Katholische Kirche : Welchen Aufbruch brauchen wir?

Diese Woche fahren Kirchenvolk, Pastoren und Theologen zum Katholikentag nach Mannheim, um über die Zukunft ihrer Kirche zu diskutieren. Fünf Katholiken erklären, was jetzt dringend nottut.

Streit anfangen

Gott spricht. Zu den Menschen, oft mit ihnen, selten über sie. Im Ruf nach Aufbruch ist viel von Dialog und Gesprächskultur zu hören. Damit das aber funktioniert, gilt es, den psychotherapeutischen Leitsatz ernst zu nehmen: "Störungen haben Vorrang!" Im Nichtaussprechen der Spannungen steckt heute eine große Gefahr für die Kirche. Falsch ist, sich gegenseitig anzuschweigen, weil man sich nichts mehr zu sagen hat; weil man nur noch übereinander, nicht mehr miteinander spricht. Doch theologisch gehaltvolles Streiten will gelernt sein. Denn vor die allzu gefällige Polemik hat der liebe Gott das Argument gesetzt.

Als Theologin erstaunt mich, wie das Handeln der Basis, aber auch der Kirchenleitungen in den letzten Jahren zur theologiefreien Zone mutiert ist. Man wünschte sich wirklich die Zeiten des Zweiten Vatikanischen Konzils zurück. Was wäre dieses Reformkonzil gewesen ohne das bessere theologische Argument? Am meisten ärgert mich die (auch bei mir bisweilen anzutreffende) Larmoyanz. Die einen jammern, dass ihr theologisches Argumentieren ins Leere zu laufen scheint, die anderen beklagen eine "zunehmende Ungläubigkeit oder Nichtkirchlichkeit" wissenschaftlicher Theologie. Ist ihnen aufgefallen, dass das eine mit dem anderen zusammenhängen könnte?

Die Pluralität im Eigenen – gute und lange Tradition der katholischen Kirche – wird im konfessionellen Zeitalter zu einer Einheitsideologie reduziert. Die Fähigkeit zum Streit und zur Differenzierung geht verloren. Pluralität wird zum Kennzeichen des "Fremden", Nicht-Katholischen. Deshalb gilt es jetzt, eine Binnenvielfalt wiederzuentdecken, die das Eigene und das Fremde nicht als jeweils monolithischen Block versteht, sondern als plurales Spektrum an Positionen respektiert, denen man von vornherein Legitimität zuspricht. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um Pluralismus, sondern um eine Wertschätzung der Pluralität ohne Preisgabe der Verbindlichkeit des Denkens. Monotonie war nie der Stil Gottes; anything goes auch nicht.

Deshalb gilt es, Räume zu schaffen, in denen die unterschiedlichen Meinungen offen ausgesprochen und der darüber notwendige Streit ebenso offen ausgetragen werden kann. Erst dort, wo die ständige Herausforderung des Eigenen durch das Andere zur Selbstverständlichkeit geworden ist, ist eine umfassende, eben "katholische" Sicht der Dinge möglich. Wo die Gräben so tief sind, dass man nicht mehr miteinander reden will, müssen verbindliche Dialogstrukturen das Miteinander regeln. Denn an unserer Fähigkeit zum Gespräch über die Gräben hinweg wird sich entscheiden, ob wir noch eine Kirche sind.

Johanna Rahner, 48, ist Professorin für Systematische Theologie in Kassel

Tradition hochhalten

Auch wenn es seltsam klingen mag, möchte ich es hier sagen: Wir brauchen einen Aufbruch der katholischen Kirche hin zur Tradition. Wir brauchen eine Alternative zum Zeitgeist. Seltsam klingt die Forderung deswegen, weil jene bischöflichen Kräfte, die dem Papst strikt folgen, sowie ihre medialen Apologeten von Mosebach über Seewald bis Matussek alle Aufbruchsversuche mit dem Argument zu ersticken versuchen, man könne schließlich nicht jeder zeitgeistigen Mode folgen.

Aber nichts anderes tun Papst Benedikt und die Seinen, wenn sie etwa die Piusbrüder und mit ihnen den ganzen Mummenschanz des liturgischen und pastoralen 19. Jahrhunderts wiederaufleben lassen. Wenn sie einen Katholizismus hochjubeln, der sich in längst verblichenen Glanz flüchtet. Wenn sie weihrauchschweren Träumen huldigen von brokatgeschmückten Fronleichnamsprozessionen über rosarote Blumenteppiche. Nichts anderes tut die katholische Kirche, wenn sie sich in die vermeintliche Sicherheit eines katholischen Ghettos zurückzieht, weitab von der "bösen Welt". Oder wie es Benedikt XVI. in seiner Freiburger Konzerthausrede ohne jede Verklausulierung forderte: "Die wahre Entweltlichung finden, die Weltlichkeit der Kirche beherzt ablegen!"

Zeitgeistiger aber ließe es sich gar nicht postulieren. Denn unsere Zeit zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man sich vor der Komplexität der Gegenwart in eine vermeintlich heile Vergangenheit zurückzieht. "Konservativ liegt voll im Trend", lautete der erfolgreiche Slogan einer österreichischen Großbank mitten in der Wirtschaftskrise. Der kirchliche Retro-Kult erweist sich als zombiehafte Anbiederung an diesen "Trend", an eine gesellschaftliche wieder hoffähig gewordene Retro-Welle.

Was bei einer Bank funktionieren mag, ist jedoch für eine Kirche fatal. Wer wirklich dem Zeitgeist etwas entgegensetzen will, braucht jenes überzeitliche Programm der "ecclesia semper reformanda", das die Vorgänger Benedikts umtrieb. Damals öffnete Papst Johannes XIII. die Fenster der Kirche weit zum sogenannten aggiornamento. Das Zweite Vatikanische Konzil betonte die verstehende und liebende Zuwendung zur Welt des Menschen und machte die Menschwerdung Gottes zum Mittelpunkt ihres Denkens. "Aufbruch" darf nicht Restauration sein, sondern heißt gegenseitige Bereicherung von Kirche und Welt, von Glaube und Vernunft, von biblischen Überlieferungen und moderner Wissenschaft. Nur ein Aufbruch in lebendiger Tradition kann die katholische Kirche davor bewahren, sich demnächst in eine fundamentalistische Großsekte zu transformieren.

David Berger, 44, ist Theologe und Philosoph. In dem Bestseller "Der heilige Schein"geißelte er die Schwulenfeindlichkeit der katholischen Kirche

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

54 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Die Kirche

sollte aufhören immer gegen Nicht-Gläubige, Kondom und andere Dinge wetten, sondern gegen Ungerechtigkeit der Wirtschaft und Politik gegenüber dem Menschen, der ja als das Höchste überhaupt angesehen wird, dessen Induvidualität und Freiheit oft mit Füssen getreten wird von den Mächtigen dieser Welt.
Dann sollte noch von der Kirche ein Zeichen gesetzt werden, die Erde, die ja Laut der Bibel von Gott erschaffen wurde vor der Zerstörung zu bewahren, denn ich glaube wenn Gott nochmal etwas mehr hinsehen würde, würde er erschrecken vor der Zerstörungswut seiner SChöpfung gegenüber dem Planeten.

Bitte liebe Kirche und Kirchenanhänger, legt die Rosarote Brille ab und seht die Wahrheit, in der die Welt steckt. Eurer Gott würde es euch bestimmt negativ anrechnen, wenn ihr ihn zwar dauerhaft anbetet, aber das wirklich Böse in der Welt überseht.
Ich hoffe ihr stimmt mir zu.

@ 47 CCWW

Welche Glocken denn? Die Parteiglocken oder die Militanzglocken?

Nicht mal die Beauftragten und Hochbezahlten aus der Poltik sind in der Lage, die Misstände zu beheben, und der Papst spricht sie mindestens 3 mal im Jahr an.

Und ihm hören mehr zu als den Kleinseelen, die wegen Hartz IV aus der SPD ausgetreten sind, statt zu versuchen Einfluss zu nehmen, um die Zustände zu verändern.

Schnelle Antwort

Die Frage ist schnell beantwortet. Die katholische Kirche steht für alles Mögliche ein - nur nicht für jene, welche sie man nötigsten bräuchten: Die immer größere Zahl der verfolgten Christen weltweit - das permanente Relativieren wird die katholische Kirche überflüssig machen. Dieses zurückhaltende, ja ängstliche Verhalten trägt nicht zum Schutz der Christen bei - wozu braucht man als verfolgter katholischer Christ dann noch solch eine innere Erneuerung, wenn dieser Verein nicht als forderstes Ziel den Schutz seiner Leute sieht? Ein bemerkenswerter Artikel zu diesem Thema hat der Europaabgeordnete und einer der erfolgreichsten Journalisten Italiens, Magdi Cristiano Allam veröffentlicht. Er benennt klar Ross und Reiter:
http://www.blu-news.org/2...

Die Aufsätze sagen es

Die vorstehenden Aufsätze sind dermaßen weit weg vom
Denken normaler Menschen, dass sie uns völlig abgehoben erscheinen müssen. Es ist traurig, dass man mit Leuten der Kirche nicht normal kommunizieren kann: ich habe noch nie erlebt, dass ein Gespräch mit einem Kirchenmenschen auf Logik beruhte, immer musste Jesus oder Gott weiter helfen, wenn es kein logisches Argument mehr gab. Wenn aber irgend etwas Konkretes über Gott oder Jesus evident bekannt sein sollte, wollen wir gewöhnlichen Menschen es auch wissen. Wenn nichts Konkretes über diese Größen bekannt ist, mögen die Kirchenleute Normaldenkende mit Ihren Einlassungen verschonen. Sie sind dann nicht glaub-würdig genug. Man kommt sich dann irgendwie verhöhnt vor. Aus dem konkreten Leben der Menschen (Verhalten, Moral etc) sollte sich jegliche Religion heraushalten, denn damit hat sie nichts zu tun. Re-ligio heißt nichts anderes als Rück-Bindung, und genau dafür sollte Religion sorgen, indem sie ihre Mitglieder immer wieder daran erinnert, was wir Menschen wirklich sind: nämlich GEIST. Unser tägliches Drama geht Kirchenleute nichts an, wenn nicht einmal Gott sich für uns interessiert, während wir hier unsere Rolle spielen. Als Vermittler zwischen Gott und Menschen darf sich niemand aufspielen, es sei denn, er hält sich selbst für etwas anderes als ein Mensch. Gäbe es einen derartigen Vermittler, müsste dieser ja etwas wissen, was er uns "Normalen" verheimlicht. Auf eine Anmaßung dessen aber können wir gut verzichten.

Kirche und Logik

Das Geistige und Religiöse hat und hatte schon immer wenig mit Logik zu tun. Es gab z.B. mit Pascal Leute, die versucht haben, Glauben durch Logik zu erklären, aber grundsätzlich geht das nicht.

Die Fragen, die religiöse Menschen beschäftigen, sind hauptsächlich aus dem Bereich des Transzendenten. Dorthin kommen Sie schon, wenn sie Begriffe wie Bewusstsein oder Freiheit verwenden, die man nicht rational denken kann (wie Kant auch schon feststellen musste). Eine Vorstellung dieser Begriffe lässt sich nur erahnen und fühlen. Wer alles im Leben rational erfassen will, wird daran - wie jeder andere vor ihm - scheitern und verpasst einen ganz wesentlichen Teil des Menschseins. Und genau mit diesem Teil des Menschseins beschäftigen sich "Die Kirchenleute". Wer keine Bereitschaft hat, sich in solche Denkmuster vorzuwagen, kann sich mit "Kirchenleuten" vielleicht über Mathematik unterhalten, aber sicher nicht über Religion.

Aus dem Leben der Menschen hält sich die Kirche heutzutage sowieso heraus. Dennoch basieren Moral und Verhalten auf Werten. Und jedwede Religion hat ihre Werte. Wenn Sie andere Werte haben, ist das doch ok. Nur sollten Sie auch nicht versuchen, der Kirche Ihre eigenen Werte aufzudrücken. Denn auch diese sind ebensowenig absolut. Vielleicht halten sich auch die Kirchenleute für "Normaldenkende". ;-) Was ist normal und was ist Wahrheit?

Bewusstsein, Freiheit und Transzendenz

Das hat nur dann nichts mit Ration und Logik zu tun, wenn man sich weigert, alle Erscheinungen, die wir in unserer Realität als Menschheit und als Individuum wahrnehmen können, in ein Bild zu integrieren. Wenn man dazu bereit ist, kann man auch die Dinge in sein Weltbild integrieren, die gemeinhin als irrational gelten oder transzendent.
Um das zu können, muss man das Schein-Weltbild hinter sich lassen, dass uns die Moderne beschert hat. Es gab zu allen Zeiten Menschen, die "verstanden haben". Heute treffen Sie solche Leute kaum noch, noch nicht einmal in Indien, so verkommen ist unsere Welt geworden.
Wer darüber nachdenken möchte (oder gar forschen), dem empfehle ich, sich als Einstieg dem Bereich "Instinkt" anzunehmen. Dass es "Instinkt" gibt, kann niemand leugnen, und was alles damit zusammen hängt, lässt sich nicht nur erahnen, sondern jeder Mensch kann allein durch Beobachten, Befragen seiner Mitmenschen und Nachdenken eine Menge darüber erfahren. Das Gespräch mit Kirchenleuten habe ich diesbezüglich auch immer gesucht, es endete jedoch stets in altbekannten, immer wiedergekäuten Glaubens-Floskeln. Diese haben uns Menschen jedoch in genau diese missliche Situation gebracht, die wir heute auf unserem Planeten haben.

@ 40 kerle51

"Diese haben uns Menschen jedoch in genau diese missliche Situation gebracht, die wir heute auf unserem Planeten haben."

Ob ich mit jemandem gerne einen Dialog forführen würde, der solche Pauschalen von sich gibt? Ich glaube nicht. Das ist die Crux mancher Kirchenkritiker.

Die kennen oft nicht mal die geographische Verteilung der katholischen Kirche, deren Einflusslosigkeit auf die Finanzmärkte in USA und England, die Konsumfreude in China, und in Afrika hat sie in den härtesten Teilen gar nichts zu sagen.

Aber vom Planeten reden, ohne ihn zu kennen. Und wenn Sie von Instinkten reden. Da haben sie vermutlich nur Kirchnleute der weniger reflektierenden Art kennengelernt.

Instinkt noch zu eindimensional

Zitat > Wer darüber nachdenken möchte (oder gar forschen), dem empfehle ich, sich als Einstieg dem Bereich "Instinkt" anzunehmen. < Zitat Ende

Wenn ich mich auf der Ebene des Instinkts bewege, dann bin ich erst im Bereich Körper-Seele angelangt. Das, was den Menschen erst ausmacht, nämlich, die Fähigkeit der Reflektion und des Nachdenkens über sich selbst, werde ich im Instinkt nicht finden. Dazu muss ich die Ebene des Geistes betreten. Und erst hier werde ich mich auch mit transzendenten Begriffen auseinandersetzen.

Kollektives Unbewusstes

Für mich ist der Instinkt etwas komplett anderes und vom "Transzendentalen" nicht zu unterscheiden. Auf "Geist" haben wir allerdings keinen Zugriff als Wesen dieser Realitätsebene. "Geist" hat etwas mit einer Art "Überseele" zu tun, und da kommen wir nicht ran. Die "Überseele" kann uns als Individuum zwar Tipps geben, aber das ist auch schon alles und mehr würde ich auch nicht erhoffen. "Transzendental" ist für mich ein abgehobener Begriff, ich benötige keine derartigen Einschränkungen, um mich zu definieren. Ich weiss, dass diese gesamte Realität, in der wir zu leben glauben, eine komplette Illusion ist, in der wir perfekt agieren und herumbasteln können. Religion sollte uns daran erinnern, dass wir eigentlich "Geistige Wesen" sind, daher das Wort von Re-ligio=Rückbindung. Das wäre die Aufgabe von "Geistlichen", aber diese sind ausgestorben. Die Erinnerung findet nicht mehr statt, stattdessen gibt es nur sinnentleerte Rituale, Kampf ums Geld und Schein-Religion.

@ 49 @ kerle 51

Sie scheinen ja interessiert an diesen Fragen. Suchen Sie sich die richtigen Geprächspartner in Klöstern oder bei Krankenhausseelsorgern.

Die Geistlichen haben gar keine Zeit mehr, wenn sie jetzt für drei, statt wie früher für eine Gemeinde zuständig sind.

Aber das nicht nur, weil der böse Papst sein Geld verprasst, sondern weil es immer weniger Katholiken gibt. Man tritt aus verweigert sich Geld zu zahlen und beschwert über sich mangelnden Service. Auch da gilt, möglichst billig, aber nicht wegen Armut, sondern wegen einer Ansrpuchshaltung, die alles "mundgerecht serviert haben will. Sogar die Frage nach der Rück- Bindung und dem Sinn des Lebens.

Stärke und Geschlossenheit!

Die Kirche sollte an ihrem Kurs festhalten oder besser noch: ihn sogar verhärten. Keine Zugeständnisse an eine Gesellschaft, deren freiheitliche Errungenschaften im Gegensatz zu den Lehren der Kirche stehen! Das würde doch nur das Dogma verwässern und etwas aufweichen, das immerhin auf dem Felsen Petri gewachsen ist.
Wer mit der Rückständigkeit der Katholischen Kirche unzufrieden ist soll doch austreten! WIeso etwas erneuern, etwas modern machen, das im krassen Gegensatz zur Moderne steht und so offensichtlich nicht erneuerbar ist?
Die Kirche sollte Stärke und Geschlossenheit beweisen. Ratzinger macht das Prima, er kann sich den lieben langen Tag mit Glaubensfragen beschäftigen, die seinen zwangsgetauften Anhängern in ihrem ganzen Leben nicht begegnen werden. Gebt der Reform keine Chance - lasset die Kirche zu einer skurillen kleinen Sekte werden!