Vielleicht wird 2012 im Rückblick einmal als ein besonderes Jahr betrachtet werden. Eines, in dem sich der Blick auf werdendes Leben nachhaltig veränderte. Ähnlich wie 1978, als die Idee des Retortenbabys mit der Geburt von Louise Brown erstmals Realität wurde, könnte 2012 das Jahr sein, in dem die genetische Durchleuchtung der Leibesfrucht zum Standard zu werden begann.

In Kürze wird das Konstanzer Unternehmen LifeCodexx einen Test auf den Markt bringen, den viele als Segen, manche dagegen als Fluch empfinden dürften. Denn der "PraenaTest" soll die frühe Entdeckung von Föten mit Downsyndrom massiv erleichtern. Bereits ab der 12. Schwangerschaftswoche erhalten Eltern und Ärzte eine sichere Auskunft, ob der heranwachsende Mensch von dieser häufigsten Form angeborener geistiger Behinderung betroffen ist. Für die Inspektion des werdenden Lebens reichen ein paar Milliliter Blut der Schwangeren.

Seit rund einem Jahr wird der Test bereits erfolgreich erprobt , nun geht mit seiner Einführung in Deutschland ein lang gehegter Wunsch vieler Frauenärzte in Erfüllung. Denn der Test kann risikobehaftete Eingriffe in den Mutterleib überflüssig machen.

Bisher lassen sich Störungen im Erbgut eines Fötus, wie etwa das Downsyndrom, nur durch invasive Fruchtwasseruntersuchungen oder Gewebeentnahmen zweifelsfrei ausschließen. Allein 31.000 Amniozentesen haben deutsche Krankenkassen 2009 bezahlt. Doch in mindestens einem von 200 Fällen führen die Prozeduren, bei der Mediziner Zellen des Fötus für die Untersuchung gewinnen, zu einer Fehlgeburt. Jahr für Jahr dürften der invasiven Diagnostik einige Hundert gesunde Föten zum Opfer fallen. Mit dem neuen Verfahren, so werben ihre Befürworter, könne die Mutter Gewissheit bekommen, ohne dass sie das Leben ihres Kind riskiert.

Kritiker warnen allerdings, der Test werde nicht nur die Diagnose, sondern auch unseren Umgang mit Risikoschwangerschaften und Behinderung nachhaltig verändern. Was mit der Untersuchung auf Downsyndrom (Trisomie 21) beginnt, könnte sich bald auf andere Erbschäden ausweiten. Die unkomplizierte Anwendung des Bluttests könnte ihn in nicht allzu ferner Zukunft zur Routineuntersuchung werden lassen.

Zudem dürfte ein Abbruch leichterfallen als bisher. Denn das Verfahren kommt in einem Stadium zum Einsatz, in dem die Schwangere – der Fötus wiegt gerade vier Gramm und misst eine halbe Fingerlänge – für ihr Umfeld noch nicht als werdende Mutter erkennbar ist. Die "Schwangerschaft unter Vorbehalt", prognostiziert der Humangenetiker Wolfgang Henn, werde künftig zum sozialen Standard.

Was Schwangere in Deutschland erwartet, hat jenseits des Atlantiks schon begonnen. Seit Oktober 2011 bietet das amerikanische Unternehmen Sequenom dort den Bluttest unter dem Namen "MaterniT21" (Werbeslogan: "klar, bequem, überzeugend") zur vorgeburtlichen Untersuchung an. Bis zum März dieses Jahres hatten die Firmenlabors in San Diego 3.500 Schwangerschaften auf ein Downsyndrom überprüft. Inzwischen entwickeln weitere Unternehmen eigene Untersuchungsverfahren.