Archie Shepp wird 75Maschinengewehre rosten nicht

Ein Besuch bei dem Saxofonisten und Jazz-Revoluzzer Archie Shepp, der in Paris seinen 75. Geburtstag feiert. von Stefan Hentz

Archie Shepp, 2009 auf der Bühne in Toulouse

Archie Shepp, 2009 auf der Bühne in Toulouse  |  © ERIC CABANIS/AFP/Getty Images

Eine Provinzstraße am Stadtrand von Paris . Wenig Menschen, kaum Verkehr. Leicht heruntergekommene kleine Häuser, sorgfältig in Reihe gebaut. Aus einem dringt Musik: näselnd und zerbrechlich, rau und voll – ein Sopransaxofon. In sanften Bögen gleiten die Töne durch die Oktaven, halten inne, wechseln ihre Farbe. Das Saxofon verstummt, und wenig später erscheint eine gebeugte, aber noch immer stattliche Gestalt im Wohnzimmer des Hauses: Archie Shepp , als Saxofonist einer der Überlebenden aus der klassischen Moderne des Jazz , eine Legende aus der Zeit, als sich der Jazz mit den politischen Hoffnungen der sechziger Jahre verband, mit dem schwarzen Freiheitskampf, der Bürgerrechtsbewegung und dem Geist der Utopie.

Sein Haar ist schütter geworden, die Spannkraft seines Körpers hat nachgelassen. Auch die Stimme, ein satter Bariton, schleppt dem Gang der Gedanken ein wenig hinterher. Doch ähnlich wie er auf der Bühne mit jedem Takt frischer zu werden scheint, lädt er sich auch im Gespräch mit Energie auf, als freue er sich, wieder einmal seine Sicht der Dinge auszubreiten. Shepp war damals einer der Lautesten, ein Rebell, der sein Instrument zum »Maschinengewehr des Vietcong« erklärte und mit dem Schrei seines Saxofons mehr verändern wollte als nur die Welt des Jazz. Er war ein Wortführer des New Thing, der wie kein anderer den Schmerz und die Wut über die noch immer rassistischen Verhältnisse auf den Punkt brachte und mit seiner Revolutionsrhetorik auf der anderen Seite der Barrikade Angst auslöste.

Anzeige

Aber heute ist Archie Shepp milde gestimmt. Ohne dass er seine Inhalte revidiert hätte, entfallen die zugespitzten Thesen über Rassismus und Kapitalismus , die Revolution bleibt unerwähnt. Dabei mag sein neues Leben hier in Paris eine Rolle spielen, die späte Liebe, Monette Berthomier, mit der er sein eigenes Label aufgebaut hat, und die kleine Behaglichkeit zwischen Musikinstrumenten, afrikanischen Holzschnitzereien und der gemütlichen Sitzgruppe in seinem Haus. Und natürlich die freundliche Aufnahme durch das französische Publikum, die seit 1967, seinem ersten Besuch als Musiker , nicht nachgelassen hat. »Die Franzosen waren einfach the most disponible«, spielt er mit einzelnen Worten der fremden Sprache, »für mich und meine Ideen sind sie sehr accueillant«. Am 24. Mai, seinem 75. Geburtstag, krönt die American University of Paris diese Empfänglichkeit mit der feierlichen Verleihung eines Ehrendoktors an den Saxofonisten.

Archie Shepp hat einen weiten Weg hinter sich. Die Kindheit in bescheidenen Verhältnissen bei Fort Lauderdale im tiefen Süden Floridas; die Teenagerjahre im urbanen Norden in Philadelphia ; die schwarze Community, bei der er die fundamentalen Lektionen seiner Musikerlaufbahn lernte: den Respekt vor der musikalischen Leistung der Alten, deren Namen er noch heute nicht ohne »Mister« vorweg nennt. Die Volksmusik der Schwarzen, den Blues und die populären Songs, die sein Vater, ein Amateur-Banjospieler, spielte. Den Klang des schwarzen Gesangs in der Kirche, die er mit seiner Großmutter Rose besuchte. Später spendierte sie ihm auf Pump das erste Saxofon. Sein Dank, die Vertonung seines Gedichts Mama Rose, ist längst zu seiner Erkennungsmelodie geworden.

Mit den Sounds von Blues und Gospel im Gepäck kam Shepp 1960 nach New York und heuerte im Quartett von Cecil Taylor an. »Er hat meinen Blick für die Verbindungen zwischen älteren und jüngeren Stilen der schwarzen Musik geöffnet«, sagt Shepp. Ganz unvermittelt gehörte der Newcomer zur Speerspitze der Bewegung, tauchte an der Seite von John Coltrane auf und rüttelte an den Grenzpfosten der Musik. Dabei geriet er von zwei Seiten unter Beschuss: Hüter der traditionellen Werte warfen ihm vor, er könne nicht spielen, und Puristen der Avantgarde stießen sich am Blues, der in seinem Spiel immer mitklang. Noch in den wildesten Momenten, wenn sich die Melodielinien in Schreien und Fauchen auflösten und der Beat zerbröselte, blieb da dieser Saxofonton, in dem die ganze Geschichte zum Ausdruck kam: Wut und Rebellion, Leid, Heimweh, Sehnsucht.

Schließlich wurde Shepp von einer anderen Realität eingeholt: Vier Kinder waren zu ernähren – am Fachbereich Black Studies der University of Massachusetts nahm er eine Lehrtätigkeit auf. Musikalisch verpuppte sich der Experimentalist mit traditionellen Neigungen zum Traditionalisten mit Neigung zum Experiment. Der Sprung ist kein weiter. »Du kannst Mahalia Jackson nicht von James Brown trennen und James Brown nicht von John Coltrane«, erklärt er uns und positioniert sich damit, obwohl er an diesem Frühlingstag lieber über vergangene Zeiten spricht, mitten in einer aktuellen Debatte. Gerade hat nämlich der amerikanische Trompeter Nicholas Payton einmal mehr gefordert, das Wort Jazz durch das Akronym BAM für Black American Music zu ersetzen, und mit seinem Vorstoß eine Kontroverse in den USA ausgelöst. Was Payne fordert, ist Shepps Rede seit 40 Jahren. »Ich habe darauf bestanden, dass meine Studenten in ihren Seminararbeiten das Wort Jazz vermeiden. Diese Musik beginnt in Afrika , mit Call and Response, Händeklatschen, Fußstampfen, Blues-Tonleitern, die man nicht bei Mozart oder Anton Webern findet, sondern bei kleinen Stämmen in Westafrika

Shepps Musik lebt von dieser Erinnerung ebenso sehr wie vom Aufbruchsgeist. Und der Saxofonist wacht darüber, dass die Verbindungen nicht nur in die Vergangenheit führen, sondern auch in die Gegenwart, zum Blues wie zum Hip-Hop eines Chuck D. Gerade bereitet Archie Shepp eine Big-Band-Version seines legendären Albums Attica Blues vor, die am 9. September in Paris aufgeführt werden soll. Im Juni beginnen die Proben, der Rechner mit dem Kompositionsprogramm ist bereits hochgefahren. Es gibt viel zu tun, Mr. Shepp.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. trennen. Aber James Brown von John Coltrane schon. Sonst dürften wir Elvis Presley auch nicht von Arnold Schönberg trennen und Bruce Lee nicht von Konfuzius.
    Es ist diese Neigung zum afro-amerikanischem Kitsch, die Archie Shepp über die Jahre unauthentisch wirken lassen hat. Seinen Auftritt auf dem Frankfurter Jazzfestival vergangenen Herbst habe ich, nicht zuletzt wegen seiner eingestreuten Heile-Welt-in-Afrika-Geschichtchen als Tiefpunkt seines Wirkens empfunden.
    Er war m.E. bedeutsam in den ’60ern. Leider wirkt er, als sei er im Denken dieser Zeit stehengeblieben

  2. Der Name des Trompeters und Mitinitianten der BAM-Bewegung ist Nicholas Payton.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Herzlichen Dank für Ihren Hinweis. Der Fehler ist korrigiert.
    Beste Grüße aus der Redaktion.

  3. Redaktion

    Herzlichen Dank für Ihren Hinweis. Der Fehler ist korrigiert.
    Beste Grüße aus der Redaktion.

    Antwort auf "Korrektur"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte James Brown | John Coltrane | Anton Webern | Blues | Hip-Hop | Jazz
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

    Geist ohne Lächeln

    Deutschlands oberster Poptheoretiker hat einfach keine Lust auf ein Frühstücksei. Unser Kolumnist versteht sich mit ihm auf animierende Art irgendwie so gar nicht.

    • Der Zahn ist draußen: Kateryna Kasper in Peter Eötvös' "Der goldene Drache" in Frankfurt

      "Aua, aua – Schme-e-erzen!"

      Teuer, träge, selbstverliebt: Der Oper wirft man einiges vor. Trotzdem entstehen derzeit so viele neue Stücke wie noch nie. Warum halten sich so wenige im Repertoire?

      • Paul Kalkbrenner in China: Junge aus Ostberlin

        Junge aus Ostberlin

        Sogar in China tanzen sie jetzt nach seinen Beats: Wie kam es eigentlich, dass Paul Kalkbrenner einer der gefragtesten Techno-Musiker der Welt wurde?

        • Der britische Musiker Robert Plant auf Tour im Juli 2014

          Liebe zum Schlamm

          Alle kommen wegen Robert Plant. Nur unser Reporter ist wegen der Vorband hier, den North Mississippi All Stars. In Berlin erlebte er ein bluesgefärbtes Generationenfest.

          Service