Art BrutNachbilder der Seele

Der Schriftsteller Gerhard Roth begleitet seit Langem die Patienten im Haus der Künstler der Nervenheilanstalt Gugging. In einem Bildband fasst er nun seine Erlebnisse zusammen. Ein Vorabdruck

Ich stehe auf, ziehe meinen Mantel an und hinterlasse meiner Sekretärin eine Nachricht, dass ich mich zum Haus der Künstler begebe und in einer Stunde zurück sein werde. Als ich das Gebäude verlasse, begegnet mir niemand. Ich stelle den Kragen auf und gehe im Nebel die Allee hinauf. Die Luft, die ich einatme und die sich düster verfärbt hat, kündigt Schneefall an. Einerseits bin ich in meine Gedanken versunken, andererseits ist mein Blick von einer geradezu wahnhaften Aufmerksamkeit.

Ich komme gerade am Wegweiser mit dem blauen Stern vorbei, den einer der Patienten gemalt hat (der blaue Stern ist sein Markenzeichen). Ich werde durch die Zeichnungen der Patienten im Allgemeinen unruhig, die Arbeiten wirken ansteckend auf mich, sie mobilisieren meine Energie. Mir fällt ein leeres Schneckenhaus am Wegrand auf, ich bücke mich, um es aufzuheben, und höre gleichzeitig, wie jemand an mich herantritt. Als ich aufblicke, sehe ich das glückliche Gesicht eines Patienten aus dem Haus der Künstler vor mir. Er ist dick und sieht gutmütig aus, aber ich nehme mich in Acht, weil ich seine Krankengeschichte kenne: Er hat Zerstückelungsfantasien. Er verspürt den Wunsch, Tiere und Menschen in Teile zu zerlegen, und hat schon mehrmals den Versuch unternommen, jemanden zu töten. Das ist bereits fünfzehn Jahre her, aber seine Fantasien sind geblieben, wie man aus seinen Zeichnungen ersehen kann. Im Allgemeinen habe ich keine Angst vor Geisteskranken, schon gar nicht, wenn sie in der Anstalt sind, wo sie unter Medikamenteneinfluss stehen. Doch in einem geheimen Winkel meiner Seele, um es so auszudrücken, misstraue ich ihnen. Ich kenne die Mordgedanken in den Köpfen sogenannter normaler Menschen, den Wunsch nach Gewalt, das erotische Fluidum, mit dem die Gewalt in ihren Köpfen verhaftet ist. Und ich kenne meine eigenen Fantasien, meine Vorliebe für Filme und Bücher, in denen die Gewalt ein wichtiger Bestandteil ist. Ich habe aber auch eine andere Seite, den Wunsch nach Schönheit – ich meine einer betäubenden Schönheit, wie ich sie in der Oper empfinde oder wenn ich botanische Studien mit dem Mikroskop betreibe. Und gerade bei diesen Gedanken spricht mich der Patient mit den Worten an: »Schön, nicht?« Ich gebe ihm recht. Dabei fällt mir ein, dass er Schneckenhäuser bemalt und verkauft und sich damit ein kleines Taschengeld verdient, das er in der Kantine, die den großartigen Namen Caféhaus trägt, für Zigaretten und Coca-Cola ausgibt.

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Während ich geantwortet habe, habe ich dem Patienten in die Augen geblickt. Ich kann in ihnen oft lesen, in welchem Zustand sich die Kranken befinden. Mein Patient, bemerke ich, ist nicht erregt. Er trägt eine grüne Wollmütze. Der Kopf mit dem feisten Gesicht ruht auf einem kräftigen, kurzen Hals, und seine Hände sind große Klumpen. Jeden seiner fleischigen Finger ziert ein Silberring, wie man sie auf dem Flohmarkt kaufen kann, außerdem hängt im Knopfloch seines Wintermantels ein Schlüsselanhänger mit dem heiligen Christophorus. Mein Blick fällt inzwischen auf das Schneckenhaus. Jedermann weiß, wie es aussieht, und doch ist mir, als gehörte ich zu den wenigen, die wissen, wie kostbar und herrlich so ein Schneckenhaus ist. Es hat etwas Vollkommenes, als sei es der Schlüssel zu einem besseren Verstehen der Welt. Und ganz unter dem Eindruck der Schönheit dieses Fundstückes überreiche ich es dem Patienten, der mir ins Gesicht lacht und es ohne Weiteres in die Manteltasche steckt, wo es hoffentlich nicht zerbrechen wird. [...]

Hinter dem Gebäude der Kinderstation taucht zwischen dem Geäst das Haus der Künstler auf, mit den großen, bunten Figuren an den Mauern, welche die Patienten gemalt haben. Es ist im Vergleich zu anderen Stationen anziehend, ich meine, dort zeigt sich der Wahnsinn von seiner besten Seite. Alle möglichen Leute kommen die künstlerisch begabten Patienten besuchen, vor allem Maler, Schriftsteller und Journalisten, aber auch Ärzte, Richter und Studenten der verschiedensten Fakultäten. Fast immer wenn ich es nicht eilig habe, gehe ich um das Gebäude herum, bevor ich es betrete, denn ein um das andere Mal hat sich etwas geändert. In der Wiese hinter dem Haus stehen signalfarbene Skulpturen, und die weiße Wand ist von den typischen Kopffüßern bedeckt, wie sie der älteste Patient zu zeichnen pflegt. Auch die Tür zum Hintereingang ist bemalt, und durch ein Fenster kann ich in den Heizungskeller sehen, in dem der große Ofen gelb mit roten Tupfen angemalt ist.

Am auffälligsten sind die doppelten Penisse des glatzköpfigen August

Ich erkenne die Arbeit der Patienten auf den ersten Blick. Ihr Charakteristikum ändert sich auch in vielen Jahren nicht, jeder hat seine eigene Handschrift, und es ist bemerkenswert, dass sie schon seit Jahrzehnten zusammen sind, ohne dass einer von dem anderen etwas übernommen hätte. Es ist egal, was geschieht, ob jemand stirbt, ein Neuer hinzukommt oder der behandelnde Arzt ausgetauscht wird: Ihr Stil ändert sich nicht; die Künstler, so nenne ich sie, zeigen auch keine Entwicklung – wie ein Ahornbaum Ahornblätter hervorbringt, die man sofort erkennt, bringt jeder der Künstler Zeichnungen hervor, die für ihn signifikant sind. Am auffälligsten sind die Doppelpenisse des glatzköpfigen, riesigen August, mit denen alle seine seltsamen Gestalten ausgestattet sind.

Leserkommentare
  1. Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich bin dem Link gefolgt und habe die Informationen über Gugging dort gelesen. Zudem habe ich Navratils Buch "Schizophrenie und Kunst" vor vielen Jahren gelesen. Und ich teile Ihre Einschätzung ganz und gar nicht, dass der Arzt Dr. Navratil Geld als Motiv gesehen hat, das Künstlerische, das in vielen seiner Patienten mit der Diagnose Schizophrenie zu Tage trat, zu fördern. Ich denke, es waren eher unkonventionelle, wegweisende Therapieansätze, für die ich durchaus dankbar bin, da es bedeutet, das individuelle Menschsein auch in einem psychisch kranken Menschen anzuerkennen und zu fördern. Und die Kreativität, die sich auf vielfältige Weise ausdrücken kann, bedeutet für jeden - psychisch krank oder nicht krank - ja einen schöpferischen Ausdruck seiner selbst, auch wenn dieser Ausdruck negativ oder destruktiv ausfallen kann. So etwas ist so wichtig wie Atmen!

    Ich bin dem Link gefolgt und habe die Informationen über Gugging dort gelesen. Zudem habe ich Navratils Buch "Schizophrenie und Kunst" vor vielen Jahren gelesen. Und ich teile Ihre Einschätzung ganz und gar nicht, dass der Arzt Dr. Navratil Geld als Motiv gesehen hat, das Künstlerische, das in vielen seiner Patienten mit der Diagnose Schizophrenie zu Tage trat, zu fördern. Ich denke, es waren eher unkonventionelle, wegweisende Therapieansätze, für die ich durchaus dankbar bin, da es bedeutet, das individuelle Menschsein auch in einem psychisch kranken Menschen anzuerkennen und zu fördern. Und die Kreativität, die sich auf vielfältige Weise ausdrücken kann, bedeutet für jeden - psychisch krank oder nicht krank - ja einen schöpferischen Ausdruck seiner selbst, auch wenn dieser Ausdruck negativ oder destruktiv ausfallen kann. So etwas ist so wichtig wie Atmen!

  2. Ich bin dem Link gefolgt und habe die Informationen über Gugging dort gelesen. Zudem habe ich Navratils Buch "Schizophrenie und Kunst" vor vielen Jahren gelesen. Und ich teile Ihre Einschätzung ganz und gar nicht, dass der Arzt Dr. Navratil Geld als Motiv gesehen hat, das Künstlerische, das in vielen seiner Patienten mit der Diagnose Schizophrenie zu Tage trat, zu fördern. Ich denke, es waren eher unkonventionelle, wegweisende Therapieansätze, für die ich durchaus dankbar bin, da es bedeutet, das individuelle Menschsein auch in einem psychisch kranken Menschen anzuerkennen und zu fördern. Und die Kreativität, die sich auf vielfältige Weise ausdrücken kann, bedeutet für jeden - psychisch krank oder nicht krank - ja einen schöpferischen Ausdruck seiner selbst, auch wenn dieser Ausdruck negativ oder destruktiv ausfallen kann. So etwas ist so wichtig wie Atmen!

    Eine Leserempfehlung
  3. Und es ist aus meiner Sicht schön und wichtig, die Menschen in Gugging nicht ausschließlich auf ihre Erkrankung hin zu betrachten und sie darauf zu reduzieren, sondern auch ihr Potenzial zu sehen, in dem Fall das Künstlerische. Sie sind durch diese Wahrnehmung von Außen - und Gugging ist da nur das bekannteste Beispiel - ja auch wiederum mehr mit der "Außenwelt" in Kontakt und werden wahrgenommen. Ich weiss nicht, ob das jeder Einzelne will oder ob es ihm gut tut, aber das ist eine andere Frage ... die, dass jedem Menschen ein Raum und die Möglichkeit des Selbstausdrucks, egal wie dieser ausfällt, zukommen sollte, gerade und besonders in Bereichen, wo Menschen leben, die durch Erkrankungen aller Art betroffen sind und insofern nicht, wie mehr oder weniger gesunde Menschen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

    Skeptisch bin ich, was diesen Text von Gerhard Roth betrifft, der für mich befremdlich steril und distanziert wirkt, so als würde er - sehr interessiert - exotische Geschöpfe in ihrem Käfig studieren, die sich interessanterweise künstlerisch ausdrücken. Sie werden sozusagen voyeuristisch dargeboten. Keine Spur von Nähe ...

    Eine Leserempfehlung
  4. °
    "Geisteskranke"?

    "Im Allgemeinen habe ich keine Angst vor Geisteskranken, schon gar nicht, wenn sie in der Anstalt sind, wo sie unter Medikamenteneinfluss stehen."

    Sehr vielsagend, Herr Roth, sehr vielsagend.
    Allerdings nicht in Bezug auf "die Geisteskranken", sondern in Bezug auf Sie.

    Glücklich, wer für sich eine PatVerfü aufgestellt und sich damit gegen psychiatrischen Zwang abgesichert hat.

    "Geisteskrank?
    Ihre eigene Entscheidung!"
    www.patverfue.de
    "PatVerfü - die schlaue Patientenverfügung."

  5. @ miss morningstar

    Schizophrenie? Was soll denn das sein?
    http://www.zwangspsychiat...

    Sie schreiben:
    "die Menschen in Gugging nicht ausschließlich auf ihre Erkrankung hin zu betrachten und sie darauf zu reduzieren"

    Den Psychiater Navratil interessierte aber genau nur die Kunst von "Geisteskranken".
    Deshalb auch sein Buchtitel: "Schizophrenie und Kunst"

    Hätte ihn Kunst interessiert, dann hätte er an _jeglicher Kunst_ , unabhängig von der "Diagnose" der Autoren, Interesse gehabt.

    Hier steht er in direkter Tradition zum Nazi-Ideologen Hans Prinzhorn und der ihn ehrenden Universität Heidelberg.

    Der Titel "Art Brut" hier ist irreführend, da der Begriff von Jean Dubuffet eingeführt wurde, der sich von der Unterscheidung lossagte. Er sagte, "dass es ebenso wenig eine Kunst der Geisteskranken gibt wie eine Kunst der Magenkranken oder der Kniekranken."
    http://de.wikipedia.org/w...

    Zum Nazi-Prinzhorn und der "Prinzhornsammlung" ("Beutekunst im Hörsaal der Mörder gibt es hier was zu lesen:

    Die Neueröffnung der „Prinzhornsammlung“ gerät zu einer Verhöhnung der KünstlerInnen und zu einer Reinwaschung der Euthanasie-Täter
    http://www.autonomes-zent...
    Beutekunst im Hörsaal der Mörder
    http://www.autonomes-zent...
    Die zynische Republik
    Große Koalition verhindert "Haus des Eigensinns".
    http://www.psychiatrie-er...
    Wem gehört die Prinzhorn-Sammlung?
    http://www.heise.de/tp/ar...

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    • essilu
    • 31.05.2012 um 11:52 Uhr

    ...auf den Begriff "Art Brut" aufmerksam gemacht haben.
    Auch ich bin der Meinung, dass er in diesem Artikel irreführend ist.
    Gleichwohl bekommt jeder, den es interessiert, auf diesem Weg die Anregung, sich über die "Art Brut" Kenntnis zu verschaffen.

    • essilu
    • 31.05.2012 um 11:52 Uhr

    ...auf den Begriff "Art Brut" aufmerksam gemacht haben.
    Auch ich bin der Meinung, dass er in diesem Artikel irreführend ist.
    Gleichwohl bekommt jeder, den es interessiert, auf diesem Weg die Anregung, sich über die "Art Brut" Kenntnis zu verschaffen.

  6. "La Libertà è terapeutica"

    Eine Leserempfehlung
    • essilu
    • 31.05.2012 um 11:52 Uhr

    ...auf den Begriff "Art Brut" aufmerksam gemacht haben.
    Auch ich bin der Meinung, dass er in diesem Artikel irreführend ist.
    Gleichwohl bekommt jeder, den es interessiert, auf diesem Weg die Anregung, sich über die "Art Brut" Kenntnis zu verschaffen.

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