Kann es denn angehen, dass nicht ganz vier Jahre nach der großen Krise der Finanzkoloss JPMorgan Chase zwei Milliarden Dollar einfach so verliert? Ausgerechnet mit Kreditderivaten, jenen Papieren, die schon in der Finanzkrise eine wesentliche Rolle spielten? Haben die Banken immer noch nichts gelernt?

Man kann es sich leicht machen, die Frage mit »Nein!« beantworten und dann noch ein bisschen über die Gier der Banker schimpfen. Die richtige Antwort ist aber eine andere: Milliardenverluste wie diese stecken im System der internationalen Hochfinanz einfach drin. Sie sind dort fest angelegt. Sie gehören dazu. Und wir alle müssen uns damit abfinden.

JPMorgans geplatzte Wette ist auch nur der jüngste in einer Reihe von Milliardenverlusten der letzten Jahre. Schon kurz nach der Pleite von Lehman Brothers, die die Finanzkrise auslöste, schockierte Société Générale die Welt mit einem Verlust von 4,9 Milliarden Euro, verursacht durch einen Trader namens Jérôme Kerviel. Vergangenen September musste die Schweizer UBS einräumen, dass unzulässige Transaktionen eines Händlers den Konzern 2,3 Milliarden Dollar gekostet hatten.

In jenen zwei Fällen konnte man sich sogar noch damit trösten, dass die betreffenden Händler gegen Vorschriften verstoßen hatten. Diesmal ist das offenbar anders.

All diese Vorfälle zeigen, wie schwierig es ist, in der Welt des Mega-Money noch die Kontrolle zu behalten. Ausgerechnet JPMorgan galt als die große Ausnahme, die einzige führende Bank, die nahezu ohne Blessuren durch die Hypothekenmisere kam. CEO Jamie Dimon war so überzeugt von sich und seinem Management, dass er in Washington und London gegen neue Regulierung agitierte. Obamas Finanzreform nannte er »völlig überdreht«. Dimon fühlte sich auch deshalb so sicher, weil JPMorgan als besonders stark im Risikomanagement galt.

Tatsächlich hat JPMorgan in den neunziger Jahren eine Methode entwickelt, um Risiko messbar zu machen. Beim Value at Risk System – kurz VaR – werden alle offenen Handelspositionen der Bank analysiert. Per Computermodell wird eine Prognose erstellt, wie hoch der maximale potenzielle Tagesverlust ausfallen würde, wenn die Position sich als Fehler erweisen sollte. Das System legt Erfahrungswerte und Wahrscheinlichkeitsrechnungen zugrunde. Es wurde zum Branchenstandard. Auch Regulierern gefiel das Konzept.

Nun hatten Kritiker schon immer davor gewarnt, solchen Systemen allzu sehr zu vertrauen. Viele Risiken in der heutigen Hochfinanz fallen einfach nicht mehr in die bekannten Muster, denen statistische Abschätzungen zugrunde liegen; viele historische Daten taugen nicht mehr als Maßstab für heute. So entstehen immer wieder Risiken, mit denen keiner rechnen kann. Sie können eine ganze Bank implodieren lassen. Lehman ist das beste Beispiel.