Streit anfangen

Gott spricht. Zu den Menschen, oft mit ihnen, selten über sie. Im Ruf nach Aufbruch ist viel von Dialog und Gesprächskultur zu hören. Damit das aber funktioniert, gilt es, den psychotherapeutischen Leitsatz ernst zu nehmen: "Störungen haben Vorrang!" Im Nichtaussprechen der Spannungen steckt heute eine große Gefahr für die Kirche. Falsch ist, sich gegenseitig anzuschweigen, weil man sich nichts mehr zu sagen hat; weil man nur noch übereinander, nicht mehr miteinander spricht. Doch theologisch gehaltvolles Streiten will gelernt sein. Denn vor die allzu gefällige Polemik hat der liebe Gott das Argument gesetzt.

Als Theologin erstaunt mich, wie das Handeln der Basis, aber auch der Kirchenleitungen in den letzten Jahren zur theologiefreien Zone mutiert ist. Man wünschte sich wirklich die Zeiten des Zweiten Vatikanischen Konzils zurück. Was wäre dieses Reformkonzil gewesen ohne das bessere theologische Argument? Am meisten ärgert mich die (auch bei mir bisweilen anzutreffende) Larmoyanz. Die einen jammern, dass ihr theologisches Argumentieren ins Leere zu laufen scheint, die anderen beklagen eine "zunehmende Ungläubigkeit oder Nichtkirchlichkeit" wissenschaftlicher Theologie. Ist ihnen aufgefallen, dass das eine mit dem anderen zusammenhängen könnte?

Die Pluralität im Eigenen – gute und lange Tradition der katholischen Kirche – wird im konfessionellen Zeitalter zu einer Einheitsideologie reduziert. Die Fähigkeit zum Streit und zur Differenzierung geht verloren. Pluralität wird zum Kennzeichen des "Fremden", Nicht-Katholischen. Deshalb gilt es jetzt, eine Binnenvielfalt wiederzuentdecken, die das Eigene und das Fremde nicht als jeweils monolithischen Block versteht, sondern als plurales Spektrum an Positionen respektiert, denen man von vornherein Legitimität zuspricht. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um Pluralismus, sondern um eine Wertschätzung der Pluralität ohne Preisgabe der Verbindlichkeit des Denkens. Monotonie war nie der Stil Gottes; anything goes auch nicht.

Deshalb gilt es, Räume zu schaffen, in denen die unterschiedlichen Meinungen offen ausgesprochen und der darüber notwendige Streit ebenso offen ausgetragen werden kann. Erst dort, wo die ständige Herausforderung des Eigenen durch das Andere zur Selbstverständlichkeit geworden ist, ist eine umfassende, eben "katholische" Sicht der Dinge möglich. Wo die Gräben so tief sind, dass man nicht mehr miteinander reden will, müssen verbindliche Dialogstrukturen das Miteinander regeln. Denn an unserer Fähigkeit zum Gespräch über die Gräben hinweg wird sich entscheiden, ob wir noch eine Kirche sind.

Johanna Rahner, 48, ist Professorin für Systematische Theologie in Kassel

Tradition hochhalten

Auch wenn es seltsam klingen mag, möchte ich es hier sagen: Wir brauchen einen Aufbruch der katholischen Kirche hin zur Tradition. Wir brauchen eine Alternative zum Zeitgeist. Seltsam klingt die Forderung deswegen, weil jene bischöflichen Kräfte, die dem Papst strikt folgen, sowie ihre medialen Apologeten von Mosebach über Seewald bis Matussek alle Aufbruchsversuche mit dem Argument zu ersticken versuchen, man könne schließlich nicht jeder zeitgeistigen Mode folgen.

Aber nichts anderes tun Papst Benedikt und die Seinen, wenn sie etwa die Piusbrüder und mit ihnen den ganzen Mummenschanz des liturgischen und pastoralen 19. Jahrhunderts wiederaufleben lassen. Wenn sie einen Katholizismus hochjubeln, der sich in längst verblichenen Glanz flüchtet. Wenn sie weihrauchschweren Träumen huldigen von brokatgeschmückten Fronleichnamsprozessionen über rosarote Blumenteppiche. Nichts anderes tut die katholische Kirche, wenn sie sich in die vermeintliche Sicherheit eines katholischen Ghettos zurückzieht, weitab von der "bösen Welt". Oder wie es Benedikt XVI. in seiner Freiburger Konzerthausrede ohne jede Verklausulierung forderte: "Die wahre Entweltlichung finden, die Weltlichkeit der Kirche beherzt ablegen!"

Zeitgeistiger aber ließe es sich gar nicht postulieren. Denn unsere Zeit zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man sich vor der Komplexität der Gegenwart in eine vermeintlich heile Vergangenheit zurückzieht. "Konservativ liegt voll im Trend", lautete der erfolgreiche Slogan einer österreichischen Großbank mitten in der Wirtschaftskrise. Der kirchliche Retro-Kult erweist sich als zombiehafte Anbiederung an diesen "Trend", an eine gesellschaftliche wieder hoffähig gewordene Retro-Welle.

Was bei einer Bank funktionieren mag, ist jedoch für eine Kirche fatal. Wer wirklich dem Zeitgeist etwas entgegensetzen will, braucht jenes überzeitliche Programm der "ecclesia semper reformanda", das die Vorgänger Benedikts umtrieb. Damals öffnete Papst Johannes XIII. die Fenster der Kirche weit zum sogenannten aggiornamento. Das Zweite Vatikanische Konzil betonte die verstehende und liebende Zuwendung zur Welt des Menschen und machte die Menschwerdung Gottes zum Mittelpunkt ihres Denkens. "Aufbruch" darf nicht Restauration sein, sondern heißt gegenseitige Bereicherung von Kirche und Welt, von Glaube und Vernunft, von biblischen Überlieferungen und moderner Wissenschaft. Nur ein Aufbruch in lebendiger Tradition kann die katholische Kirche davor bewahren, sich demnächst in eine fundamentalistische Großsekte zu transformieren.

David Berger, 44, ist Theologe und Philosoph. In dem Bestseller "Der heilige Schein"geißelte er die Schwulenfeindlichkeit der katholischen Kirche