ländern. Aber die Situation bereits mit der DDR gleichzusetzen ist verfrüht.

na ja

inwiefern diese art der stasiaufarbeitung einen beitrag leistet, lassen wir mal dahingestellt.

aber darauf zielte mein kommentar nicht.

es ging um die bewertung.
es ist schlicht manipulation die stasi als was besonderes herauszustellen, ohne das ein vergleich mit anderen geheimdiensten in der gleichen transparenz erfolgt ist.
arbeiten diese genauso oder schlimmer?
wenn ja verlangt die logik des stasibeauftragten, dass dann die staaten in denen sie tätig sind, perfide systeme sind.

die wertung von dem guten man ist also keine, sondern nur populismus, sein bild zu bedienen, die anderen bilder kennt er gar nicht.

Das ist eine unangebracht seltsame Relativierung ...

... nach dem kindischen Schema "Die anderen waren aber auch böse!"... (Ein beliebtes Argument bei Leuten, die sich selbst entlasten wollen.) Bei der Stasiaufarbeitung geht es aber darum, was WIR in UNSERER Gesellschaft falsch gemacht haben. Dass es andernorts auch viel Übles gab und gibt, kann zunächst kein Maßstab sein beim Nachdenken über unsere eigene Geschichte, unsere eigenen Fehler. Gerade im Bezug auf den Ausnahmefall der Wollenbergers ist das auch weder angebracht noch nötig.

es ist gut das man darauss gelernt hat,

das nazischergen in der jungen brd in den grossen volksparteien, justitzverwaltungen und wirtschaft ihre rückendeckungen fanden und nun das thema der wendehälse genauer angeht. es bleibt aber auch hier ein fader beigeschmack von westlicher sieger- und scheinjustiz.
Schalck-Golodkowski ist nur ein beispiel, er wusste einfach zuviel über brd internas. es würde spannend werden das stasi-unterlagenbehördenschema auf das heutige deutschland anzuwenden

Das System, das System

Das ist immer schlecht. :-)

Entsetzlich ist, zu was Menschen fähig sind, und zwar völlig unabhängig vom System.

Raionalisierungen, Verweis auf Ziele, Strukturen,Ideologien dienen der Ablenkung und letzlich Rechtfertigung eines unethischen Verhaltens, für das es eine INDIVIDUELLE Verantwortung gibt. Schon Kain hat sich seiner eigenen Verantwortung und Schuld nicht gestellt.